Parasit

Alex Pohl · Kapitel 27 von 68

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Parasit

Kapitel 27

 

 

EMMA

 

D en Morgen habe ich in unserem Fitnessstudio verbracht, denn Sophie wollte in die Stadt, wegen irgendwelcher Besorgungen, ich habe nicht genau hingehört. Mir gingen diese beiden Polizisten nicht aus dem Kopf, und das, was Neumann gesagt hat. Und das, was Sophie früher gesagt hat, über die Verbindungen des Herrn Oberstaatsanwalts zu den hiesigen Behörden, und wer weiß, zu wem noch.

Daher musste ich mich ablenken, und ein paar Runden im Pool hätten dafür einfach nicht ausgereicht. Ich habe mich verausgabt an den Geräten, bis der Schweiß in Strömen lief. Das half immerhin ein bisschen, für den Moment. Zumindest, bis mein Handy zu klingeln begann.

Ich ging ran, ohne zuvor auf das Display zu schauen.

Böser Fehler.

Wie sich herausstellte, kam der Anruf von einer Nummer aus Frankfurt, einer Festnetznummer, und wer ruft heutzutage noch von einem Festnetz an? Richtig, niemand. Außer vielleicht das Finanzamt.

Und die Polizei.

Es war wieder Hauptkommissar Wiesner, diesmal die Nettigkeit in Person, der mir ganz floskelreich erklärte, ich möge doch, sofern es meine sicherlich knappe Zeit zuließe, ins Revier kommen. Ich solle mir keine Sorgen machen, sie wären mir nur überaus dankbar, wenn ich ihnen noch bei ein, zwei Fragen weiterhelfen könnte, die sich mittlerweile ergeben hätten, und ich brächte sie damit wirklich weiter, und dass sie die Akte dann vermutlich schließen könnten. Ich war so überrumpelt von dem Anruf, und auch von Wiesners Freundlichkeit, dass ich sofort zusagte, ohne auch nur auf den Gedanken zu kommen, ihn zu fragen, warum wir diese paar simplen Fragen nicht auch am Telefon klären konnten. Ich duschte rasch und schlüpfte in die erstbesten Klamotten, die ich finden konnte. Ich wollte, dass dieser Mist vorbei war, und wenn ich dazu zehn Minuten lang irgendwelche Fragen beantworten musste, dann war das ein kleiner Preis, so satt hatte ich die ganze Angelegenheit inzwischen.

Mia war in diese Spalte gefallen. Das war tragisch, ja. Aber ich sah nicht ein, dass wir deswegen alle in einen Abgrund fallen sollten. Wenn irgendwer überhaupt Schuld an diesem bedauerlichen Unfall hatte, dann war das in meinen Augen Viktor Neumann. Nach dem Streit mit ihrem Vater war Mia abgehauen. Nicht nach Frankfurt zu Freunden, wie sich nun herausgestellt hatte, sondern zu dem unter den hiesigen Jugendlichen beliebten Treffpunkt bei den Felsen. Bloß hatte sie ausgerechnet in dieser Nacht niemanden dort angetroffen, und deshalb beschlossen, auf den Felsen herumzuklettern, wie das die Kids dort vermutlich öfter taten. Eine leichtsinnige, ja geradezu dumme Idee. Aber so sind Teenager nun mal, vollkommen unberechenbar.

Ich war so erleichtert über das von Wiesner in Aussicht gestellte Ende der ganzen Angelegenheit, dass ich mich nicht mal fragte, woher er eigentlich meine Nummer hatte.

Jetzt, da ich in Wiesners winzigem Büro sitze, das er sich allem Anschein nach auch noch mit seinem schnauzbärtigen Kollegen teilt (er heißt übrigens Schröder, diesmal habe ich mir den Namen gemerkt), wird mir klar, dass er sie nur von Direktor Weber haben kann, dem ich das natürlich nicht erlaubt habe. Besteht denn kein Datenschutzanspruch gegenüber den Behörden? Offenbar nicht.

Jetzt verfluche ich mich für meine Naivität.

Ich hätte auf Sophie hören und warten sollen, bis sie mit diesem Schlesinger in Frankfurt geredet hat, dem Familienanwalt der Stratmanns, und damit ja jetzt irgendwie auch meinem. Doch dafür ist es nun wohl zu spät. Ich kann ja nicht herkommen, und dann plötzlich jede Aussage verweigern, ohne mich vollkommen lächerlich zu machen – oder verdächtig.

