Parasit

Alex Pohl · Kapitel 57 von 68

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Parasit

Kapitel 57

 

EMMA

 

ÉLYSÉE, HEUTE

 

I ch kann es immer noch nicht richtig fassen, wieder frei zu sein. In Élysée herrscht auch zwei Wochen nach meiner Rückkehr noch eine Stimmung des Unverständnisses und ja, auch der offenen Abscheu gegenüber Viktor Neumann und dem, was er getan hat. Absolut zu Recht. Keiner hätte so etwas annähernd für möglich gehalten, zumal hier in Élysée. Ein Vater, der seine eigene Tochter erschlägt, weil sie seinen Drogengeschäften auf die Spur gekommen ist. Seine eigene Tochter! Schließlich sind wir hier ja nicht in irgendeinem Ghetto oder der Frankfurter Bahnhofsgegend. Das höre ich unsere kultivierten Nachbarn kopfschüttelnd sagen. Als ob die jemals in einer solchen Gegend oder auch nur in der näheren Umgebung gelebt hätten, oder auch nur eine grobe Vorstellung davon haben, wie das sein muss.

Mir hingegen begegnen sie, als wäre ich der Mittelpunkt ihres Lebens, und vielleicht bin ich das für den Moment ja auch. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, nachdem mir Sophie gesagt hat, dass direkt nach meiner vorläufigen Verhaftung überhaupt niemand bei ihr vorbeigeschaut hat, kein einziger Nachbar, von Vivian Lasalle abgesehen. Niemand sonst hat sich auch nur für Sophies Darstellung der Ereignisse oder ihre Meinung zu den Vorwürfen gegen mich interessiert. Geschweige denn für meine.

Was nur bedeuten kann, dass unsere Nachbarn mir das grausame Verbrechen, das Neumann mir in die Schuhe schieben wollte, noch vor ein paar Tagen tatsächlich zugetraut haben. Wenn ich mir das vor Augen halte, kann ich sie kaum anschauen, wenn sie mir begegnen. Kann nicht zurücklächeln, wenn sie mir die Hand schütteln.

Dann will ich nur noch auf dem schnellsten Wege weg von hier.

Es stimmt schon, und was das betrifft, hatten wohl auch meine Eltern recht, trotz all ihrer missmutigen Ablehnung der Ehe von Sophie und mir und unseres kultivierten Lebensstils. Auch wenn ich mich bisher immer noch nicht dazu durchringen konnte, Mutter anzurufen und ihr von dieser Sache zu berichten – keine Ahnung, ob ich das überhaupt noch will – lagen sie zumindest richtig, was die Einwohner von Élysée betrifft. Jeder von ihnen versteckt sich hinter einer Maske aus Geld und Gleichgültigkeit.

Ich hätte es früher bemerken sollen.

Ich weiß, dass Geld die Menschen nicht zu Engeln macht, schon gar nicht unglaublich viel Geld. Wenn überhaupt, dann ist das Gegenteil der Fall, was Viktor Neumann uns allen eindrucksvoll demonstriert hat. Ich habe gesehen, was Martha ihrem Pudel angetan hat. Ich habe mir das nicht nur eingebildet, und was die Eulen betrifft ... ich will eigentlich gar nicht mehr darüber nachdenken. Sollen sie ihre Spielchen spielen, mit ihren Luxusvillen und ihren Schönheitsoperationen und den Drogen und dem ganzen anderen Scheiß. Sollen sie sich doch von mir aus gegenseitig umbringen, wenn sie Spaß dran haben.

Ohne mich und Sophie, jedenfalls.

Was den unglücklichen Buster betrifft, bin ich inzwischen fest überzeugt davon, dass Martha es irgendwann tatsächlich übertrieben und ihn getötet hat. Es würde mich nicht wundern, wenn sie ihn tatsächlich unter ihren Rosenbüschen hat. Auch sie hat uns die trauernde Hundemami nur vorgespielt. Sie hat sich übrigens schon seit einer Weile nicht mehr bei uns blicken lassen. Macht nichts, wir werden dieser halb irren alte Schachtel bestimmt keine Träne hinterherweinen.

Wir haben ja uns.

