Parasit

Alex Pohl · Kapitel 43 von 68

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Parasit

Kapitel 43

 

A ls die beiden Polizisten fort sind, frage ich Schlesinger, was es seiner Meinung nach mit dieser Gestalt auf sich haben könnte, die Wiesners Zeuge, bei dem es sich nur um Julian Jensen handeln kann, gesehen haben will.

»Komplett erfunden«, sagt Schlesinger, »Das wischen wir in Nullkommanichts vom Tisch. Das hat sich der Junge nur ausgedacht, um von sich selbst als Täter abzulenken, und dieser Vollidiot Wiesner hat es geschluckt wie ein hungriger Fisch einen Wurm, samt Haken und Senkblei. Die einzige Person, die diese Aussage bestätigen könnte, falls sie denn überhaupt ansatzweise der Wahrheit entspräche, wäre eben jene sagenumwobene Gestalt, und ich bezweifle doch stark, dass Wiesner diese plötzlich auch noch aus dem Hut zaubern wird. Also, Emma, vergessen Sie diesen Punkt bitte komplett.«

Ich nicke, das leuchtet mir ein. Aber das ist momentan auch nicht mein größtes Problem. »Wollen Sie denn nicht wissen«, sage ich, während ich versuche, das Zittern meiner Hände unter Kontrolle zu bekommen, »ob ich in dieser Nacht tatsächlich bei den Steinen war?«

Schlesinger zuckt mit den Schultern. »Und? Waren Sie?«

Ich schüttle den Kopf.

»Na, dann ist ja gut«, sagt Schlesinger, und setzt dann nachdenklich hinzu. »Aber nur aufgrund der Aussage dieses Jungen, jemanden in der Nähe der Steine gesehen zu haben, kann Wiesner Sie unmöglich hierbehalten, so dumm ist nicht mal er. Dass Sie ihn belogen haben, was den Stein in Ihrer Scheibe betrifft, war ...«, er sucht nach dem richtigen Wort. »Nun, das ist ungünstig. Aber was das betrifft, sollten Sie nun absolut offen zu mir sein, damit wir eine Strategie planen können. Also, was hat Wiesner in der Hand? Was hat es mit diesem Stein und dem Zettel auf sich?«

Also erzähle ich ihm alles. Der Zettel, auf dem stand, dass ich Lesbe mich verpissen soll, der Steinwurf aus dem Dunkel des Waldes heraus, und dass ich mir inzwischen sicher bin, dass das nur Julian gewesen sein kann, der es dann Wiesner erzählt hat.

»Okay«, sagt Schlesinger. »Damit können wir arbeiten. Bleibt allerdings die Frage, warum Sie überhaupt zu dieser Zeit dort waren, auf dem Parkplatz im Wald?«

»War ich nicht«, sage ich. »Wiesner hat doch gesagt, der wahrscheinliche Todeszeitpunkt wäre 19:40 gewesen, richtig?«

»Das nimmt er an, ja. Weil das der Zeitpunkt ist, an dem das Handy von Mia Neumann kaputtging, vermutlich bei dem Sturz in die Spalte.«

»Um diese Zeit war ich nicht dort, beim Parkplatz, das war erst später, so gegen 20:15. Und an der Felsspalte war ich schon gar nicht, weder davor noch danach. Ich war überhaupt noch nie bei diesen Felsen, ich weiß nur davon, weil Mia mir davon erzählt hat. Und weil sie sagte, dass sie glaubt, dass da manchmal üble Dinge abgehen.«

»Nun«, sagt Schlesinger. »Zumindest wissen wir ja nun, was sie damit gemeint hat. Die Drogen natürlich. Aber wenn Sie nicht bei der Felsspalte waren, wo waren Sie dann, Emma?«

»Das möchte ich lieber nicht sagen.«

»Emma, ich muss Sie sicher nicht daran erinnern, dass alles, was Sie mir erzählen, absolut vertraulich ist. Aber lassen Sie uns bitte unbedingt drüber reden, damit wir eine Strategie gegen Wiesners Vorwürfe planen können, denn ich glaube, die werden wir jetzt brauchen. Ich möchte ganz ehrlich zu Ihnen sein, Emma. Ich habe nicht den Eindruck, dass Wiesner uns schon alles erzählt hat, was er gegen Sie in der Hand hat. Er will Sie köcheln lassen. Ihnen Angst einjagen.«

