Parasit
Kapitel 67
I ch finde Sophie schließlich im Turmzimmer. Sie steht am Fenster, die alten Vorhänge hängen schlaff und grau herunter, vollgesogen vom Nieselregen. Kaum ein Lüftchen weht und es ist unsagbar kalt hier oben. Sie macht mir Angst, sie muss sich ja den Tod holen, wenn sie schon länger hier oben herumsteht.
»Hey, was …?«, beginne ich, aber sie deutet nur wortlos auf das Sofa in der Ecke und das Tischchen, das davor steht. Darauf liegt ein Papierstapel, den ich sofort erkenne, beschwert mit einem faustgroßen Kiesel, damit die einzelnen Blätter nicht davongeweht werden. Ich runzle dennoch die Stirn, als wüsste ich nicht, was das ist und sähe den Stapel zum ersten Mal.
»Mein Manuskript«, sagt sie. »Lies.«
»Was denn?«, frage ich. Bemerke, dass meine Stimme verschliffen klingt. »Das ganze Ding? Wollen wir das nicht unten im Wohnzimmer machen? Hier oben ist es doch bitterkalt. Kannst du nicht wenigstens das Fenster zumachen?«
»Nur die paar Teile, die du noch nicht kennst«, sagt sie mit Bestimmtheit. Na toll, das weiß sie also auch schon, hat es vermutlich schon die ganze Zeit gewusst. Es ist mir beinahe egal. Sollte ich jetzt wirklich noch ein schlechtes Gewissen haben? Nach dem, was sie da reingeschrieben hat, über mich?
Über uns?
»Ich denke, er ist gut geworden«, sagt sie. »Was meinst du?«
Ich nicke nur stumm. Wozu sollte ich versuchen, zu leugnen, dass ich das meiste schon kenne? Und es stimmt, der Roman ist wirklich gut. Längen besser als dieser kitschige ›Stich der Rose‹-Unfug.
»Ich hab eine Markierung reingemacht, da, wo es interessant wird«, sagt sie, und als ich den Stein zur Seite lege und vorsichtig durch den Stapel blättere, finde ich es gleich. Eine Rose, plattgedrückt und getrocknet, ausgerechnet. Ich lege auch sie vorsichtig beiseite und beginne zu lesen.
Der Text beginnt damit, dass sie noch einmal auf Frankreich eingeht. Sie schreibt, sie habe dafür gesorgt, dass Mathieu zum Trinker wurde. Habe ihm Gedanken in den Kopf gesetzt, Gedanken an Eifersucht und Untreue und sich damit selbst zur Märtyrerin der Liebe gemacht. Ich wage kaum, aufzusehen, so verrückt liest sich das alles. Märtyrerin der Liebe! Mathieu war irgendwann von mir gelangweilt, von dem provinziellen Leben in seinem kleinen Dorf, von unseren immer gleichen Gesprächen, von den scherzhaften Flirts zwischen Sophie und mir, ach, was weiß ich. Und er war ein Trinker. Ist es immer schon gewesen. Ich hatte ohnehin vor, ihn zu verlassen, ich bin eigentlich nur wegen Sophie geblieben, und sie wegen mir.
Aber als ich dann lese, dass sie ihn ganz bewusst provozierte, damit er auf mich losgeht, dort oben auf dem Turm, da weiß ich, dass das nicht stimmen kann. Dieser angebliche Roman mag autobiografische Züge tragen, aber er ist auch sehr durch Sophies Sicht der Dinge eingefärbt.
Es war ein bedauernswerter Unfall, weiter nichts.
Ein Unfall, den wir wie einen Selbstmord aussehen ließen, weil wir befürchteten, niemand würde uns glauben, was wirklich passiert ist. Aber dennoch war es ein Unfall, weiter nichts. Selbstverteidigung. Wenn aber jemals jemand das hier liest, dann wird man uns ziemlich sicher beide wegen Mordes anklagen. Warum zum Teufel schreibt sie solchen Unsinn in ihr Manuskript?
Doch dann fällt mir Mia Neumann ein.
