Parasit

Alex Pohl · Kapitel 52 von 68

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Parasit

Kapitel 52

 

D ie Polizeimeister Brandner und Drosten saßen bereits seit über zwei Stunden in ihrem Zivilfahrzeug am Straßenrand herum, den Blick starr auf das breite Eisentor gerichtet, das die Einfahrt zum umzäunten Villenviertel Élysée darstellte. Das Ganze auch noch im strömenden Regen und bei Temperaturen, die gerade noch als erträglich zu bezeichnen waren, wovon sie in ihrem klimatisierten Wagen freilich eher wenig mitbekamen. Von der zu erwartenden Frustration, die diese Tätigkeit bei den meisten ihrer Kollegen hervorgerufen hätte, war an diesem Morgen jedoch bei den beiden Beamten nichts zu spüren.

Vielmehr fühlten sie sich ein bisschen wie professionelle Glücksritter, die ein Casino betreten, in der Annahme ein todsicheres System im Gepäck zu haben, mit dem sie endlich den lange begehrten Jackpot knacken würden. Die Art von Karrieredurchbruch, die einem Jackpot gleichgekommen wäre, hatten Brandner und Drosten sich zwar schon seit einiger Zeit abgeschminkt, aber wenn diese Sache hier tatsächlich wie erwartet lief, würden sie in Zukunft zumindest deutlich mehr Mitspracherecht bei der Gestaltung ihres Dienstplans haben, das hatte man ihnen versprochen, und das war immerhin ein Anfang. Obendrein ein bisschen Schulterklopfen von oben, was konnte da schon ein bisschen frühmorgendliches Herumsitzen schaden?

Als das Tor aufschwang und ein nachtgrauer Tesla Model X aus der Einfahrt fuhr, sagte Brandner zu Drosten: »Was so ein Ding wohl kosten mag?«

Drosten zuckte mit den Schultern: »Zu verdammt viel, wenn du mich fragst.«

»Stimmt wohl«, lachte Brandner, und dann: »Na hoppla!«, als der Tesla nahezu sprunghaft in Richtung Hauptstraße beschleunigte.

»Deutlich zu schnell, oder?«, fragte Drosten grinsend, während er ihren Wagen startete, und die Verfolgung des Tesla aufnahm.

»Auf jeden Fall«, stimmte Brandner zu und griff nach der Winkerkelle, die er zuvor griffbereit in den Fußbereich vor dem Beifahrersitz gelegt hatte. Drosten gab indes Gummi, doch es war gar nicht so einfach, an dem Tesla dranzubleiben. Dann gab Drosten Lichthupe, Brandner ließ die Scheibe auf der Beifahrerseite herabgleiten, und streckte den Arm mit der blinkenden Kelle zum Fenster raus.

Kurz bevor der Tesla die Hauptstraße erreichte, wo er vermutlich noch einmal richtig beschleunigen und sie mühelos hätte abhängen können, bremste er ab und hielt schließlich am rechten Seitenstreifen.

»Das war clever, mein Freund«, sagte Brandner mit einem leisen Lächeln. »Immerhin haben wir dein Kennzeichen. Daher solltest du besser keinen Fluchtversuch probieren. Das wird sonst teuer.«

Drosten stieß ein schnaufendes Lachen aus und steuerte den Wagen nun ebenfalls auf den Straßenrand zu und parkte hinter dem Tesla.

»Dann mal los«, sagte Brandner, dann stiegen die beiden Beamten aus.

Sie näherten sich dem Tesla und es folgte das altbekannte Procedere. Oder jedenfalls bis zu einem gewissen Punkt. Während Drosten in der Nähe ihres Wagens zurückblieb, demonstrativ die Hand am Holster seiner Dienstwaffe, schlenderte Brandner in fast schon gemächlichem Schritt auf den Tesla zu. Dessen Fahrer hatte die Scheibe nach unten gleiten lassen und steckte seinen Kopf zum Fenster heraus, während er sich zu dem Polizisten umdrehte und ihn finster anfunkelte.

»Guten Morgen«, säuselte Brandner, und stellte sich vorschriftsmäßig vor. Verlangte dann Ausweis und Fahrzeugpapiere des Fahrzeugführers zu sehen.