»Funktioniert prima bisher«, ächze ich. »Mir ist schon ganz übel.«

»Also, Emma, sagen Sie es mir, bitte. Damit wir vorbereitet sind.«

»Sie können aber Sophie nichts davon sagen, das müssen Sie mir versprechen.«

Für einen Moment schaut Schlesinger mich mit gerunzelter Stirn an, dann scheint er zu begreifen, was mein Problem ist, und sagt: »Oh. Das ist ein wenig ungewöhnlich, muss ich zugeben.«

»Weil Sie der Anwalt von Sophies Familie sind?«

»Ja, Emma. Aber seien Sie unbesorgt, ich bin hier in meiner Funktion als Ihr Anwalt, und meine Schweigepflicht schließt auch Ihre Lebenspartnerin ein, wenn Sie das wünschen.«

»Das ist ...« Ich suche nach Worten. »Sie müssen das verstehen. Es war eine Dummheit, eine einmalige Sache, weil mich das alles so mitgenommen hat. Der Umzug nach Élysée, und unsere Nachbarn, und Martha mit ihrem Hund, das war mir alles zu viel, und er war ... er war einfach mal ein ganz normaler Mensch. Keiner von diesen Superreichen.«

Schlesinger schweigt, und einen Moment später wird mir wieder bewusst, dass er problemlos einer unserer Nachbarn sein könnte. Vielleicht für einige der Bewohner Élysées tätig ist oder sogar mit ihnen befreundet. Er gehört dazu, und er macht nicht den Eindruck, dass ihm dieser Umstand unangenehm ist.

»Ich war bei Simon Schwarz, einem Lehrer aus meiner Schule«, flüstere ich, und damit ist es endlich raus. »Wir haben uns unterhalten, und ich habe ihm gesagt, dass Schluss ist. Dass wir uns nicht mehr sehen würden nach den Ferien, und dass wir diesen einmaligen Ausrutscher nicht wiederholen dürfen, niemals. Danach bin ich zurück zum Parkplatz gelaufen. Ich habe mich den ganzen Weg geschämt für das, was ich getan habe. Was ich Sophie angetan habe.«

»Verstehe«, sagt Schlesinger und in seinem Pokerface kann ich nicht das kleinste verräterische Zeichen entdecken, aber er lächelt auch nicht mehr. Ich habe den Eindruck, ihn schwer enttäuscht zu haben, und dass er jetzt versucht, sich das nicht anmerken zu lassen. Und er hat Recht, verdammt noch mal. Ich habe alle enttäuscht, am meisten vermutlich mich selbst.

Dann nickt er. »Ich gehe davon aus, dass dieser Simon Schwarz bestätigen kann, dass Sie bis nach acht Uhr bei ihm waren?«

»Ja«, sage ich. »Das könnte er mit Sicherheit. Er bewohnt das alte Forsthaus im Wald, wie Sie wissen. Das, bis zu dem Herr Harforch Julian gefolgt ist.«

»Hm«, sagt Schlesinger und scheint im Kopf etwas zu überschlagen. Entfernungen – und Zeiten, die man braucht, um diese Entfernungen zurückzulegen. »Und dort waren Sie von ...?«

»Kurz nach sechs, bis kurz nach acht, mindestens.«

Er nickt, scheint sich eine gedankliche Notiz zu machen. Dann sagt er: »Gut, dann lassen Sie mich mal einen gangbaren Weg vorschlagen, wie wir Sie hier so schnell wie möglich rausbekommen, Emma, ja?«

Ich nicke.

»Wir werden Wiesner nachweisen, dass die Aussage, den Stein und Ihre Windschutzscheibe betreffend, nur von Julian Jensen stammen kann. Welcher damit bereits einen tätlichen Angriff zugegeben hat, und zwar auf Sie. Sie hätten mit dem Wagen verunfallen können, es hätte sonst was ...«

»Ich war noch nicht mal richtig losgefahren«, werfe ich leise ein.

