Parasit
Kapitel 5
»W ie lange sind Sie jetzt bei uns, Emma? An der Schule, meine ich.« Natürlich, was könnte er auch sonst meinen? Außer dem subtilen Hinweis darauf, dass wir auch immer noch ein bisschen die Neuen in Élysée sind. Vermutlich würde der Herr Direktor selbst ganz gern dort wohnen, die Eltern seiner Schüler als Nachbarn haben, zu deren Grillpartys eingeladen werden und das alles. In gewisse Kreise aufsteigen, auch außerhalb seiner Position als Schulleiter. Doch höchstwahrscheinlich wird das nie passieren. Ich gehe davon aus, dass Doktor Weber finanziell gut dasteht, obere Mitte, würde ich sagen, durchaus solide. Aber ich weiß auch – zumindest in etwa – wie viel Geld Sophie und unsere Nachbarn in Élysée besitzen. Es sind verschiedene Welten.
Ich überlege. »Ich bin seit etwa sechs Monaten hier, Doktor Weber.«
»Und vorher?«
»Bei ein paar anderen Schulen, wie Sie wissen. Steht ja alles in meiner Bewerbung.«
»Stimmt«, sagt er und nickt, rückt aber immer noch nicht damit heraus, wieso das plötzlich wichtig sein soll. »Aber ich meine, Sie waren vorher noch niemals an einer solchen Bildungseinrichtung wie der unseren, nicht wahr? Ich meine ...«
»An einem Gymnasium?«, frage ich – ein bisschen provokant, aber nicht schnippisch. Das niemals. Man darf sich nicht von seinen Gefühlen überwältigen lassen, sagt Sophie. Sich nicht in die Karten blicken lassen. Das wäre unprofessionell. Nicht unserer gesellschaftlichen Position entsprechend.
»Ich meinte, an einem gehobenen Gymnasium«, erklärt Weber. »Einem, das in aller Regel gewissen Kreisen vorbehalten ist.«
Daher weht also der Wind.
»Nein«, sage ich. Wie er ebenfalls weiß. Zumindest, falls er meinen Lebenslauf überhaupt gelesen hat, bevor er mich eingestellt hat. Nicht, dass auch je nur der geringste Zweifel daran bestanden hatte, dass ich den Job kriegen würde. Die Gesuche mancher Menschen lehnt man einfach nicht ab. Die von Sophie Stratmann, zum Beispiel.
»Ich verstehe«, sagt er und macht eine Kunstpause. Dann: »Welche Beziehung haben Sie zu Mia Neumann, Emma?«
»Welche Beziehung?«, frage ich, und denke: Ernsthaft? »Sie ist eine meiner Schülerinnen, Herr Doktor Weber. Wie Ihnen ebenfalls bekannt sein dürfte.« Jetzt mit etwas mehr Nachdruck. Weber mag mein Boss sein, aber ich muss mir von ihm keine Spielchen gefallen lassen. Das muss ich von niemandem. Ich höre Sophie leise applaudieren. Zeig’s ihm, kleine Tigerin!
Wieder nickt er ernst, dann lässt er die Bombe platzen. Und was für eine.
»Und das ist alles, da sind Sie sicher?«
»Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?«, frage ich und die Tigerin in mir beginnt augenblicklich zu schrumpfen. Ich hoffe, dass er es nicht merkt.
»Nun, Emma, mir sind leider ein paar wirklich ungeheuerliche Dinge zu Ohren gekommen. Ich fürchte, dies ist der einzige passende Ausdruck dafür. Ungeheuerlich.«
Ich schlucke. Wovon redet Weber da bloß? Ich kann ihn nur anstarren, wieder kriege ich kein Wort raus. Jetzt nicht mehr. Die Tigerin hat sich aus dem Staub gemacht, einfach so. Miese Verräterin.
»Man hat mir zugetragen, dass Sie ein Verhältnis mit Mia pflegen. Ein sehr vertrauliches Verhältnis, Emma. Eines, das weit jenseits dessen liegt, das zwischen einer Schülerin und ihrer Lehrerin als angemessen ...«
»Wie bitte?«, schnappe ich, beinahe schon erleichtert. Das ist derart absurd, dass er es unmöglich ernst meinen kann. Es kann sich nur um ein grauenhaftes Missverständnis handeln, dass sich mit Sicherheit ganz einfach aufklären lassen wird. Einfach so, mit einem Fingerschnippen. »Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, Doktor Weber, oder?«
»Leider doch, fürchte ich.« Er nickt wieder. Langsam, beinahe elegisch. Dazu hat er diesen tief betroffenen Ausdruck in den Augen, der sich jetzt noch verstärkt, so, als verstehe er die Welt plötzlich nicht mehr. Aber vielleicht hat er das nie. »Man hat mir die Sache sehr detailliert auseinandergesetzt. Und es ist mehr als nur das, Emma. Es gibt ein Video.«
»Ein Video. Aha.«
»Ja. Und daher würde ich Sie bitten, sich dieses Video jetzt in meinem Beisein anzuschauen und mir anschließend zu erklären, was Ihrer Ansicht nach darauf zu sehen ist. Würden Sie das tun? Vielleicht klärt sich ja doch noch alles auf, Emma. Das hoffe ich jedenfalls inständig.«
Da ist er nicht der Einzige. Ich kapiere gar nichts mehr.
Weber öffnet die oberste Schublade seines viktorianischen oder edwardianischen oder welcher Epoche auch immer entstammenden Schreibtischs und entnimmt ihr ein Computertablet in einer Echtlederhülle. Die klappt er auf, schaltet das Tablet ein und dreht es dann so, dass ich auf das Display schauen kann. Auf dem Display erkenne ich zunächst gar nichts außer ein paar verschwommenen Flecken und Grünschattierungen.