Mein Kopf ruckt hoch, bevor ich etwas dagegen tun kann. Mein Magen zieht sich zu einem schmerzenden Klumpen zusammen. Meine Blicke finden ihre Augen, und als ich das traurige Lächeln darin sehe, wird mir alles klar.
Alles.
Wieder nickt sie, kaum merklich.
»Ja, meine Liebe«, sagt sie. »Ich habe die Kleine aus dem Weg geschafft. Sie ist zu mir gekommen, nach dem Streit mit ihrem Vater, ausgerechnet. Kann man sich das vorstellen? Aber natürlich wollte sie nicht wirklich zu mir. Sie wollte eigentlich zu dir, aber du warst ja nicht da. Weil du dich im Forsthaus mit deinem Liebhaber Simon vergnügt hast. Dachtest du wirklich, ich wüsste nichts davon?«
»Ich habe nicht …«, stammele ich, völlig gelähmt vor Entsetzen. Sie hat es gewusst, die ganze Zeit?
»Ich hatte es zumindest geahnt«, korrigiert sie mich, als habe sie gerade meine Gedanken gelesen. »Schon vor dem Video, aber als ich das gesehen hatte, war mir alles klar. Du bist eine sehr schöne Frau, Emma, eine begehrenswerte Frau. Da muss ich wohl davon ausgehen, dass das auch anderen auffällt. Aber ich kann dich nicht teilen,verstehst du? Du gehörst mir. Ganz allein mir.«
Mir kommt ihr Vater wieder in den Sinn, der nie zu Hause war und seine mangelnde Liebe durch materielle Zuwendung auszugleichen versuchte. Die Bücher im Bunker, und ihre Mutter, die sich vor lauter Einsamkeit vor den Augen ihrer Tochter in den Tod stürzte. Ihre Launen in den letzten Monaten, dieses morbide Versinken in einen Dämmerzustand, einen Dornröschenschlaf, nur ist sie selbst es, die sich mit diesem Fluch belegt hat. Uns beide. Weil es stimmt – sie ist unfähig, allein zu sein. Genauso, wie sie unfähig ist, sich mit einer Situation abzufinden, in der sie nicht ihren Willen bekommt. Sie wollte mich, damals in Frankreich, und was sie will, bekommt sie auch.
Ich hätte es wissen müssen.
»Natürlich habe ich die Schuld nicht bei dir gesucht«, sagt sie. »Dieser ekelhafte Kerl Simon Schwarz, der sich dir aufgedrängt hat, ich habe es nie verstanden, aber ich hielt das Problem für gelöst. Ein einmaliger Ausrutscher, das versicherte er mir, als ich ihn zur Rede stellte. Er versprach, sich von dir fernzuhalten, auch wenn ich ihm das natürlich nciht glauben konnte. Ich kenne die Männer, weißt du? Also habe ich dafür sorgen müssen, dass er sich dir nie wieder aufdrängt – oder irgendwem sonst. Mit Mia war es dasselbe. Eine hormongesteuerte Schülerin, verzweifelt auf der Suche nach einer Ersatzmutter. Jemandem, zu dem sie aufsehen kann. Sie hat deinen Mut bewundert, weißt du? Das hat sie mir selbst gesagt. Deinen Mut, dass ich nicht lache. Was hattest du denn je im Leben auszustehen, Emma? Irgendwann habe ich ihr verheultes Geplärre nicht mehr ausgehalten und ihr die Weinflasche auf den Kopf geschlagen. Nur ein einziges Mal, aber sie ist sofort zu Boden gegangen und hat sich nicht mehr geregt ...«
»Das ist Unsinn, Sophie«, sage ich sanft. »Du musst dir das einbilden. Neumann hat seine Tochter umgebracht, weil sie seine Drogengeschäfte auffliegen lassen wollte, das hat die Polizei doch eindeutig …«
»Die Polizei«, sagt sie in verächtlichem Tonfall.
