Parasit
Kapitel 3
EMMA
A ls ich auf den umzäunten Lehrerparkplatz einbiege, läuft sie mir beinahe vors Auto. Ein paar der Schüler drehen die Köpfe, als meine Bremsen quietschen, aber die alte Hexe tut so, als hätte sie gar nicht mitbekommen, dass ich sie gerade fast überfahren hätte. Taub ist sie allerdings nicht, das weiß ich. Ich starre sie durch die Windschutzscheibe an, in der linken unteren Ecke breitet sich ein Spinnennetz von Rissen zur Mitte hin aus. Sehe der alten Martha dabei zu, wie sie da herumsteht, als gehöre ihr die Welt, und in aller Ruhe ihrem Pudel beim Pissen zuschaut, die Kötteltüte in der einen, die Hundeleine in der anderen Hand. Auf dem Kopf eine dieser lächerlichen Plastiktüten gegen den Regen, der vermutlich bald einsetzen wird.
Sie sieht aus, als könne sie kein Wässerchen trüben. Und gar nicht so, als würde sie ihren Pudel manchmal an der Leine in die Höhe zerren, nur so zum Spaß, bis er nur noch dünne, fiepsige Laute ausstößt, die Augen verdreht, und ihm die Zunge aus dem Maul hängt.
Dann entdeckt sie mich, oder tut wenigstens so, als hätte sie gerade erst Notiz von mir genommen. Sie lächelt mich an, dieses falsche Miststück. Das Grinsen zieht ihre grellrot geschminkten Lippen auseinander und halb erwarte ich, dass darunter kleine, nadelspitze Zähne zum Vorschein kommen, die endlich das Monster offenbaren, das sie in Wirklichkeit ist. Doch sie hebt nur die Hand mit dem Köttelbeutel, um mir zuzuwinken. Grüßt mich mit einem Sack voll Hundescheiße. Wie man das eben so tut unter Nachbarn. Ich verziehe keine Miene und wünsche ihr im Stillen weiterhin die Pest an den Hals.
Irgendwann ist der Hund endlich fertig mit seinem Geschäft und stolziert davon, bis er einen Meter später stehenbliebt, die Wollkugel seines Schwanzes zitternd in die Höhe gereckt. Eine Sturmbö fegt über den Platz und die Alte zieht den Kopf zwischen die Schultern und presst die Hand mit der Leine auf die Plastiktüte auf ihrem Kopf, damit die nicht fortgeweht wird. Dann folgt sie dem Hund, der sich erneut in Bewegung setzt, sobald seine Leine das zulässt. Das alles sieht erschreckend banal aus. Nur eine alte Frau mit ihrem Hund. Aber ich weiß, was sie in Wirklichkeit ist, und mir ist inzwischen vollkommen egal, ob mir das irgendwer glaubt. Vielleicht sollte ich beim nächsten Mal versuchen, heimlich mein Handy zu zücken und sie zu filmen, wenn ich sie mal wieder dabei überrasche, wie sie ihren Hund misshandelt.
Ja, vielleicht sollte ich das wirklich tun.
Ich schaue den beiden noch ein Weilchen nach, bis hinter mir ein scharfes Hupen ertönt. Natürlich, auch andere Lehrer wollen heute Morgen zur Arbeit. Also trete ich aufs Gas und fahre auf den Parkplatz, wo ich eine reservierte Parkbucht habe, direkt neben der von Simon Schwarz. Nur für mich und meinen kleinen, weißen Jeep mit der gesplitterten Windschutzscheibe. Sophie hat veranlasst, dass sie noch heute Nachmittag gewechselt wird. Jemand wird kommen, den Jeep abholen und das erledigen. Und ihn danach wieder zurückbringen, am selben Tag, versteht sich. Schließlich sind wir VIP-Kunden.
Sophie hat ein bisschen geschimpft über den Sprung in der Windschutzscheibe, aber letztlich war sie natürlich vor allem froh, dass der Stein den Lack der Motorhaube nicht zerkratzt oder den Außenspiegel erwischt hat. Oder mich. Natürlich konnte ich ihr das mit dem Zettel nicht sagen, dessen verkohlten Überreste ich gestern Abend tatsächlich im Klo runtergespült habe, und ich musste auch ein wenig improvisieren, als ich ihr erzählte, wo genau das mit dem Stein passiert ist, aber für mich besteht kein Zweifel, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Zettel und dem Stein. Beides war ein Schuss vor den Bug, oder zwei Schüsse, Stufe eins und Stufe zwei. Die Aussage ist dabei dieselbe und sie kam mit Sicherheit von der selben Person.
Verpiss dich, Lesbe. Verpisst euch alle beide!