»Bereit?«, fragt er, als wäre das hier ein Test oder so. Ein Spiel, bei dem ich in kürzester Zeit möglichst viele richtige Antworten geben muss.
Ich nicke, und er tippt auf das Display.
Das Video startet, die verschwommenen grünen Kleckse werden jetzt zu Laubblättern. Lindenblättern vielleicht, oder Birke, so genau kenne ich mich da nicht aus. Deutlich zu sehen ist jedenfalls, dass sich der Hobbyfilmer hinter einem Baum versteckt. Ein Spanner also, denke ich, aber ich kann nicht darüber lachen. Weil ich allmählich zu ahnen beginne, was als Nächstes zu sehen sein wird, auch wenn ich nicht begreife, wie es davon ein Video geben kann. Der heimliche Filmer verändert seine Position und es ist das leise Rascheln der Blätter in den Zweigen zu hören, als er sich bewegt. Fehlt eigentlich nur noch, dass er schwer zu atmen beginnt.
Dann sieht man zwei Menschen, die sich gegenüberstehen. Fraglos bin eine davon ich. Der Filmer zoomt ein kleines Stück heran, das Bild wird kurz unscharf, dann wieder scharf. Ich, links im Bild, und mir gegenüber steht Mia Neumann. Das blonde Mädchen ist ein Stückchen kleiner als ich, aber nicht viel. Im Hintergrund der Wald. Offenbar reden wir miteinander, ziemlich angeregt, oder zumindest ich. Ich gestikuliere ziemlich wild auf sie ein, während sie mir mit verschränkten Armen und gesenktem Kopf gegenübersteht. Dann hebt sie den Kopf, sagt irgendetwas, und mein Gestikulieren hört für einen Moment auf. Sehe ich wirklich so aus, wenn ich mit jemandem rede? Das ist ja furchtbar, wie ein Gebrauchtwagenhändler auf Speed.
Man hört sogar, wie der Spanner leise atmet (nicht schwer, sondern normal), vielleicht sogar besonders leise, weil er versuchen will, uns auch noch zu belauschen, was aber nicht zu klappen scheint, man kann jedenfalls nicht hören, worüber wir reden. Vermutlich stehen wir dafür zu weit weg.
Es ist ein unwirkliches Gefühl, sich in einer Situation zu betrachten, bei der man selbst die Hauptrolle spielt und bei der man sich unbeobachtet glaubte. Irgendwie verletzend, ein beinahe zerstörerisches Vordringen in meine Privatsphäre.
Und auf jeden Fall ein böswilliges.
Ich sage gerade etwas zu Mia, und sie lässt ihre Arme sinken, gleichsam fährt sie ihre Abwehr herunter, das ist ihrer Körpersprache deutlich anzusehen. Der heimliche Beobachter verändert erneut seine Position, schleicht jetzt um den Baumstamm herum (es ist tatsächlich eine Birke, das erkenne ich nun an dem weißen Stamm), man hört ganz leise das Laub unter seinen Füßen rascheln, als er sich vorsichtig bewegt.
Dann kommen wir wieder ins Bild, Mia und ich, diesmal allerdings sieht man eher meinen Rücken, und ich verdecke sie ein bisschen. Ich berühre Mia sanft an der Schulter, dann ziehe ich sie in meine Arme, was sie bereitwillig zulässt. Ihr blonder Scheitel lugt über meiner Schulter hervor, ihr Kopf zittert leicht, sie weint offenbar. Einen kurzen Moment lang stehen wir so da, und dann ist zu sehen, wie sie zögernd ihre Hände hebt, offenbar, um mich ebenfalls zu umarmen. Das hatte ich damals gar nicht mitbekommen, denke ich, und in diesem Moment überfällt mich ein Anflug von unsagbarer Traurigkeit. Und gleichsam eine Art Vorahnung, ein seltsames Gefühl, dass ich nicht in Worte fassen kann.
Nicht mal in Gedanken.
Dann ploppen Herzchen über unseren Köpfen auf, die in den Himmel schweben. Offenbar ein grafischer Effekt, den der Hobbyfilmer eingefügt hat, um seine Botschaft zu verdeutlichen.
Und es ist klar, was diese Botschaft nur sein kann.
Man sieht, dass ich eine meiner Hände hebe, um Mia sanft über den Kopf zu streichen. Sie weint jetzt, das weiß ich, aber auf dem Video ist das nicht zu erkennen.
Die Herzchen sind alle davongeschwebt.
Und ja, für einen winzigen Moment könnte man fast annehmen, dass wir kurz davor wären, uns zu küssen oder sowas. Ein Paar, das sich gerade heftig gestritten hat und sich nun versöhnt. Aber das ist natürlich vollkommen absurd. Auf sowas könnte man nur kommen, wenn man den Kontext nicht kennt. Wenn man vom Kontext nicht die beschissen leiseste Ahnung hat, denke ich, und die Tigerin erwacht nun doch wieder in mir.
Diesen kindischen Unsinn muss ich mir wirklich nicht bieten lassen.
Dann plötzlich geht eine ruckartige Bewegung durch die beiden Frauen auf der Lichtung, und Mia macht sich von mir los. In einer beinahe verzweifelten Bewegung stößt sie mich fort, was jedoch nur dazu führt, dass sie selbst einen kleinen Schritt rückwärts stolpert. Meine ausgestreckten Arme deuten in ihre Richtung, bevor ich sie langsam wieder sinken lasse.
Doch Mia hat sich umgedreht und rennt davon.
Das Video stoppt.
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