Parasit

Alex Pohl · Kapitel 61 von 68

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Parasit

Kapitel 61

 

A ls ich heute versuchte, zu duschen, kam nur eine eisige, rostrote Brühe aus dem Hahn, und auch, nachdem ich es minutenlang laufen ließ, änderte sich nichts am Zustand des Wassers, meine Laune verschlechterte sich zusehends, und schließlich schleuderte ich den Duschkopf in die Ecke, stellte das Wasser ab und blieb ungeduscht. Eklig.

Ich habe langsam echt keine Lust mehr auf diesen ganzen Mist hier, und wie das Gebäude um uns herum zusammenfällt. Ich verstehe nicht, wie Sophie das alles einfach hinnehmen kann. Dass sie der marode Zustand des Hauses kein bisschen zu stören scheint, während uns jetzt auch noch die hastig zusammengeschusterten Provisorien der Handwerker um die Ohren fliegen, kapiere ich einfach nicht. Sowieso ist sie nur äußerst selten im Haus anzutreffen und streicht lieber durch den nahen Wald. Als gäbe es sonst nichts zu tun. Mir einzureden, dass sie dabei das Gelände inspiziert, um sich ein Bild von den zu erwartenden Renovierungsarbeiten zu machen, habe ich schon vor Wochen aufgegeben.

Sie will gar nichts reparieren, sie will … ich habe keine Ahnung, was sie will, wirklich.

Warum wir überhaupt hier sind.

Wenn man sie denn überhaupt mal zu Gesicht bekommt, trägt sie stets dieses leicht abwesende, verträumte Lächeln auf den Lippen, als lebten wir hier im schönsten Paradies, und ich wäre nur zu dämlich, das einzusehen. Als Dreingabe blieben heute Morgen auch noch die Heizkörper kalt, mal wieder. Also schlüpfte ich in meine eisigen Klamotten und lief nach draußen. Meine aktuelle Haute Couture besteht übrigens aus doppelt getragenen Jogginghosen und mindestens drei viel zu großen Sweatshirts, während sie nach wie vor in makellos sauberer, modischer Kleidung umherläuft, als gäbe sie die Gastgeberin bei einer exklusiven Dinnerparty. Als würde sie das alles hier gar nicht wirklich betreffen.

Manchmal kommt mir ein schrecklicher Gedanke. Was, wenn sie den offensichtlichen Zustand des Hauses gar nicht wahrnehmen kann, weil ihr Gehirn ihr einen Streich spielt und sie glauben lässt, alles wäre in Ordnung? Was, wenn sie aus irgendeinem Grund verrückt geworden ist?

Ich hoffe wirklich, dass es nur eine Phase ist, die schnell vorübergeht und irgendwie damit zu tun hat, dass sie gerade eine kreative Schreibphase hat, wie sie sagt. Idealerweise wird sie mit dem neuen Manuskript allerdings fertig, bevor wir beide erfroren sind.

Dementsprechend ist meine Laune, als ich mich draußen auf die Suche nach ihr mache. Unterkühlt, ungeduscht und noch dazu ohne Kaffee – was das betrifft, sind wir inzwischen auf irgendein Instantpulver umgestiegen, was ich anfangs witzig fand, weil es mich an meine Studententage erinnerte. Mittlerweile komme ich nicht mehr ran an das Zeug.

Da es draußen noch kälter ist als im Inneren des Hauses, und das Gelände wirklich riesig ist, laufe ich nur eine schnelle Runde ums Haus, wobei ich Sophie natürlich nicht finde, was meinen Frust gleich noch mehr anfeuert. Zurück im Haus bin ich völlig durchgefroren, aber zu wütend über diesen Umstand, als dass ich die Suche einfach abbrechen könnte. Daher mache ich mich auf, sie im Haus zu suchen, auch wenn es eher unwahrscheinlich ist, dass ich sie hier antreffen werde.

