Parasit

Alex Pohl · Kapitel 37 von 68

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Parasit

Kapitel 37

 

»O kay, ich habe das Video gemacht«, sagt Julian. »Das gebe ich zu. Und mir ist klar, dass das nicht in Ordnung war, das tut mir echt leid.« Das stimmt, aber es fühlt sich dennoch nicht so an, als würde er damit eine schwere Last von seinem Gewissen laden. Er fühlt überhaupt nichts in diesem Moment. Er muss sich zusammenreißen, denkt er. Sich jetzt nicht verplappern. Den Bullen nur das sagen, was sie ohnehin schon wissen. Bloß, woher soll er wissen, was das ist?

»Gut«, sagt Wiesner und zieht sich den Bürosessel heran, auf dem Julian gerade noch gesessen hat, während Willart, der Techniker, weiter fröhlich unter dem Schreibtisch herumkriecht und alle möglichen Kabel löst. Der dritte im Bunde, dieser schnauzbärtige Bär, steht einfach nur herum und guckt Löcher in die Luft. »Du bist Mia also gefolgt, Julian. Nur dieses eine Mal?«

Julian schüttelt den Kopf. Er weiß, dass sie die Bilder auf seinem Rechner finden werden, seine Sammlung. Er weiß, wie das für sie aussehen muss. Vermutlich werden sie sich das Maul darüber zerreißen, und über ihn. Julian hofft inständig, dass niemand an der Schule je davon erfahren wird, nicht seine Mitschüler, vor allem nicht die Mädchen und ganz besonders nicht Viktor Neumann. Der würde ihn glatt umbringen. Der Kerl ist ernsthaft irre, und das ist auch Mia irgendwann klargeworden. Warum sonst hing sie wohl in letzter Zeit ständig mit den anderen bei den Felsen herum, trotz Julians Warnung, sich nicht mit diesen Typen einzulassen? Alles ist schiefgegangen, und dabei wollte er Mia nur beschützen, und das hatte gar nichts mit Frau Stratmann zu tun, aber auch das kann er den Bullen nicht verraten, denn es würde die falschen Fragen aufwerfen.

»Du hast sie gemocht, Mia, hm?«, fragt Wiesner und macht einen auf einfühlsam. Aber er übertreibt es ein bisschen, findet Julian, es kommt nicht glaubwürdig rüber. Und er braucht jetzt keinen verdammten Psychoonkel, er braucht einen Ausweg aus diesem verdammten Schlamassel.

Also sagt er: »Ja, klar. Alle haben sie gemocht. Alle haben sie gemocht.«

»Okay, verstehe«, sagt Wiesner. »Und manchmal hast du heimlich Videos von ihr gemacht?«

Julian schüttelt den Kopf. »Nur dieses eine Mal. Es gibt ein paar Fotos. Ich hab sie aber nicht gestalkt oder so, es war nur ...« Er spricht nicht aus, was es war. Er weiß es nämlich selbst nicht.

»Okay«, sagt Wiesner und mimt weiter den Verständnisvollen. »Wusstest du, dass sie sich im Wald mit Frau Stratmann treffen wollte?«

»Nein.«

»Dann weißt du auch nicht, worüber die beiden da gesprochen haben?«

»Nein, dafür stand ich zu weit weg, es ist nichts zu hören auf dem Video. Ich meine, ich wollte ja nicht, dass die mich sehen ... die hätten mich ja für sonstwas halten können, ´nen Spanner oder so. Dabei war es reiner Zufall, dass ich sie da hab stehen sehen.«

»Klar«, sagt Wiesner. »Und dann hast du das Video ins Netz hochgeladen. Und diese Herzchen? Was sollte das bedeuten?«

Gute Frage, denkt Julian. Verdammt gute Frage. »Ach, nur so ... es sollte sowas wie ein Scherz sein, ich hab nicht nachgedacht.«

»Ein Scherz?«

»Na, weil die Stratmann, also Frau Stratmann ... weil sei doch, na ja ... also, weil sie mit einer Frau verheiratet ist. Ach verdammt, ich weiß auch nicht. Es ist nicht wirklich komisch, überhaupt nicht eigentlich.«

»Hast du etwas gegen Frau Stratmann, Julian? Gab es mal Ärger bei ihr im Unterricht oder so?«

