Parasit

Alex Pohl · Kapitel 9 von 68

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Parasit

Kapitel 9

 

G erade, als wir aus dem Haus gehen wollen, klingelt mein Handy. Meine Mutter. Ausgerechnet sie, und ausgerechnet jetzt. Sie hat wirklich einen Riecher dafür, mich immer in den unmöglichsten Momenten zu erwischen. Aber sie ist schließlich meine Mutter.

Also setze ich ein Lächeln auf und sage zu Sophie: »Es ist meine Mom. Haben wir noch fünf Minuten? Dauert bestimmt nicht länger.«

»Klar, Schatz«, sagt sie und lächelt zurück. Dann lässt sie sich auf den Polstersitz des Stuhls fallen, der im Flur neben dem Ankleidespiegel steht und holt ihr Handy aus ihrer Handtasche, um darauf herumzuspielen. Grüße lässt sie keine ausrichten. Ich drücke die Anruf-Annehmen-Taste auf dem Display und verziehe mich hastig in die Küche.

»Hi!«, sage ich. »Schön, dass du anrufst, Mama. Allerdings ist es gerade etwas ungünstig, weil wir dabei sind, außer Haus zu gehen. Was gibt es denn?« Ich hasse mich selbst für meine Wortwahl. Außer Haus, wie das klingt. Vermutlich denkt meine Mutter jetzt, wir wären unterwegs zu irgendeiner exklusiven Dinnerparty, um uns unter Filmsternchen und Industriemagnaten zu mischen.

»Oh«, sagt meine Mutter, als müsse sie erstmal überlegen, was meine Worte zu bedeuten haben. »Ach so, du willst noch ausgehen heute Abend. Ja, klar, natürlich. Also, wenn ich andermal ...« Immer die Servile, um Frieden bemühte, das jedenfalls hat sie gut gelernt bei Papa.

»Kein Problem, wie gesagt«, sage ich. »Was gibt es denn?«

»Ach, eigentlich gar nichts. Wir wollten uns nur mal wieder bei dir melden. Papa und ich.«

»Aha«, sage ich und etwas in meinem Magen krampft sich heiß zusammen. Papa ist mittwochs beim Skatabend mit seinen Kollegen aus der Werkstatt. Wie ein Uhrwerk, da kommt ihm nichts dazwischen. Zwei oder drei Bier später, aber niemals nach elf Uhr, und niemals mehr als drei Bier, ist er wieder zu Hause, kriecht ins Bett und beginnt, lautstark zu schnarchen. Jeden Mittwoch, seit ich denken kann. »Na, dann richte ihm bitte liebe Grüße aus«, sage ich und kämpfe die Übelkeit herunter, die meine Kehle emporzukriechen versucht.

»Er grüßt schön zurück«, lügt sie. Die Stille hinter ihrer Stimme brüllt mich förmlich durch den Hörer an. »Also, wie geht es dir, mein Kind?«, fragt sie, als würde sie den Text von einem Blatt ablesen.

»Danke, uns geht es gut. Wie immer.« Ich verzichte auch diesmal darauf, sie einzuladen, alle beide oder auch nur meine Mutter. Ich habe es oft genug versucht, in den ersten Monaten nach unserem Einzug in Élysée, und mir immer dieselbe Ausrede anhören dürfen. Sie hätten so viel zu tun auf Arbeit, im Haus und dem kleinen Kräutergarten dahinter. Das Unkraut nimmt schon wieder überhand, und in den Äpfeln ist vielleicht der Wurm drin dieses Jahr, kann man sich das vorstellen? Ja, kann man, und man könnte ganz sicher auch etwas dagegen unternehmen, genau wie gegen tropfende Wasserhähne und einen schimmelnden Keller. Aber das ist nicht der wahre Grund, aus dem sie nicht herkommen und das auch nie tun werden. Der Grund ist auch wirklich nicht Sophie, oder der Umstand, dass ich mit einer Frau verheiratet bin – auch wenn Papa seinen diesbezüglichen Standpunkt bereits deutlich gemacht hat, als ich den beiden von der Verlobung erzählte. Was, wenn ich mich recht erinnere, überhaupt das letzte Mal war, das ich mit meinem Vater gesprochen habe.

Ich denke, das eigentliche Problem ist vielmehr, dass Sophie eine reiche Frau ist und meine Eltern sich, solange ich denken kann, nichts geleistet haben außer dem immer gleichen Jahresurlaub, und in ihren Jobs schuften, bis sie abends auf der Couch vor dem Fernseher einschlafen. Jeden verdammten Abend, jeden Tag dasselbe, so lange ich denken kann, wie Maschinen, und mittwochs ist Skatabend.

Und natürlich hatten sie diese Zukunft auch für mich vorgesehen.

» ... müsste mal wieder umgegraben werden, aber du weißt ja, dass es dein Vater mit dem Rücken hat«, tönt die Stimme meiner Mutter durch den kleinen Lautsprecher. Offenbar geht es mal wieder um den beschissenen Garten und irgendwelche baulichen Veränderungen an ihrem beinahe abbezahlten Haus, die sowieso nie stattfinden werden, und ganz bestimmt nicht deshalb, weil mein Vater einen kaputten Rücken hat.

»Na, dann wünsche ihm mal gute Besserung von mir«, floskle ich nach Kräften ins Telefon und will das Ding in diesem Moment einfach nur gegen die nächste Wand schmeißen. Warum kann Mutter mich nicht einfach in Ruhe lassen, warum unternimmt sie immer wieder diese krampfhaften Annäherungsversuche, wieso beendet sie diese lächerliche Farce nicht einfach? Braucht sie das, um sich besser zu fühlen, oder versteht sie wirklich nicht, was hier läuft?

»Das mach ich, mein Kind«, sagt sie, betont fröhlich, auch wenn ich weiß, dass sie nichts dergleichen tun wird. Sie wird meinem Vater noch nicht mal verraten, dass sie überhaupt mit mir telefoniert hat. Wie immer. »Na, dann will ich dich mal nicht länger aufhalten.« Dich, immer nur dich. Und niemals euch.

So, als existiere Sophie gar nicht.

»Mach’s gut Mama«, sage ich mit letzter Kraft.

»Tschüß!«, flötet sie in den Hörer, dann legt sie endlich auf.

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