Eine halbherzige Aktion, ich rufe nicht mal ihren Namen, während ich wahllos irgendwelche Zimmertüren aufreiße. Zielloser Aktionismus, das ist mir durchaus klar, aber ich fürchte, wenn ich mich nicht bewege und irgendetwas tue, werde ich einfach auf dem Boden festfrieren.

Oder vielleicht selbst durchdrehen.

Natürlich finde ich sie auch in den oberen Etagen nicht, aber im letzten Zimmer des Ostflügels im ersten Stock fällt mir etwas auf. Jemand hat die Laken von einem Schreibsekretär und dem dazugehörigen Bürostuhl gezogen, die beide vor dem Fenster stehen. Jemand war hier und scheint an diesem Tisch gearbeitet zu haben. Jemand offenbar, der gerade eine kreative Phase hat und deshalb bisweilen etwas abwesend wirkt, um es milde auszudrücken. Ich werfe einen Blick über meine Schulter zurück in den Gang, aber da bleibt alles ruhig. Wer weiß, wo Sophie sich gerade herumtreibt.

Also betrete ich das Zimmer.

Als ich beginne, die Schubladen des Sekretärs zu öffnen, fahre ich bei jedem Quietschen, das die altersschwache Holzkonstruktion von sich gibt, zusammen. Vor schlechtem Gewissen, vermutlich. Doch grundlos, wie sich zeigt. Die Schubladen sind alle leer. Vermutlich öffne ich die Flügeltüren des Sekretärs nur aus reinem Hang zur Vollständigkeit, denn selbstverständlich sind auch diese leer bis auf ein paar fette Staubflusen auf dem Boden des Schranks. Ich bin schon dabei, die Türen wieder zu schließen, als mir der Papierschnipsel ins Auge fällt.

Also hocke ich mich vor die Tür des Sekretärs und schaue mir die Sache genauer an. Tatsächlich, da lugt ein Eselsohr hervor, das in einem kaum sichtbaren Spalt in der Decke des Schrankfachs feststeckt. Jetzt fällt mir auch der in das Holz der Decke eingelassene Riegel auf. Ein einfacher, aber ziemlich effektiver Mechanismus, weil wohl niemand auf die Idee kommen würde, an dieser Stelle nachzuschauen. Ein Geheimfach, und man müsste schon vor dem Sekretär mit dem Gesicht nach oben auf dem Boden liegen, um es zufällig zu entdecken.

Vorsichtig schiebe ich den Riegel beiseite. Mit einem leisen Klicken springt das bislang verborgene Fach auf. Ein weiteres, verstecktes Schubfach, ideal, um, sagen wir mal, einen drei Finger dicken Papierstapel drin verschwinden zu lassen. Denn ein solcher liegt darin.

Offenbar habe ich das Manuskript zu Sophies neuem Buch gefunden.

Ich sollte das Fach wohl sofort wieder verschließen – und dabei nicht vergessen, die verräterische Papierecke herausschauen zu lassen – und dann schnellstens verschwinden. Das hier geht mich absolut nichts an, Sophie besteht darauf, dass niemand ihre Entwürfe zu sehen bekommt, nicht mal ich. Nicht, bis sie sie so weit überarbeitet hat, dass sie das Licht der Welt erblicken dürfen. Was das betrifft, ist sie fast schon abergläubisch, aber ich schätze, das ist wohl normal bei Künstlern wie ihr. Die haben schließlich alle ihre Macken und Eigenheiten.

Ich sollte es wirklich zurücklegen und ganz schnell vergessen, dass ich es gefunden habe.

Aber ich kann nicht.

Im Moment bin ich einfach zu wütend auf sie. Vielleicht will ich auch einfach nur wissen, ob es sich gelohnt hat, die letzten Monate praktisch wie ein Urmensch zu leben, damit ihre legendäre Muse bei Laune bleibt, oder ob ich mir das alles für eine weitere Sammlung schräg klingender Gedichte um irgendwelche Rosenstiche angetan habe.