»Nein, überhaupt nicht, sie ist eigentlich voll in Ordnung. Ich meine ... ach, es war echt nur ein dummer Witz, völlig dumm. Das tut mir echt leid. Auch, dass Frau Stratmann deswegen Ärger an der Schule bekommen hat und das alles. Das wollte ich wirklich nicht.«

»Warst du vielleicht eifersüchtig auf Frau Stratmann?«

Julians Kopf ruckt hoch. »Nein! Wieso das denn?«

»Weil Mia sich ihr offenbar anvertraut hat, und nicht, sagen wir mal, dir.«

Hast du eine Ahnung, denkt Julian. Und schüttelt ein weiteres Mal schweigend den Kopf. »Ich wollte einfach ein bisschen auf sie aufpassen. Ist das denn ein Verbrechen?«

»Ganz sicher nicht, Julian, aber das musst du mir jetzt schon mal erläutern: Auf sie aufpassen? Wovor wolltest du sie denn beschützen?«

»Ich wollte einfach nicht, dass sie irgenwelchen Mist macht«, sagt Julian, und erstmals in diesem Gespräch sieht er Licht am Horizont. »Ihr ging es nicht so gut in letzter Zeit. Sie hatte einigen Stress zu Hause, wissen Sie?« Er ist sich ziemlich sicher, dass Wiesner das schon weiß. Umso besser, denkt er. Es ist gefährlich nah an der Wahrheit, aber er hofft, dass der Bulle nur an das Offensichtliche denken wird. »Ich hatte Angst, dass sie vielleicht auf dumme Ideen kommt, nehme ich an.«

»Zum Beispiel auf die Idee, auf den Felsen herumzuklettern?«

»Kann schon sein.«

»Dann hat sie sowas wohl öfter gemacht? Sich mutwillig in Gefahr begebent?«

»Nein, so war es auch nicht. Aber manchmal ...« Wieder überlegt Julian blitzschnell. Was werden die anderen Schüler sagen, falls Wiesner die ebenfalls befragt? Er weiß es nicht. Weiß nicht, ob die seine Darstellung von Mia bestätigen oder widerlegen werden. Aber andererseits, wer weiß schon, was im Kopf einer siebzehnjährigen Schülerin vorgeht? Die Erwachsenen glauben doch sowieso, dass alle Jugendlichen hormongesteuerte Zeitbomben sind, die sie erst entschärfen können, wenn richtige Erwachsene draus geworden sind. Spießige Langweiler wie sie selbst. Also sagt er: »Manchmal hatte sie diese Laune, da war sie echt down. Ich nehme an, wegen ihrem Alten.«

Er blickt kurz zu Wiesner hoch. Er und der schnauzbärtige Teddybär wechseln einen Blick. Das mit ihrem Vater wissen sie also auch schon. Natürlich, denkt Julian, immerhin war sein eigener Vater ja derjenige, der überall herumerzählt hat, dass Mia und ihr Vater sich so laut gestritten haben, dass es noch in ihrem Haus zu hören war, trotz der Entfernung und der Hecke zwischen beiden Grundstücken. Gut, denn das macht es nur noch glaubwürdiger.

Julian entschließt sich, noch ein Detail hinzuzufügen. »Das war echt übel«, sagt er. »Die hatten sich ständig in den Haaren und dem war völlig egal, wie es Mia dabei ging. Manchmal hab ich gedacht, eines Tages tut er ihr mal noch was an.«

»Du meinst ihren Vater, Viktor Neumann?«, fragt Wiesner mit hochgezogenen Augenbrauen, wobei Julian auffällt, dass sein Gesicht jetzt ein paar Spuren blasser wird, als es ohnehin schon ist. Daher weht also der Wind, denkt Julian. Kein Wunder. Staatsanwaltschaft, Polizei, das ist doch alles derselbe Brei. Die so genannte Staatsgewalt. Also nickt Julian so, dass es die Staatsgewalt auch recht gut sehen kann. Sollen die sich mal gegenseitig an die Gurgel gehen, solange sie ihn nur in Ruhe lassen.

»Aber sie war cool«, setzt er noch einen drauf und stößt ein wehleidiges Lachen aus. »Sie hat sich von ihrem Alten nichts sagen lassen, hatte immer ihren eigenen Kopf, hat ihm richtig Paroli geboten. Das hab ich echt an ihr bewundert.« Klar, denkt er, und all das hat sie mir erzählt, während wir händchenhaltend durch den Hamstetter Forst spaziert sind.

Als ob.

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