Was für einen Eindruck würde so ein Verhalten bei Wiesner hinterlassen?

Außerdem bin ich kein professioneller Schwerverbrecher, ich könnte das gar nicht. Dasitzen und schweigen. Zurückgelehnt auf meinem Stuhl und die Polizisten fett angrinsen. Das sieht höchstens in Krimis leicht aus. Während mein Blick immer wieder zu dem völlig vertrockneten Ficus schweift, der wie zum Hohn auf dem Fensterbrett des kleinen, unpersönlichen Büros der beiden steht, erklärt mir Wiesner, was sie bisher herausgefunden haben.

Er hat rundheraus gelogen, das wird mir schnell klar. Das hier wird nicht in zehn Minuten vorbei sein, und dass sie den Fall damit abschließen, halte ich auch für äußerst unwahrscheinlich. Da kann mir Wiesner noch so umständlich dafür danken, dass ich sofort zu ihm gefahren bin, in seinen Augen macht mich das vermutlich nur noch verdächtiger.

»Also, Frau Stratmann«, sagt er. »Lassen Sie mich Ihnen zunächst erklären, welche neuen Fakten wir inzwischen herausgefunden haben, und dann würde ich Ihnen gern noch ein paar Fragen stellen, einverstanden?« Ich nicke schwach und räuspere mich, weil ich einen trockenen Hals bekommen habe. Immer, wenn mich jemand Frau Stratmann nennt, kommt mir das seltsam vor, so, als würde er mich mit Sophie verwechseln. Daran hat sich auch nach all den Jahren nichts geändert.

»Das Handy von Mia ging höchstwahrscheinlich bei dem Sturz in die Spalte kaputt«, sagt Wiesner. »Um genau 19:40 Uhr am Dienstag Abend, das wissen wir inzwischen.«

»Aha«, sage ich. Ich verstehe nicht, warum das so wichtig sein soll, aber das ist es offenbar, denn Wiesner schaut jetzt ausgesprochen ernst drein. Nichts mehr zu spüren von seiner fast schon kriecherischen Freundlichkeit am Telefon. Der Kerl ist sich offenbar für keinen schäbigen Trick zu schade. Schröder, der an dem Schreibtisch gegenüber sitzt, hat schon wieder sein Notizbuch gezückt und kritzelt fleißig darin herum, obwohl ich praktisch noch gar nichts gesagt habe. Also vermutlich doch nur Strichmännchen.

»An diesem Abend wurde Ihr Wagen beschädigt, Frau Stratmann, ungefähr zur selben Uhrzeit.«

»Was?«, schnappe ich. Doch dann fällt es mir wieder ein. Der Zettel, der Stein, die Windschutzscheibe. Und plötzlich wird mir auch klar, wieso der Zeitpunkt, an dem Mias Handy kaputtging, so wichtig für Wiesners Ermittlungen ist.

Shit.

»Wir fanden Glasreste auf dem Parkplatz beim Wald«, fährt Wiesner fort. »Nur ein paar kleine Splitter eigentlich, aber diese wirkten noch ziemlich frisch, und keiner der Nachbarn, die Herrn Neumann bei der Suche halfen, hatte einen solchen Schaden zu vermelden. Also haben wir ein bisschen herumgefragt, bei den örtlichen Autowerkstätten. Wir haben bei den exklusiveren angefangen und – was soll ich sagen – eigentlich war es ein reiner Glückstreffer. Ihr Wagen, ein weißer Jeep Wrangler, wurde am Mittwochnachmittag zur Reparatur abgeholt, wegen einer defekten Windschutzscheibe. Die Werkstatt hatte die ausgetauschte Windschutzscheibe noch nicht entsorgt, und die gefundenen Splitter passten perfekt dazu. Man hat ein Übergabeprotokoll angefertigt, in dem sie angaben, dass der Wagen am Abend des Vortags beschädigt worden war.«

»Das ist korrekt. Und?«

»Nun, möchten Sie uns vielleicht erklären, was genau Sie an dem Abend, als Mia starb, auf dem Parkplatz am Waldrand gemacht haben?«

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