Parasit
Kapitel 31
H auptkommissar Wiesner scrollt sich ein weiteres Mal durch den forensischen Bericht, auf der Suche nach irgendetwas, das er bisher übersehen haben könnte. Irgendetwas, das dafür sorgen könnte, dass das Bild in seinem Kopf zu einem stimmigen Bild wird. Ein paar Glassplitter von einer Windschutzscheibe in der weiteren Umgebung eines Auffindeorts bringen ihn nicht viel weiter, haben vielleicht überhaupt nichts zu bedeuten, und schon gar nicht genügt so etwas für eine Anklage, da würden sie sich höchstens blamieren mit ihrer abenteuerlichen Theorie, und noch dazu ohne jeden Beweis. Auch wenn ihm besagte Glassplitter die gesamte letzte Nacht im Kopf herumgegangen sind, weshalb er nicht geschlafen hat und jetzt vielleicht ein ganz kleines bisschen dabei ist, vor seinem Bildschirm und dem endlosen Strom von Buchstaben einzudösen.
Als es kracht, fährt Wiesner erschrocken zusammen.
Jetzt ist er jedenfalls wach, und hofft, dass keiner bemerkt hat, dass er das vor einer Sekunde vielleicht noch nicht so ganz war. Besonders nicht derjenige, der gerade für den Krach gesorgt hat, indem er die Bürotür so leidenschaftlich öffnete, dass diese wuchtig gegen den Aktenschrank knallte, der dort steht. Der Mann, der soeben durch diese Bürotür tritt, ist nämlich Oberstaatsanwalt Neumann, in voller Lebensgröße, und mit jeder Menge Wut im Gesicht. Er betritt das Büro, wirft einen kurzen Blick in die kleine Runde, dann geht er zielgerichtet an Schröders Schreibtisch vorbei auf Wiesner zu.
»Sie leiten die Ermittlungen?«, fragt er Wiesner.
Der könnte sich jetzt natürlich dumm stellen, oder von seinem Besucher verlangen, zu erfahren, was er sich bei derlei Auftritten denkt, zumal auf einem Polizeirevier, und was ihn auf den Gedanken bringt, einen Hauptkommissar der Kriminalpolizei auf derart unziemliche Art und Weise anblaffen zu dürfen. Aber Wiesner weiß es besser. Also lässt er das Dummstellen gleich sein und sagt einfach: »Ja, Herr Neumann, das tue ich. Hauptkommissar Wiesner.«
»Gut«, sagt dieser. Immerhin droht er ihm nicht sofort damit, dass er ihn feuern lassen wird oder ähnlich aufgeblasenem Unsinn, wie man das so aus Filmen kennt. Obwohl, bei Typen wie Neumann weiß man nie. Ausreichend hoch angebunden wäre er jedenfalls, um das zu bewerkstelligen. Aber lieber nicht den Teufel an die Wand malen, denkt Wiesner.
Er wirft einen intensiveren Blick auf Neumann, der jetzt vor ihm in die Höhe ragt wie ein Turm. Der Kerl ist eine beeindruckende Erscheinung. Keiner, mit dem man sich anlegen will, dazu riesige Hände, richtiggehende Baggerschaufeln, und einen Ausdruck im Gesicht, als würde er gelegentlich zum Frühstück Bäume verspeisen, und heute wäre so ein Tag, und notfalls würde er wohl auch mit Wiesner vorliebnehmen. Ein kleiner Snack für zwischendurch.
»Also?«, keucht Neumann. »Was haben Sie gegen diese Stratmann in der Hand?« Er keucht vor mäßig beherrschter Wut, und Wiesner vermutet, dass es einiges braucht, um diesen Zustand bei einem Oberstaatsanwalt hervorzurufen, der mit allen Wassern gewaschen ist. Was Wiesner allerdings im Gesichtsausdruck des Staatsanwalts vergeblich sucht, sind Anzeichen von Trauer über den jüngsten Verlust seiner einzigen Tochter. Nun, denkt er, damit geht wohl jeder anders um, und Neumann muss sich eben gerade von jemandem mächtig auf den Schlips getreten fühlen. Nutzt das vielleicht sogar als Ventil. Verwandelt Trauer in Wut. Wiesner ist sich nicht sicher, ob das ein guter Tausch ist, andererseits möchte er auch gar nicht selbst in diese Lage geraten. Oder an Neumann.