»Das spielt keine Rolle. Sie hätten auch Splitter ins Auge bekommen können, oder der Stein hätte Sie am Kopf erwischen können. Worauf ich hinauswill, ist, dass wir damit belegen, das Julian Jensen nicht vor Gewalt zurückschreckt und Sie offenbar in sein Visier geraten sind, das verrät uns der Zettel und das Video, mit dem er Sie nicht nur schwerstens diskriminiert, sondern auch bedroht und körperlich gefährdet hat.«

»Okay«, sage ich noch etwas zögerlich. So, wie Schlesinger es darstellt, klingt es fast, als sei Julian ein gemeingefährlicher Irrer.

»Anschließend werden wir Anzeige gegen Julian Jensen erwirken, wegen Verleumdung, Sachbeschädigung, versuchter Körperverletzung und was mir sonst noch so einfällt. Wenn die Staatsanwaltschaft auf die Idee kommen sollte, diesen instabilen Jungen vor Gericht als Zeugen aufzurufen, dürfte das kräftig nach hinten losgehen, denn man könnte seinen Aussagen durchaus das Motiv eines persönlichen Rachefeldzugs gegen Sie unterstellen. Was der Staatsanwaltschaft durchaus bewusst sein dürfte, und Wiesner ebenfalls. So kommt er also schon mal nicht weiter.«

»Okay«, sage ich. »Aber was ist dann mit Mia passiert?«

»Genau, Mia Neumann«, sagt Schlesinger, und stößt wieder sein zufriedenes Glucksen aus. »Das ist der eigentliche Clou an der Sache. Wir wissen, dass Julian Jensen seiner Mitschülerin Mia Neumann hinterhergestiegen ist und sie heimlich gefilmt hat, und aus verlässlicher Quelle weiß ich, dass das inzwischen auch aktenkundig ist. Das Video von Ihnen beiden war nicht das einzige, das man auf Julians Computer gefunden hat. Er hatte wohl eine recht ansehnliche Sammlung von Fotos, und auf den meisten davon ist Mia zu sehen. Mia, die ihn verstoßen und stattdessen Ihnen ihr Vertrauen geschenkt hat. Ich könnte mir vorstellen, dass das einen Teenager auf alle möglichen dummen Ideen bringt. Ich könnte mir weiterhin vorstellen, dass besagter Teenager sich mit Mia bei den Felsen verabredet, es kommt zu einer Aussprache, doch der junge Julian Jensen ist mit dem Ergebnis dieser Aussprache nicht sonderlich zufrieden. In einer Kurzschlusshandlung erschlägt er das Mädchen, das ihn sitzenlassen hat, und als er begreift, was er da getan hat, schleppt er sie den Felsen hinauf und wirft sie in die Spalte, in der Hoffnung, dass niemand sie je finden wird. Anschließend verlässt er den Wald, und was sieht er da, auf dem Parkplatz? Ihren Jeep. Den Wagen der Frau, die ihm – zumindest in seiner verwirrten Gedankenwelt – Mia weggenommen hat. Er bringt den Zettel mit der Drohung unter Ihrem Scheibenwischer an und versteckt sich im Gebüsch. Als Sie kurz darauf auftauchen, wirft er den Stein auf Ihr Auto, in der vollen Absicht, Sie zu verletzen oder Schlimmeres.«

Ich brauche eine Weile, bis ich das begreife. Ich meine, bis ich es so richtig begreife. Aber Schlesinger hat recht, es ergibt durchaus Sinn. So könnte es tatsächlich gewesen sein. Eine absolut schockierende Tragödie, aber eine durchaus plausible Möglichkeit, das ist nun nicht mehr von der Hand zu weisen.