Sophie und ich, in Liebe, für immer. Wie schön es ist, das zu denken. Es auszusprechen und es leben zu können, jeden Tag, ohne Angst haben zu müssen, dass unsere Lebensweise irgendwem nicht in den Kram passt. Nein, ich denke, ich werde Mutter nicht anrufen. Vielleicht überhaupt nie mehr.

Ja, vielleicht überhaupt nie mehr.

Ich habe gehört, dass es bereits jede Menge Interessenten für das Neumann-Haus gibt, das demnächst zum Verkauf stehen soll. Diese Leute scheint es nicht im Geringsten zu kümmern, dass in dem Haus ein siebzehnjähriges Mädchen durch die Hand ihres Vaters zu Tode kam. Aber auch das wundert mich inzwischen auch nicht mehr.

Nicht bei diesen Leuten.

Mein Bauchgefühl hat von Anfang an recht gehabt, wir gehören einfach nicht hierher. Nicht in diesen goldenen Käfig, der das Schlechte in unseren Mitmenschen erst zum Vorschein bringt, wie durch die Linse eines Mikroskops. Und nein, damit meine ich nicht bloß das Geld. Es geht nicht darum, wie vermögend jemand ist, sondern darum, was das aus einem macht. Was man zulässt, dass es aus einem macht.

Inzwischen stimmt Sophie mir übrigens zu, was das betrifft. Wir werden fortgehen und das Haus wieder verkaufen, in dem wir uns doch nie so richtig zu Hause gefühlt haben, und das, obwohl sich Sophie solche Mühe gegeben und das Anwesen hergerichtet hat, innen wie außen. Aber nach allem, was hier passiert ist ... Nein, das ginge einfach nicht, auch wenn die Einwohner von Élysée mich gerade als sowas wie die Heldin des Viertels bejubeln, es geht nicht.

Ich bin keine Heldin. Wenn, dann verdient Sophie diesen Titel, oder vielleicht unser Anwalt Schlesinger, der ohnehin aussieht wie ein etwas in die Jahre gekommener Superman. Immer, wenn ich an den freundlichen Mann mit dem weißen Schnurrbart denke, stiehlt sich ein Lächeln auf meine Lippen.

Immerhin verdanke ich ihm meine Freiheit.

Direktor Weber hat sich nach Neumanns Festnahme natürlich umgehend bei mir entschuldigt. Nicht in aller Öffentlichkeit, versteht sich, sondern quasi privat, in seinem Büro, und mir angeboten, nach den Ferien wieder als volle Lehrkraft einzusteigen. Ich dankte ihm höflich und sagte, ich würde noch ein bisschen Zeit brauchen, um mir das zu überlegen. Ich musste mich schwer zusammenreißen, ihm nicht an Ort und Stelle eine zu knallen, verdient hätte er es jedenfalls.

Und seinen Job kann er sich in die Haare schmieren.

Ich weiß auch schon, wo wir demnächst unsere gemeinsame Zeit verbringen werden. Sophie hatte eine tolle Idee. Wir werden in das alte Herrenhaus ihrer Familie ziehen, eine dreigeschossige Tudorvilla mitten im Wald, zurück nach Manderley, wie sie im Scherz nennt, nach einem alten Hitchcock-Film, wie sie sagt. Ich habe noch nie von diesem Film gehört, aber Sophie scheint fast zu platzen vor Vorfreude, und dem schließe ich mich gerne an, solange wir nur so schnell wie möglich von hier verschwinden.

Auf den Fotos, die sie mir von Manderley gezeigt hat, sieht es wunderschön aus, geradezu märchenhaft. Wie ein verwunschenes Prinzessinnenschloss mitten im Wald. Ich stelle mir vor, dass die Wände des alten Gemäuers von Efeu überwuchert sind, und vielleicht gibt es in einem der Türme, welche dem Gebäude beinahe den Eindruck einer mittelalterlichen Burg verleihen, sogar eine dunkle kleine Kammer, in der ein Spinnrad steht, wie bei Dornröschen. Vielleicht bin ich aber auch nur eine hoffnungslose Romantikerin.

Ich verstehe gar nicht, warum sie mir die Bilder nicht schon früher gezeigt, oder warum wir bisher nicht ein einziges Mal hingefahren sind.

Sie muss eine wundervolle Kindheit dort gehabt haben.

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