Parasit

Alex Pohl · Kapitel 4 von 68

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Parasit

Kapitel 4

 

D ie Tür zum Vorzimmer des Direktors steht ein Stück offen. Doris´ verlassener Schreibtisch steht in der Ecke vor einem wuchtigen Aktenschrank, der leere Bürostuhl dahinter ist an den Tisch geschoben, die Lehne akkurat zur Kante des Schreibtischs ausgerichtet, die Papierstapel auf der Tischplatte sind säuberlich angeordnet. Es wirkt, als hätte hier jemand Feierabend gemacht, der nicht vorhatte, heute noch wiederzukommen. Die Vorstellung, dass Doris, die eigentlich dort sitzen müsste, jetzt gerade vor meiner zwölften Klasse steht und sich als Deutschlehrerin versucht, ist absurd. Vielleicht lässt sie die Schüler ja gerade Bilder malen oder einen Aufsatz über ihr schönstes Ferienerlebnis verfassen, auszuschließen wäre das jedenfalls nicht.

Während ich das Vorzimmer durchquere und auf das Büro des Direktors zugehe, versuche ich angestrengt, mir vorzustellen, was Doktor Weber von mir wollen könnte. Vielleicht geht es ja um einen Schüler, der ihm, überwältigt von schlechtem Gewissen, gestanden hat, dass er hinter dem Zettel und dem Steinwurf auf mein Auto steckt, aber das ist wohl eher unwahrscheinlich.

Zumal an dieser Schule – oder zumindest hoffe ich das inständig.

Denn wenn es nämlich tatsächlich der Grund ist, aus dem ich jetzt vor Webers Bürotür stehe, würde das bedeuten, dass ich Sophie doch noch beichten müsste, dass die Sache mit dem Lkw erfunden war und dass das mit dem Steinwurf ganz woanders passiert ist als mitten auf der Landstraße. Ich müsste ihr dann sagen, dass ich dort war, im Wald, und dass ich sie belogen habe. Und vielleicht auch, wieso.

Gar nicht gut.

Ich atme ein.

Dann stoßweise wieder aus.

Wie im Yoga-Kurs.

Es hilft auch diesmal kein bisschen gegen die aufkommende Panik und für einen Moment bin ich fast so weit, umzukehren und fortzulaufen. Einfach loszurennen wie Forrest Gump und nicht wieder damit aufzuhören, bis ich außer Reichweite von allem und jedem bin.

Stattdessen klopfe ich an die Tür. Einmal, zweimal, dann öffne ich entschlossen und trete ein. Bloß keine Furcht zeigen, sagt Sophie immer.

Weber hebt den Kopf, den er über irgendwelche Papiere gesenkt hatte, und quält sich ein Lächeln raus, als er mich erkennt. Dann verblasst das Lächeln sofort wieder. »Schön, dass Sie es einrichten konnten«, sagt er, ganz professionelle Höflichkeit. »Würden Sie bitte die Tür schließen?«

Ich nicke. Schließe die Tür. Weber deutet auf den Besucherstuhl, der vor seinem Schreibtisch steht. Jedes Möbelstück in seinem Büro ist aus dunkel gebeiztem Nussbaumholz, sämtliche Sitzflächen sind mit hochwertigem Leder bezogen, sogar der Sitz des Besucherstuhls ist ausgesprochen bequem. An den Wänden reihen sich deckenhohe Regale, in denen sich Bücher, Ordner und lose Schriftstücke stapeln, die aussehen, als hätte jemand versucht, absichtlich den Eindruck von Zerstreutheit zu erwecken, die man gemeinhin Genies nachsagt. Ein paar Auszeichnungen und gerahmte Schwarz-weiß-Fotos hängen an den Wänden, auf denen Weber irgendjemandes Hände schüttelt, alles wichtige Leute vermutlich.

Das Leder unter meinem Hintern quietscht nicht mal, als ich mich setze, er muss es wohl gut pflegen. Draußen klatscht der Regen inzwischen in einem Trommelfeuer dicker Tropfen gegen die dreifach isolierte Fensterscheibe.

Der Sturm ist hier.

Weber setzt seine Brille ab, zieht die hohe Stirn unter der Halbglatze kraus, während er mich ernst mustert, und sagt: »Ich fürchte, es gibt ein Problem, Emma. Und zwar ein großes.«

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