Plötzlich kommt mir Schlesinger in den Sinn, und sein Compagnon Harforch. Wären die tatsächlich in der Lage, Neumann einen Mord unterzuschieben, auf Geheiß ihrer vermögenden Klientin? Würde Schlesinger sich zu so etwas herablassen? Man würde es nicht glauben, andererseits habe ich Harforch kennengelernt, und dieser Typ war mir nie geheuer. Allein die Tatsache, dass ein gestandener Anwalt wie Schlesinger sich einer solch zwielichtigen Gestalt bedient … kann es tatsächlich sein, dass ein Mann völlig unschuldig wegen des Mordes an seiner eigenen Tochter im Gefängnis sitzt – nur, damit ich nicht ins Gefängnis muss?
Und dann kapiere ich es. Nein, es ging nie wirklich darum, ob ich wegen Mordes angeklagt werde. Sondern darum, dass Sophie mich zurückbekommt. Wie einen Gegenstand, auf den man nicht verzichten möchte. Wie einen liebgewonnenen Besitz. Und sie bekommt immer, was sie will.
»Du gehörst mir«, sagt sie leise noch einmal, über das Rascheln der schlaffen Vorhänge vor dem Fenster hinweg. »Und niemandem sonst. Ich konnte es nicht zulassen, dass sich irgendjemand zwischen uns drängt, Emma. Ich könnte es nicht ertragen, dich zu verlieren.«
»Und deshalb hast du Simon Schwarz getötet? Und eine unschuldige Schülerin? Weil du glaubtest, sie würden sich zwischen uns drängen?« Noch während ich das sage, versuche ich, die Lücke in ihrer Logik zu finden. Den eindeutigen Beweis, dass sie das letzte halbe Jahr damit verbracht hat, sich eine Theorie zurechtzubasteln, derzufolge sie die Mörderin von Mia Neumann ist, wider jede Vernunft. Einen Beweis, dass ihr Schriftstellerhirn da mit ihr durchgegangen sein muss.
Aber je länger ich das versuche, desto schwerer fällt es mir.
»Sie war sofort tot, Emma«, fährt sie mit ihrer grausigen Erzählung fort. »Sie wusste gar nicht, wie ihr geschah. Es gab nicht mal sonderlich viel Blut, weißt du? Später habe ich sie in dicke Plastikfolie aus dem Garten gehüllt, ins Auto verfrachtet und zu der Felsspalte gefahren. Ich wusste, dass die Jugendlichen da immer abhängen, also habe ich sie einfach da reingeworfen. Vermutlich, um es so aussehen zu lassen, als sei sie von allein da reingestürzt. Ich habe nicht darüber nachgedacht, das kam erst später.«
»Aber das stimmt nicht«, beharre ich. »Man hat die Weinflasche in Neumanns Glasmüll gefunden, und sie passte zu Mias Kopfwunde. Seine Fingerabdrücke waren die einzigen, die dran waren. Außerdem das fortgewischte Blut in seiner Küche.«
»Erinnerst du dich an unseren Besuch bei ihm? Ich habe ihm die Flasche als Mitbringsel geschenkt, mit der ich am Abend zuvor seine Tochter getötet hatte, ein Schwein wie er hat es nicht besser verdient. Wir haben gemeinsam daraus getrunken an jenem Abend, und ich habe darauf geachtet, vorher meine Fingerabdrücke von der Flasche abzuwischen. Und das Blut in der Küche? Das war meins, Liebes, deshalb habe ich das Weinglas ja überhaupt erst umgeschmissen. Als ich dann die Tücher aus der Küche holte, habe ich mich mit einer Scherbe geschnitten, ein bisschen Blut in der Küche verteilt und es wieder weggewischt. Ich wusste, dass man die Blutreste unter Schwarzlicht zwar sehen, sie aber höchstwahrscheinlich nicht würde zuordnen können.«
Wenn sie sich das wirklich ausgedacht hat, hat sie wirklich an alles gedacht. Ich lasse mich schwer in die Polster sinken, den kleinen Papierstapel mit dem Manuskript immer noch auf dem Schoß.
»Als wir herzogen, dachte ich, das wäre unser Neuanfang«, sagt sie leise. Meine Nackenhaare stellen sich auf, aber diesmal nicht vor Kälte. »Niemand mehr, der zwischen dir und mir stehen würde, nur wir zwei. Und eine Weile ging es ja auch gut, aber dann bemerkte ich sie wieder, deine Unzufriedenheit. Und da wurde es mir klar.«
»Was wurde dir klar?«, frage ich bang.
