Parasit
Kapitel 47
D er Bunker befand sich in einem Teil des Geländes, der ihr als kleines Mädchen verboten gewesen war – eine überwucherte Stelle abseits der großen Rasenfläche, die bereits nach ein paar Metern in dichten Wald überging – an dieser Stelle war sogar auf einen Zaun verzichtet worden, weil ein ausreichend breiter und tiefer Fluss das Gelände in diese Richtung begrenzte und ein Wanderer (oder Dieb) stundenlang querfeldein durch dichte Vegetation hätte marschieren und anschließend durch den Fluss hätte waten müssen, um auf das Gelände zu gelangen. Sie erinnerte sich daran, jemanden sagen gehört zu haben, dass die Villa einst irgendwelchen Nazioffizieren als Kaderschule oder so etwas gedient hatte, und vermutlich war der Bunker ein Überbleibsel aus jener Zeit.
Ob ihr Vater wohl davon gewusst hatte?
So stieß sie während eines ihrer Spaziergänge auf eine flache Steinplatte mitten im Wald. Eigentlich kein Stein, stellte sie bei näherem Hinschauen fest, sondern rissiger und von Moosen überwucherter Beton, der eine gute Handbreit aus dem Boden ragte. Interessiert schob sie das feuchte Laub beiseite, das die Fläche in einer dicken Schicht bedeckte, bis sie schließlich die gesamte Platte freigelegt hatte, die etwa fünf mal fünf Meter maß – und eine verrostete Stahltür, die genau in der Mitte dieser Fläche eingelassen war. Diese war rund und hatte einem langen Hebel an der Außenseite. Die junge Frau zerrte an dem Hebel, bis er schließlich nachgab, und sich die Falltür quietschend öffnete. Das Ding war unheimlich schwer, aber die Neugierde der jungen Frau war größer als der Widerstand der verrosteten, uralten Einstiegsluke. Ächzend und mit schmerzendem Rücken zog sie die Falltür gänzlich auf, die krachend auf den Betonboden aufschlug. Es mochte Jahrzehnte her sein, dass jemand diese Luke bewegt hatte.
Dann war der Bunker offen.
Sie lugte hinein und sah Sprossen, grob in die Wand eingemauert, die allem Anschein nach ebenfalls aus Beton war, alles sehr pragmatisch und wenig schön. Die junge Frau knipste die Taschenlampe an, die sie vorsorglich mitgebracht hatte, und stieg hinab in die Dunkelheit, während ihr der Geruch von feuchten Wänden entgegenschlug, und sie einen panischen Moment lang an eine Gruft denken musste. Was, wenn jemand käme und den Deckel über ihrem Kopf zuschlüge und sie einsperren würde?
Aber es war natürlich niemand hier, keine Menschenseele weit und breit.
Als sie von der letzten Sprosse stieg und sich umsah, bemerkte sie, dass der gesamte Raum mit Kisten vollgestellt war. Gut zwei Dutzend davon, und erstaunlicherweise waren es Pappkartons – und daher wenig überraschend in einem sehr bedauernswerten Zustand, denn sie mussten seit vielen Jahren hier unten gestanden haben, in der Kälte, der Dunkelheit und der Feuchtigkeit. An einigen Stellen hatten sich auf dem Kellerboden Pfützen gebildet, an den Wänden wucherten Moos und langstielige Pilze. Der feuchte, unverputzte Beton bröckelte von den groben Wänden.
Wer war bloß auf die Idee gekommen, in solch einem Raum ausgerechnet Pappkisten zu lagern, und was mochte wohl darin sein? Weitere Andenken aus der Nazizeit?
Sie trat näher auf die Kartons zu. Die kleinen Papptürmchen waren in sich zusammengerutscht, einige waren umgefallen und hatten ihren Inhalt auf den Boden erbrochen. Die junge Frau hockte sich hin und richtete den Strahl ihrer Lampe auf das, was die Kisten enthalten hatten.
Es waren Taschenbücher, jede Menge davon, und in verschiedenen Zuständen des Verfalls. Durchweicht und aufgequollen, manche gut doppelt so dick, wie sie es eigentlich hätten sein sollen, unnatürlich aufgebläht von der Nässe, die sie aufgesogen hatten, wie kleine papierne Wasserleichen. Auf anderen hatte sich Moos gebildet. Sie sah Spuren von Ratten, wie auch immer die hier reingekommen sein mochten.
Dann sah sie richtig hin.
Es waren Ausgaben ein und desselben Taschenbuches, gestapelt, zu Haufen geschichtet und kistenweise dem Verfall preisgegeben. Eines Buches, das die junge Frau sofort erkannte, immerhin hatte sie es selbst geschrieben. Und so erfuhr sie, wie es gekommen war, dass ihr Debütroman auf Anhieb zu einem Bestseller geworden war. Ein Bestseller, den in Wahrheit niemand hatte lesen wollen.
Keine Menschenseele.
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