Aber nichts davon ahnt Sophie. Was sie betrifft, war ich gerade auf dem Weg zurück von der Stadt, wo ich mir neue Schuhe kaufen wollte, aber leider keine passenden gefunden habe, als es passierte, aus heiterem Himmel. Mitten auf der Landstraße. Einer von diesen blöden Lkws, der vor mir fuhr und dem dann plötzlich einen Stein von der Ladefläche fiel, und ich, ganz in Gedanken, bin vielleicht auch ein bisschen zu dicht aufgefahren, ja, kann schon sein. Ich war so geschockt, dass ich sofort rechts ranfahren musste und minutenlang nur zitternd auf die Windschutzscheibe starren konnte; zu keiner Reaktion fähig, zumindest dieser Teil ist ja nicht gelogen. Als mein Gehirn dann wieder einsetzte, war der Laster natürlich längst verschwunden, und das Nummernkennzeichen habe ich mir in dem ganzen Tohuwabohu natürlich auch nicht eingeprägt, so ein Pech. Für mich klang das glaubwürdig.
Ich musste Sophie natürlich hoch und heilig versprechen, mich beim Autofahren besser zu konzentrieren. Meine Gedanken nicht immer so abschweifen zu lassen. Aber was will man machen, so bin ich nun mal. Eine Träumerin. Sophie sagte, das mit der Windschutzscheibe mache rein gar nichts, entscheidend sei doch letztlich nur, dass mir nichts passiert sei. Dass es mir gut geht.
Es hätte schließlich auch ganz anders ausgehen können.
Damit hat sie durchaus recht. Mehr, als sie ahnt.
Ich schließe den Wagen ab und setze mein Alles-Paletti-Gesicht auf. Das fällt mir ganz leicht, genauso leicht wie mit den Kids hier an der Schule klarzukommen. Das hier ist schließlich nicht irgendein Gymnasium. Die Schüler stören nie den Unterricht oder verprügeln sich gegenseitig auf dem Pausenhof, und außerdem sind sie alle ziemlich intelligent, was wirklich ein Segen ist – und offengestanden eine wohltuende Abwechslung zu den Schulen, an denen ich vorher gearbeitet habe. Selbstbewusst sind sie, das schon, und nicht zu knapp, aber niemals vorlaut oder gar rüpelhaft. Es macht Spaß, mit ihnen zu arbeiten. Und das sollte es auch, auf mein Gehalt als Lehrerin sind wir – bin ich – schließlich nicht angewiesen, deswegen mache ich den Job ja auch gar nicht. Es ist nur so, dass mir irgendwann klar wurde, dass ich wieder einer Arbeit nachgehen wollte, irgendeiner sinnvollen Beschäftigung. Den ganzen Tag zu Hause herumhängen? Da fiele mir die Decke auf den Kopf, und außerdem weiß ich, dass Sophie ihre Ruhe braucht, während sie an ihrem neuen Buch arbeitet. Umso mehr freue ich mich auf unsere gemeinsamen Abende, unter der Decke auf der Couch, oder bei einem Glas Wein in der Badewanne (die so gigantisch ist, dass man darin locker ein paar Bahnen schwimmen könnte) oder im Bett, wenn uns danach ist. Es ist immer noch sehr schön mit uns, daran halte ich fest. Und leidenschaftlich, was nach all den Jahren eine echte Leistung ist.
Etwas Besonderes.
Als ich das Schulgebäude durch den Seiteneingang betrete, nickt mir der Wachmann freundlich zu. Er heißt Jan, glaube ich, oder Nils. Keine Ahnung, jedenfalls irgendein einsilbiger Name. Vielleicht auch Lars? Nick?
Vor dem Klassenzimmer bleibe ich wie jeden Morgen einen Moment lang stehen, um mich zu sammeln. Schaue auf meine neue Uhr, eine rosé-goldene Rolex Datejust aus der neuesten Kollektion und natürlich ebenfalls ein Geschenk von Sophie. Ich bin genau rechtzeitig, stelle ich fest, wie so ziemlich jeden Morgen. Ich mag zwar eine Träumerin sein, aber was das betrifft, bin ich sehr zuverlässig. Ich schüttele die elegante Uhr zurück unter die Manschette meiner Bluse. Noch immer schäme ich mich manchmal fast für diesen zur Schau gestellten Reichtum, auch wenn wir es uns ja nun wirklich leisten können, und eine solche Uhr an einer Schule wie dieser kaum auffällt, die Juliane ist auch unter den Schülern recht beliebt.
Als ich nach der Klinke greife, überkommt mich für einen Sekundenbruchteil eine albtraumhafte Vorstellung. Die Schüler grinsen mich verstohlen an, und als ich mich zur Tafel umdrehe, steht dort in ungelenken Druckbuchstaben ... VERPISS DICH, LESBE!
Aber nein, das ist natürlich Unsinn.
Nicht diese Schüler, nicht an dieser Schule. Ausgeschlossen. Also straffe ich mein Lächeln, öffne die Tür. Wie immer sitzen alle bereits auf ihren Plätzen und schauen erwartungsvoll in meine Richtung, als ich eintrete. Diesmal reagieren sie allerdings ein wenig zögernd auf mein fröhliches: »Guten Morgen!«, fast ein bisschen unterkühlt, und mein Herzschlag beschleunigt sich wieder ein bisschen.