Die Zornesfalte auf der Stirn des Fahrers vertiefte sich daraufhin, doch dann zwang er sich zu einem Lächeln. »Ich hab es heute ein bisschen eilig, Jungs«, sagte er. »Wenn es darum geht, dann können wir das auch auf dem kurzen Dienstweg ...«

»Ausweis und Fahrzeugpapiere«, beharrte Brandner. »Und was immer Sie mit kurzem Dienstweg meinen – ich will mal in Ihrem Interesse annehmen, dass Sie nicht gerade versuchen, einen Polizeibeamten zu bestechen. Schon der Versuch stellt nämlich eine Straftat dar, nach Paragraph ...«

»Das musst du mir nicht erzählen, Mensch!«, knurrte der Fahrer. Plötzlich war sie wieder da, die steile Zornesfalte auf der Stirn des Mannes. Brandner amüsierte sich insgeheim köstlich. Und die Show wurde immer besser. »Habt ihr beiden überhaupt eine Ahnung, wer ich bin?«

»Nein«, log Brandner. »Aber gleich werde ich’s vermutlich wissen. Ausweis und Fahrzeugpapiere, bitte. Und wenn Sie weiterhin darauf bestehen, Polizeibeamte zu duzen, werde ich ...«

»Ja?«, blaffte der Mann. »Was wirst du dann tun, he?«

»Okay«, sagte Brandner. »Das reicht. Steigen Sie bitte aus dem Wagen, ganz langsam und vorsichtig. Als würden Sie dabei ein rohes Ei transportieren.«

»Wie bitte?«

»Aus dem Wagen steigen, jetzt«, wiederholte Brandner mit aller Strenge, die er in seine Stimme legen konnte, während er sich gleichzeitig insgeheim fast scheckig lachte über diesen Typ. Solche kann man sich gar nicht ausdenken, dachte er. Die müssen irgendwo an einem Baum wachsen. Einem verdammt hässlichen Baum. Einen Oberstaatsanwalt hätte er sich jedenfalls ganz anders vorgestellt. Irgendwie ehrfurchtgebietender. Aber immerhin war der hier ja auch ein ganz besonderes Exemplar, wie sie seit heute Morgen dank eines anonymen Anrufs erfahren hatten. Nun würde sich zeigen, ob der Anrufer die Wahrheit gesagt hatte.

»Einen Scheiß werde ich!«, rief der Mann. »Es kostet mich einen Anruf, und dann seid Ihr beide eure Jobs los!«

»Natürlich, natürlich«, sagte Brandner und gab Drosten das vereinbarte Zeichen, woraufhin dieser im Laufschritt näherkam, hauptsächlich des dramatischen Effekts wegen.

»Die lernen es einfach nicht, oder?«, sagte Drosten, während er die Dienstwaffe zog. Auch das nur wegen des Effekts. Um klarzumachen, dass der Spaß nun vorbei war. Oder gerade erst richtig begann, je nach Perspektive.

Brandner schüttelte den Kopf. »Tun sie nicht, nein.«

Während Drosten den Herrn Oberstaatsanwalt Neumann sich gegen das Dach seines deutlich zu teuren Wagens lehnen ließ, Hände im Nacken, und überhaupt das volle Programm abzog, beugte Brandner sich in den Wagen und öffnete das Handschuhfach. Darin fand er Papiere, die den Besitzer des Wagens als einen gewissen Viktor Neumann angaben. Nichts davon überraschte irgendwen.

»Sind Sie das?«, fragte Brandner dennoch mit Unschuldsmiene, nur so zum Spaß. »Viktor Neumann, wohnhaft in Elise? Was soll das denn sein?« Brandner gab ein vernehmliches Schnaufen von sich.

