Parasit

Alex Pohl · Kapitel 60 von 68

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Parasit

Kapitel 60

 

EMMA

 

MANDERLEY

 

6 MONATE SPÄTER

 

D ie Manderley-Villa ist ein Traum, oder könnte es zumindest bald wieder sein. Als wir hier ankamen, war ich dann doch erstmal ganz schön schockiert von dem Verfall, der hier während Sophies Abwesenheit stattgefunden hat. Was Sophie nämlich vergaß zu erwähnen, war, dass die Fotos, die sie mir von Manderley gezeigt hat, über fünf Jahre alt sind, und dass sich seitdem niemand mehr um das Grundstück oder das Haus gekümmert hat.

Wegen ihres Vaters, sagte sie. Er war der letzte der Familie, der hier gelebt hat, und nach seinem Tod ... nun, sie hat wohl einfach nie die Muße gefunden, sich danach noch groß mit dem Haus zu befassen. Der Schmerz und die Trauer über den Verlust ihres Vaters müssen wohl die ausschlaggebenden Gründe gewesen sein, nehme ich an. Aber ich weiß es nicht, sie redet so gut wie nie über ihre Eltern, doch dem Wenigen, das sie sagt, kann ich immerhin entnehmen, dass ihre Mutter schon tot gewesen sein muss, als ihr Vater starb, was bedeutet, dass sie ungewöhnlich jung beide Eltern verloren hat.

Was vermutlich der Grund ist, aus dem sie nicht darüber reden mag. Verständlich.

Sie hat offenbar weder Geschwister, noch hatten ihre Eltern welche, und von Großeltern ist ebenfalls nie die Rede. Merkwürdig, aber schließlich ist Sophie auch eine außergewöhnliche Frau, eine Künstlerin. Vielleicht braucht es solche Narben früh im Leben von kreativen Menschen, damit sie sich später ungezügelt entfalten können. Aber das ist natürlich nur eine Theorie, was weiß ich denn schon davon – als momentan arbeitslose, wenn auch nicht gerade aktiv arbeitssuchende – Lehrerin?

Als wir hier einzogen, habe ich mir das alles in kräftigen, schönen Farben ausgemalt. Und viel zu romantisch, wie sich dann herausgestellt hat. Wie wir das alte, riesige Gebäude Flügel um Flügel wieder herrichten lassen würden. Wie wir vielleicht selbst Hand anlegen würden hier und dort, die Wände in hübschen Pastellfarben streichen, wie jenen, die Sophie für unsere Räume in Élysée ausgesucht hatte. Moosgrün und Smaragd. Eine große Aufgabe, das war mir klar, aber wir haben ja Zeit.

Wir haben alle Zeit der Welt, die Ewigkeit, zusammen.

Bis wir alt und runzelig geworden sind.

Zumindest dachte ich das mal.

Aber warum müssen wir diese Zeit ausgerechnet hier verbringen?

Sophie hat mich durch das Haus geführt und gemeinsam haben wir die Dinge aufgeschrieben, die augenscheinlich reparaturbedürftig sind. Risse im Verputz. Moosflechten auf der Rückseite des Hauses, die wild wuchernde Rasenfläche, Hecken, die dringend gestutzt werden müssten.

Wir waren voller Tatendrang, als wir hier hergezogen sind.

Und verliebt, so verliebt. Als Sophie meinte, wir sollten vielleicht unser Ehegelübde erneuern, mit einer anschließenden Galaparty hier auf dem Gelände, nur im Kreise unserer engsten Freunde, war ich sofort begeistert. Wir würden eine Party geben, im Sommer, mitten im Grünen, an einer langen Tafel, und am Abend würde es ein Feuer geben, und Lampions und ... Bis mir einfiel, dass wir praktisch überhaupt keine Freunde haben. Schon gar nicht, seit wir aus Élysée fortgezogen sind, und damit, unsere Nachbarn dort als echte Freunde zu bezeichnen, tue ich mir dann doch eher schwer.

Irgendwann kam unser Vorhaben wohl einfach zum Erliegen. Wir wohnen nun schon gute sechs Monate hier, und alles, was bisher passiert ist, ist, dass ein paar Handwerker uns einen Flügel im Erdgeschoss notdürftig soweit hergerichtet haben, dass man ihn bewohnen kann. Das geschah an den ersten drei Tagen nach unserem Umzug, und seitdem passierte – eigentlich überhaupt nichts mehr.

Überall stehen Umzugskartons herum, Sophie scheint keinerlei Ambitionen zu haben, sie auszupacken und ich weiß einfach nicht, wohin mit meinem Zeug. Schließlich möchte ich meine Klamotten nicht in irgendein klammes, kaltes Zimmer packen, in dem es nichts gibt außer ein paar mit Schutzfolie verhangenen Möbeln und gigantischen Spinnen. Die Spinnweben lassen zumindest darauf schließen, aber vielleicht ist es selbst denen hier irgendwann zu langweilig geworden und sie sind längst fort.

Jedes Mal, wenn ich Sophie danach frage, wann es weitergehen wird mit den Bauarbeiten, lächelt sie mich nur an, schiebt es dann unter irgendeinem fadenscheinigen Grund auf und sagt: »Bald, Liebes. Schon ganz bald. Lass uns doch erstmal ankommen, ja? Gib uns ein paar Tage, um uns einzugewöhnen.«

Und uns den Arsch abzufrieren.

Bloß, dass wir seit sechs Monaten nichts anderes machen als anzukommen. Wir leben in unseren beiden notdürftig hergerichteten Zimmern, andauern fällt die Heizung aus und eine von uns muss in den Keller gehen, um sie wieder anzustellen. Manchmal kommt literweise rostiges Wasser aus dem Hahn, bevor es klar wird. Und während ich marode Leitungen flicke und mir über rissigen Putz den Kopf zerbreche, streicht sie um das Haus. Spaziert ziellos über das Gelände, die verwilderte Wiese und den angrenzenden Wald. Beinahe so, als wäre sie ein Geist, der an das uralte Gemäuer und das Grundstück gebunden ist, und ich nur ein Besucher. Verdammt dazu, ihr dabei zuzusehen. Ich werde wirklich mit ihr reden müssen, so kann es jedenfalls nicht weitergehen.

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