Also versucht er, dem Ansturm auszuweichen. »Bitte lassen Sie mich zunächst mein tiefempfundenes Beileid über den Verlust Ihrer Tochter aussprechen«, sagt Wiesner. »Ich kann natürlich verstehen, dass Sie aufgebracht sind, Herr Oberstaatsanwalt, aber ...«
»Aufgebracht!«, schnauft Neumann. »Aufgebracht, sagt der Mann. Ich bin nicht aufgebracht, ich bin stinkwütend, dass diese Schl ..., dass diese Frau noch immer frei draußen herumläuft. Die müssen Sie unter die Lupe nehmen, Mann! Und zwar alle beide!«
»Sie meinen das Ehepaar Stratmann?«
»Ehepaar«, schnauft Neumann verächtlich. Das kann er ziemlich gut, das mit dem Schnaufen. »Das ich nicht lache. Die sind kein Ehepaar, die sind etwas ganz Anderes.«
Damit knallt er eine Akte vor Wiesner auf den Tisch. Grüner Umschlag, nicht das im hiesigen Revier übliche Blau.
»Was ist das?«, fragt Wiesner. Zögert, diesen grünen Ordner anzufassen, geschweige denn, ihn zu öffnen. Denn so läuft das normalerweise überhaupt nicht, dass hier irgendwelche Zivilen reinmarschieren, zu allem Überfluss auch noch Angehörige der Geschädigten, und die Polizei mit etwas versorgen, das sie für Beweise halten. Andererseits ist der Zivile in diesem Fall der Herr Oberstaatsanwalt Neumann, und das ist der Punkt, an dem sich Wiesner einfach nur ganz weit weg wünscht. Schröder starrt derweil angestrengt in seinen Bildschirm, als wäre er allein im Raum und würde zur Abwechslung mal arbeiten. Hat der’s gut, mit seinem zentimeterdicken Fell, um das ihn Wiesner jetzt nur beneiden kann.
»Das ist die Wahrheit über dieses saubere Lesbenpärchen«, behauptet Neumann und tippt mit seinem dicken Zeigefinger nachdrücklich auf den grünen Aktendeckel. Beschriftet ist der Ordner nicht und er sieht auch brandneu aus, vermutlich stammt er aus Neumanns eigenen Beständen. »Da steht alles drin.«
Also schlägt Wiesner den Ordner nun doch auf. Liest, was auf der ersten Seite steht, offenbar ein Fallformular, ganz nach dem ihm bekannten Muster. Allerdings in einer ihm gänzlich unbekannten Sprache.
»Das ist Französisch, Herr Neumann«, bemerkt Wiesner und hasst sich für die dämliche Bemerkung, die ihn klingen lässt wie einen etwas zurückgebliebenen Grundschüler. Um einen letzten Rest von Autorität bemüht, fragt er: »Wo haben Sie das denn her?«
»Ich habe meine Kontakte«, knurrt Neumann. »Aber das Wie spielt auch keine Rolle. Wichtig ist allein, was drin steht. Und um wen es dabei geht.«
Wiesner blättert weiter, während ihm die Hitze ins Gesicht steigt. Dann stößt er auf ein Wort, das ihm bekannt vorkommt.
»Das hier bedeutet, dass es um einen Todesfall ging, nicht wahr?«, fragt er Neumann. Jetzt sind sie beide vollkommen in ihre Rollen geschlüpft. Nachsitzender Schüler und gestrenger Lehrer. Wiesner wünscht sich allmählich, heute Morgen gar nicht erst das Bett verlassen zu haben.
»Ja, das bedeutet es tatsächlich«, erklärt Neumann ungeduldig. »Ein junger Mann ist da umgekommen, eine wirklich ganz bedauerliche Sache, und jetzt blättern Sie mal weiter.«
Wiesner tut es. Zwei Seiten weiter kommt etwas, das Zeugenaussagen sein könnten. Mit angehängtem Foto, er erkennt das Gesicht sofort. Es ist das von Sophie Stratmann, und gleich auf der nächsten Seite noch ein weiteres ihm bekanntes Gesicht, Emma Stratmann, aber in der Akte steht sie noch als Wagner. Beide ein paar Jahre jünger, und bildschön.
»Sie wurden damals als Zeuginnen befragt?«, rät Wiesner, der immer noch nicht begreift, worauf Neumann eigentlich hinauswill.
»Hm«, grunzt Neumann.
»Und worum ging es in diesem Fall mit dem jungen Mann?«, fragt Wiesner, nun ernsthaft interessiert, wenn er es auch vorzieht, im Moment nicht darüber nachzudenken, dass er vielleicht demnächst einem Richter erklären muss, wie er an dieses Material, offenbar Fallakten der französischen Polizei, die etliche Jahre zurückliegen und vermutlich längst geschlossen sind, gekommen ist. »Ich fürchte, mein Französisch ist nicht besonders gut.«
»Na dann«, sagt Neumann, während ein beinahe schadenfrohes Grinsen über sein Gesicht zuckt, »will ich es mal für Sie übersetzen.«
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