»Dass es nicht die anderen waren, die sich zwischen uns drängten, dass es niemals die anderen waren, sondern immer du selbst. Nicht die Schülerin, nicht dieser asoziale Grobian Simon Schwarz, und schon damals in Frankreich … es war nicht Mathieu, der dich nicht freigeben wollte, es warst immer du. Du hast mit mir gespielt, Emma. Du hast mich ausgenutzt, das hast du von Anfang an getan.«
»Was?«
»Ja. Du hast dich in mein Herz geschlichen, hast dich von meinen Gefühlen ernährt, bist dick und fett geworden von meiner Liebe und meinem Geld, wie ein …«
Wie ein Parasit, kommen mir die Worte in den Kopf, die Neumann mir damals an unserem Gartenzaun an den Kopf geworfen hat.
»Aber das stimmt nicht!«, protestiere ich. »Ich habe immer nur dich geliebt, Sophie, das weißt du doch!«
Sie schüttelt langsam den Kopf. »Als ich dich heute in der Bäckerei mit diesem Kerl zusammensitzen sah, wurde mir klar, dass ich alles umsonst gemacht hatte. Dass ich all diese Leben ausgelöscht habe, in der Annahme, sie seien die Schuldigen gewesen. Dabei habe ich das Übel die ganze Zeit an meiner Brust genährt. Dich, Emma. Du bist das Übel, du bist der Nagel in meinem Fleisch. Du bist eine Sadistin, die erst zufrieden ist, wenn sie mich am Boden sieht. Wenn sie mich leiden sieht, wenn sie …« Sie senkt den Blick, taumelt ein paar Schritte zurück. Gefährlich nah auf das offene Fenster zu.
»So ein Unsinn!«, rufe ich, springe auf, die Blätter ihres Manuskripts verteilen sich auf dem Fußboden, es ist mir egal.
Sie stolpert einen weiteren Schritt rückwärts auf das Fenster zu, streckt die Hand nach dem Rahmen aus wie eine Blinde, sicht nach einem Halt, wo keiner ist. Ich renne quer durch das Zimmer auf sie zu, und komme mir dabei vor wie in einem Albtraum, scheine durch zähflüssigen Sirup zu laufen. Viel zu langsam.
»Mein Leben hat keinen Sinn mehr«, ruft sie halblaut. »Nicht nach dem, was ich auf meine Schultern geladen habe, das ist mir heute klargeworden. Es tut mir leid, Emma, ich bin dir einfach nicht gewachsen. Es tut mir …«
Da erreiche ich sie endlich. Sehe, dass sie den Fuß bereits auf den flachen Sims des Fensters gesetzt hat. Höre mich selbst brüllen: »Neeeeiiiiin!«, doch es ist zu spät, ich erreiche sie nicht mehr. Im allerletzten Moment schießt ihre Hand vor, und im ersten Augenblick bin ich erleichtert, dass sie nun doch zur Vernunft kommt. Nach meinem Arm greift, nach meiner Hilfe. Dass sie sich von mir retten lassen will.
Doch dann geht ein Ruck durch meinen Arm, und plötzlich fliegt das Fenster auf mich zu.
Ich rudere mit den Armen, doch ich finde mein Gleichgewicht nicht wieder. Mein rechter Fuß verheddert sich in einem der Vorhänge, ich höre, wie die kleinen Messingösen aus der Verankerung reißen und dann bin ich plötzlich schwerelos. Schwebe, fliege einen Augenblick lang, bevor das Gewicht der Welt mich unbarmherzig nach unten reißt. Fliege auf den Abgrund zu, und die blaue Stunde ist vorüber, die Sonne hinter dem Horizont verschwunden, nur ihr blutroter Schimmer bleibt mir jetzt noch.
Es ist wunderschön.
Dann rast das weite Grün des Rasens auf mich zu, und dann …
Gar nichts mehr.
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