Parasit

Alex Pohl · Kapitel 63 von 68

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Parasit

Kapitel 63

 

D as Manuskript zieht mich an wie ein Magnet, aber Sophie lässt mich nun wirklich kaum noch allein. Sie selbst verlässt das Haus inzwischen so gut wie nie, sogar ihre Streifzüge durch das Gelände haben aufgehört, und mir fällt kein vernünftiger Grund ein, aus dem ich selbst über das Gelände spazieren sollte, jetzt, wo der Boden gefroren ist und überall Schnee liegt, oder Matsch, an wärmeren Tagen.

Außerdem bin ich mir inzwischen einigermaßen sicher, dass das mit den Büchern, die ihr Vater gekauft hat, wahr ist. Ebenso, dass ihre Mutter hier starb, und praktisch vor ihren Augen.

Es ist alles wahr, was in dem Manuskript steht.

Es gibt allerdings auch Stellen, und die geben mir zu denken, an denen sie die Tatsachen ein wenig verdreht zu haben scheint. Oder erinnere ich mich nur nicht mehr so genau daran wie sie? Das alles ist ewig her, beides wäre wohl möglich. Zumal das Ende meiner Zeit in Frankreich nicht gerade eine Zeit ist, an die ich gern und oft zurückdenke. Im Gegensatz zu Sophie, offenbar.

Ich habe mich gestern wieder in das Zimmer mit dem Sekretär geschlichen. Volles Risiko, denn Sophie hatte sich unten im Wohnzimmer hingelegt. Glücklicherweise ist sie aber nicht aufgewacht, und ich musste einfach wissen, worüber sie in ihrem Manuskript noch so alles schreibt.

Sie kann unmöglich ernsthaft erwägen, das zu veröffentlichen.

Es würde uns möglicherweise beide ins Gefängnis bringen, oder doch zumindest jede Menge Fragen aufwerfen. Gestern las ich das ganze Kapitel über ihren Aufenthalt in Frankreich, wie sie eine Pause von Paris brauchte, und Mathieu auf der Landstraße kennenlernte. Nun weiß ich, dass zumindest der Teil keine Fiktion ist, und der Rest daher vermutlich auch nicht.

Es ist ein Tagebuch. Über sie, über mich, über unser Leben.

Über das, was wir uns geschworen hatten, nie jemandem zu erzählen.

Es einfach zu vergessen.

Warum zur Hölle schreibt sie es dann aber auf? Was, wenn sie tatsächlich plant, das Ding ihrem Agenten vorzulegen? Ich muss dringend weiterlesen, aber heute ist sie wieder wie ein Wachhund, lässt mich keine Sekunde aus den Augen, und ich komme nicht an das verdammte Manuskript.

Sie ahnt etwas, inzwischen bin ich fast sicher.

Wenn ich ihr vorschlage, wegen irgendwelcher Besorgungen in die Stadt zu fahren, besteht sie darauf, dass wir das gemeinsam machen, und erfindet die merkwürdigsten Gründe dafür. Sie weicht mir kaum noch von der Seite, es ist richtig erdrückend, ich komme mir vor wie eine Gefangene mit einer persönlichen Wächterin. Sie umarmt mich ständig, aber wenn ich ihre Zärtlichkeit erwidere, fühlen sich ihre Lippen kalt und spröde an, fast, als würde ich eine Leiche küssen ...

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