Nein, sage ich entschlossen zu mir selbst. Sie können nichts davon wissen, keiner von ihnen. Du bildest dir etwas ein, Emma. Es wäre schließlich nicht das erste Mal.
Es ist schummerig im Zimmer, beinahe düster. Draußen jagen schwere Regenwolken über einen bestenfalls bleigrauen Himmel. Herbstwetter. Also mache ich das Licht an und die Atmosphäre im Zimmer kippt augenblicklich, als die industriemäßige Helligkeit das Zimmer bis in den letzten Winkel ausfüllt. Keine Geheimnisse, die sich jetzt noch dort verstecken könnten. Keine Monster in düsteren Winkeln, keine Dachboden-Gespenster im Turmzimmer, die kleinen Mädchen Angst machen. Gut.
Als ich mich wieder zur Klasse umdrehe, fällt es mir auf.
Ein Platz ist leer.
Ich muss nicht nachdenken, wessen Platz das ist, als sich mein Blick richtiggehend festsaugt an der leeren Tischplatte und dem ordentlich unter den Tisch geschobenen Stuhl dahinter.
Jetzt habe ich erst recht den Eindruck, dass mich alle anstarren. Vorwurfsvoll. Anklagend? Dabei ist es ganz normal, dass Schüler hin und wieder nicht zum Unterricht erscheinen. Weil sie krank sind, zum Beispiel. Nichts Schlimmes, natürlich, nur eine Erkältung oder sowas, immerhin haben wir Oktober. Kein Grund also für verstohlene Blicke, kein Grund für die zögerliche Begrüßung oder die merkwürdige Stille im Klassenraum heute Morgen. Vermutlich sollte ich die Klasse trotzdem fragen, ob einer weiß, was mit Mia los ist, weil man das eben so macht.
Weil sie das von mir erwarten.
Doch bevor ich dazu komme, der Sache weiter auf den Grund zu gehen, geschweige denn, mit dem eigentlichen Unterricht zu beginnen, klopft es an der Tür zum Klassenraum und Doris, die Sekretärin unseres Direktors, tritt ein. Sie schenkt mir ein Lächeln, das ein bisschen gequält wirkt, dann kommt sie auf mich zu und flüstert mir etwas ins Ohr, so leise, dass ich sie kaum verstehen kann: »Würden Sie bitte Herrn Doktor Weber aufsuchen? In seinem Büro. Ich würde hier so lange übernehmen.«
»Jetzt gleich?«
Sie nickt bestimmt, und ihr Lächeln wird schmaler, verschwindet für einen Moment fast ganz. Ich schaue sie stirnrunzelnd an. Sie will meine Klasse übernehmen? Sie ist ja noch nicht mal eine Lehrerin, geschweige denn hat sie eine Ahnung, wo wir gerade im Stoff stehen. Was aber eigentlich nur bedeuten kann, dass mein Gespräch mit Weber nicht besonders lange dauern wird.
»Okay«, sage ich. »Klar.«
Dann wende ich mich an die zwölfte Klasse und erkläre ihnen, dass ich in ein paar Minuten zurück sein werde und sie bis dahin brav wie die Lämmchen sein sollen. Keiner lacht über meine bewusst gewählte Grundschul-Ausdrucksweise. Okay. Merkwürdig. Das fahle Lächeln auf Doris´ Gesicht kommt mir vor, als wäre es nur aufgemalt, und irgendwie schief, aber vermutlich bilde ich mir das nur ein. Wer weiß, was ihr Problem ist.
Als draußen etwas gegen das Fenster klatscht, zucken alle zusammen, mich eingeschlossen, aber es ist nur der Ast einer Kastanie, die dort steht, und die jetzt vom Sturm gebeutelt wird, der es allmählich ernst zu meinen beginnt. Die ersten, fetten Tropfen klatschen gegen die Scheibe, dann geht es richtig los.
Da kann sich die alte Hexe mit ihrem Pudel ja glücklich schätzen, ihre dämliche Plastiktüte auf dem Kopf zu haben, denke ich grimmig, und wünsche ihr, dass sie trotzdem klatschnass wird und sich eine Lungenentzündung holt, während ich aus dem Zimmer auf den Gang hinaustrete und mich wie gewünscht auf den Weg zum Büro des Direktors mache.
Ich bin mir sicher, dass es sich dabei um nichts Tragisches handeln kann.
Aber das mulmige Gefühl werde ich trotzdem nicht los, während ich durch das leere Schulhaus gehe, und die gedämpften Geräusche des Unterrichts jenseits der geschlossenen Türen wahrnehme, wie aus einem fernen Universum, zu dem ich keinen Zugang habe.
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