Also nehme ich den Stapel heraus und lasse die Blätter vorsichtig durch meine Finger gleiten. Die Seiten sind eng mit Sophies säuberlicher Handschrift beschrieben, hie und da hat sie einige Ausbesserungen und Veränderungen vorgenommen, manchmal ein Wort oder eins ihrer kryptischen Zeichen zwischen die Zeilen gekritzelt. Ich staune, alles in allem scheint sie gut vorangekommen zu sein, schätzungsweise sind das dreihundert Buchseiten, wenn nicht mehr.

Ich beginne zu lesen, ich kann einfach nicht anders, während ich auf den kalten Steinfliesen hocke und mir den Hintern abfriere. Aber das ist schnell vergessen, als ich die ersten Absätze überfliege. Nein, das hier sind keine gefühlsduseligen Gedichte und auch nichts von Rosen. Es ist eine richtige Geschichte, und sie scheint ziemlich gut zu sein. Spannend.

Gleich am Anfang geht es um ein Mädchen, das offenbar mitbekommt, wie ihre Mutter in den Tod springt. Ein Krimi oder Thriller aus Sophies Feder? Schwer vorstellbar, dass sie sich zu derartiger Trivialliteratur herablässt, wobei ich das natürlich begrüßen würde. Als ich das erste Kapitel beendet habe, wird mir klar, dass ich vermutlich gerade das beste in den Händen halte, das Sophie je geschrieben hat, und offenbar hat sie sich dabei an einigen realen Gegebenheiten orientiert, was der Handlung eine besondere Note verleiht. Das Haus, eine dreistöckige Tudorvilla, in dem das Mädchen am Anfang spielt, ist eindeutig das, in dem wir jetzt leben.

Und das Mädchen ...

Als ich die Treppenstufen im Geschoss über mir quietschen höre, lasse ich vor Schreck beinahe den Papierstapel fallen. Dann lege ich ihn hastig wieder zurück in die geheime Schublade und verschließe sie. Hinterlasse alles so, wie ich es vorgefunden habe, bis auf den hervorlugenden Papierschnipsel, aber das bemerke ich in diesem Moment nicht einmal. Mit klopfendem Herzen schleiche ich zur Zimmertür, die immer noch einen Spalt offensteht, stelle mich neben den Türrahmen und lausche auf den Gang hinaus. Ein paar schreckliche Sekunden lang befürchte ich, dass sie das Zimmer betreten wird, um sich an den Sekretär zu setzen und dort weiter an ihrem Manuskript zu arbeiten, doch dann höre ich, wie sie die Treppe nach unten steigt, auf diese träge, langsame Art, die sie sich angewöhnt hat, seit wir hier eingezogen sind in dieses Eisschloss voller Geheimnisse und verborgener Schubladen und Geschichten von kleinen Mädchen, denen schreckliche Dinge zustoßen.

Plötzlich ist mir richtig übel.

Das legt sich erst, als ich höre, wie unten die Haustür hinter ihr ins Schloss fällt. Offenbar ist sie zu einer ihrer weiteren Erkundungstouren aufgebrochen. Ich könnte jetzt vermutlich ungestört weiter in ihrem Manuskript lesen, aber das traue ich mich dann doch nicht. Was, wenn sie gleich wieder zurückkommt? Ich will mein Glück nicht überstrapazieren, auch wenn ich unbedingt wissen muss, wie die Geschichte mit dem Mädchen, das ein wenig an Sophie erinnert, weitergeht.

Stattdessen tue ich etwas Anderes. Ich gehe die Treppe hinauf in den zweiten Stock, aus dem ich Sophie habe kommen hören, dann weiter, in den dritten Stock. Ich muss wissen, ob dieses Turmzimmer aus ihrer Geschichte tatsächlich auch in unserem Haus existiert oder nur in Sophies Fantasie.

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