»Élysée«, berichtigte Neumann. »Und natürlich bin ich das, Sie haben mich ja gerade aus der Einfahrt fahren sehen, nicht? Haben Sie gelesen, was über dem Tor steht? É-ly-sée. Meine Güte, und jetzt lassen Sie mich wieder einsteigen.«

»Moment noch, ja?«, sagte Brandner. »Vorher würde ich gern noch Ihr Warndreieck, den Verbandskasten und Ihre Warnweste sehen.«

»Seid ihr jetzt völlig verrückt geworden oder was?«, fiel Neumann ins vertrauliche Du zurück. »Ich mach euch die Hölle heiß, ihr beiden Witzfiguren, ich bin Oberstaatsanwalt in Frankfurt.«

»Na, wenn das so ist, Herr Oberstaatsanwalt«, sagte Brandner und schlenderte seelenruhig zum Heck des Wagens, »dann machen Sie jetzt trotzdem mal Ihren Kofferraum auf und zeigen uns Ihr Warndreieck, ja?«

Während Drosten ihn, immer noch mit gezogener Waffe, im Auge behielt, beugte Neumann sich durch das Fenster ins Innere des Wagens und betätigte einen Knopf. Die Heckklappenverriegelung sprang auf und die Klappe fuhr nach oben, wobei ein dezenter Warnton erklang. Brandner zog sich Latexhandschuhe über. Im Inneren des Kofferraums fand er die geforderten Sachen. Warndreieck, Weste und Verbandskasten.

Aber er fand noch mehr.

»Na, was haben wir denn da?«, sagte Brandner und hielt eine etwa handtaschengroße Plastiktüte in die Höhe, die mehrere Brocken einer kristallinen Substanz enthielt. Es hatte mitten im Ersatzrad gelegen, unter der dafür vorgesehenen Abdeckung. Neumann hatte sich noch nicht mal die Mühe gemacht, es zu verstecken. »Entweder ist der Herr Neumann ein Liebhaber von Kandiszucker oder das Zeug hier ist etwas anderes.«

»Etwas ganz anderes, würde ich sagen«, bestätigte Drosten. »Wollen Sie nicht etwas dazu sagen, Herr Neumann?«

Der Angesprochene verdrehte den Kopf in Richtung Kofferraum, so gut das sein massiger Leib zuließ, den er gegen die Seitenwand des Autos presste. »Was?«, krächzte er, als er den Beutel in Brandners Hand sah. »Was soll das denn? Dieser Scheiß gehört mir nicht. Versuchen Sie etwa, mir das unterzuschieben? Was soll das, verdammt?«

»Natürlich gehört Ihnen das nicht«, sagte Brandner und nickte langsam. »Und vielleicht ist es ja auch gar nicht das, wonach es aussieht, nämlich ... also rein hypothetisch, versteht sich ... eine handelsübliche Menge Methamphetamin, im Volksmund auch als Crystal Meth bekannt. Und mit handelsüblich meine ich, weit über einer Menge, die als Eigenbedarf ausgelegt werden könnte.«

»Ich nehme solchen Scheißdreck nicht.«

»Das hat auch niemand behauptet, Herr Neumann. Aber ich denke, es wäre das beste, wenn Sie die Fahrt in unserem Wagen fortsetzen, bis geklärt ist, worum es sich bei der Substanz handelt und wie sie in Ihren Kofferraum kommt.«

»Das gibt eine Dienstaufsichtsbeschwerde«, wetterte Neumann. »Danach könnt ihr beiden Clowns euch direkt beim Arbeitsamt anstellen.«

»Ach, wenn Sie wüssten, wie oft man uns sowas schon an den Kopf geworfen hat«, sagte Brandner mit einem nonchalanten Lächeln. »Und doch sind wir noch hier, an der Spitze der Karriereleiter, wie Sie sehen.«

Drosten kicherte. »Also ich finde, der Verdächtige zeigt sich enorm unkooperativ. Vielleicht sollte mal jemand überprüfen, ob er nicht doch selbst auf dem Zeug ist. Vermutlich wäre außerdem eine Leibesvisitation angeraten.«

»Da ist was dran«, sagte Brandner und schüttelte betrübt den Kopf, während er das Meth in einen Beweismittelbeutel stopfte, in den es kaum hineinpasste. Denn natürlich war es Crystal Meth und kein Zucker – das war ihnen allerdings schon klargewesen, als sie heute Morgen vor den Toren Élysées Aufstellung genommen hatten, ebenso wie der Name, das Fahrzeugmodell und das Kennzeichen ihres ›Kunden‹ ihnen da schon längst bekannt gewesen war. Hier zeigte es sich mal wieder, dachte Brandner vergnügt. Verbrechen zahlt sich eben nicht aus. Irgendwann verpfeift einen immer irgendwer.

Sogar, wenn man Oberstaatsanwalt ist.

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