»Allerdings baut diese gesamte Darstellung auf Ihrem Alibi auf, Emma«, sagt Schlesinger. »Wenn wir das vorlegen können, sind Sie aus dem Schneider, so oder so.«

»Aber das geht nicht«, sage ich leise. »Sophie darf nie davon erfahren. Es würde ... ich weiß nicht …« Doch, das weiß ich. Es würde ihr das Herz brechen. Sie würde glatt durchdrehen. Und das meine ich im wahrsten Sinne des Wortes.

»Okay«, sagt Schlesinger. »Ich bin mir Ihrer prekären Lage durchaus bewusst. Aber es gibt vielleicht eine Lösung dafür. Und ich denke, dass Wiesner darauf eingehen wird. Letztlich, das müssen wir uns immer vor Augen halten, will die Polizei den Fall lösen, und keine Unschuldigen ins Gefängnis stecken.«

»Und was wäre diese Idee?«, frage ich.

Neue Hoffnung regt sich in mir. Das, was Schlesinger gesagt hat, ist einleuchtend. Natürlich will Wiesner den Fall so sauber wie möglich lösen, und das verdanken wir vielleicht sogar ein bisschen Oberstaatsanwalt Neumann, der sich sicher nicht mit reinen Indizien abspeisen lassen wird, auch wenn er mich noch so sehr hasst.

Zumindest hoffe ich das.

»Wenn dieser Simon Schwarz Ihr Alibi glaubhaft und unter Zeugen bestätigt, kann ich es vielleicht so drehen, dass Wiesner Sie aufgrund erwiesener Unschuld gehen lässt, und die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Sie einstellt, während die Aussage selbst unter Verschluss bleibt. Solche Regelungen sind selten, aber sie wurden in der Vergangenheit durchaus hin und wieder getroffen. Natürlich funktioniert das nur, solange das Alibi absolut hieb- und stichfest ist, und keine neuen Verdachtsmomente gegen Sie auftauchen. Falls das passiert, müssten wir alles offenlegen. Auch Ihre Aff ... auch den Grund, aus dem Sie am fraglichen Abend im Hamstetter Forst waren.«

»Aber ...«

»Das ist das Beste, was ich im Moment für Sie tun kann, Emma.«

»Und es ist wirklich die einzige Möglichkeit?«

»Ich fürchte, ja. Wenn Sie weiterhin darauf bestehen, sich auszuschweigen, wird Wiesner mit Sicherheit Anklage gegen Sie erheben, zumal ihm Neumann wegen dieser Sache im Nacken sitzt, und der sich offenbar schon vor langer Zeit auf Sie eingeschossen hat. Ich kenne Viktor Neumann gut. Der Mann ist ganz sicher kein Dummkopf, und er pflegt in der Regel das zu bekommen, was er sich in den Kopf setzt. Und, nun ja, er ist der Oberstaatsanwalt. Das heißt, er weiß mit dem Gesetz umzugehen.«

»Und was passiert nun mit mir?«

»Hm«, macht Schlesinger und verzieht das Gesicht. »So, wie ich Wiesner einschätze, hat er bereits einen Haftbefehl gegen Sie erwirkt.«

»Aber ... heißt das ...?«

»Ich fürchte, ja, Emma. Er kann Sie bis auf Weiteres in Untersuchungshaft nehmen, denn Sie sind nun die Hauptverdächtige in einem Mordfall und er hat eine Zeugenaussage, die Sie direkt belastet.«

Ich starre ihn nur mit großen Augen an. Dann kommen die Tränen, als hätte jemand einen Wasserhahn aufgedreht, und ich schlage die Hände vors Gesicht.

»Machen Sie sich keine Sorgen, Emma«, höre ich ihn aus weiter Ferne sagen, während meine Welt in Schwärze versinkt. »Sobald ich in meinem Wagen sitze, werde ich mit Herrn Harforch telefonieren, damit er diesen Simon Schwarz ausfindig macht und ihn befragt. Möglichst noch heute Abend. Wenn alles gut geht, sind Sie morgen Vormittag wieder frei. Und, was noch wichtiger ist: vollkommen entlastet.«

Doch ich höre schon gar nicht mehr richtig hin. In diesem Moment begreife ich, dass nichts je wieder so werden wird wie früher.

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