Parasit

Alex Pohl · Kapitel 68 von 68

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Parasit

68. Grünes Grab

KAPITEL 68

GRÜNES GRAB

 

D ie junge Frau war zufrieden. Die Bauarbeiten an der Tudorvilla gingen nun zügig voran. Sie selbst hätte es vermutlich auch in bescheideneren Wohnverhältnissen ausgehalten als hier in Manderley, aber Sophie fand, sie schulde Emma eine Umgebung, wie diese sie sich immer gewünscht hatte.

Emma würde bekommen, was ihr zustand.

Immerhin war sie Sophies wahre Liebe.

Der Sommer war angebrochen und es versprach ein langer, warmer, aber nicht zu heißer Sommer zu werden. Wie dafür geschaffen, auf der weitläufigen Rasenfläche hinter dem Haus zu sitzen und dem fernen Hämmern und Sägen zu hören, während das alte Haus zu neuem Glanz erblühte.

Heute hatten sie sogar das alte Puppenhaus mit nach draußen geschleppt, das die junge Frau auf dem Dachboden gefunden hatte, eingemottet unter einem alten Laken, und genauso schön, wie sie es aus ihrer Kindheit in Erinnerung gehabt hatte. Lediglich die Püppchen waren verschwunden, und Sophie hatte sie nirgends finden können, aber das machte nichts.

Sie brauchte sie nicht mehr, sie hatte nun eine eigene Familie.

Die junge Frau goss noch etwas Tee in eine Tasse, und führte sie ihrer Geliebten vorsichtig an den Mund. Der Tee war kochend heiß, und ihre Geliebte gab leise Schmerzlaute von sich, als der Tee ihre Lippen berührte und ihre Kehle hinab rann. Wie üblich ging das meiste aber daneben und lief über Emmas Kinn, aber das störte Sophie nicht. Liebevoll tupfte sie Speichel und Tee vom schönen Gesicht ihrer Geliebten.

»Ach, Emma, meine schöne Emma«, sagte sie leise. »ist es nicht ein schöner Tag, um draußen zu sein und den Vögeln zu lauschen?«

Emma in ihrem Rollstuhl sagte natürlich nichts dazu, sie sprach sowieso nie, und vielleicht war es auch das Beste so. Sophies Liebe zu ihr war ungebrochen, und wenn überhaupt, so hatte sie sich noch verstärkt, seit ihre Geliebte so unglücklich aus dem Fenster des Turmzimmers gestürzt war. Ein bedauerlicher Unfall, von dem alle entsetzt gewesen waren – am meisten Sophie selbst. Was hatte Emma überhaupt da oben zu suchen gehabt? Ein Mysterium, das auch die Polizei nicht hatte lösen können, zum allgemeinen Bedauern. Doch ein Unfall musste es gewesen sein, denn einen Grund, sich etwas anzutun, hatte Emma ja nun wirklich nicht gehabt. Sie lebte in einem wunderschönen Haus, mit ihrer wunderschönen Frau und besaß alle Annehmlichkeiten, die man sich nur wünschen konnte.

Doch all das war längst vergessen.

Schnee von gestern.

Sophie hatte sich sogar bemüht, den jungen Handwerker ausfindig zu machen, mit dem sie Emma damals in der Bäckerei hatte sitzen sehen. Sie hatte herausgefunden, dass er sehr geschickt in Holzarbeiten war, und hatte ihn beauftragt, die alte Beplankung im Inneren des Hauses auf Vordermann zu bringen. Er war ganz aus dem Häuschen gewesen, als er den Auftrag angenommen hatte, und das zu einem sehr günstigen Preis. Manchmal lud sie ihn sogar ein, mit ihnen beiden Tee zu trinken, und wenn er sie dann mit seinen nicht enden wollenden Anekdoten über die Geschichte des Hauses unterhielt, schaute sie manchmal in die Augen ihrer geliebten Emma, auf der Suche nach irgendeiner Reaktion, aber es kam keine, die Augen blieben stumpf und leer. Wie Murmeln im Gesicht einer Puppe.

»Noch einen Schluck, meine Liebe«, schlug Sophie vor und führte ihrer lieben Emma die Tasse erneut an die Lippen, und auch jetzt achtete sie ganz genau auf irgendwelche Reaktionen, als sie das brühheiße Getränk an die ausgetrockneten Lippen ihrer Frau führte. Doch es kam auch diesmal nichts außer diesem leisen Brummen tief aus Emmas Kehle. Selbst ihre Hände, die sie wie stets im Schoß gefaltet hatte, blieben völlig regungslos. Da war nichts mehr in Emma, das hätte reagieren können.

Zufrieden lehnte Sophie sich in ihrem Lehnstuhl zurück und genoss ihren Tee in kleinen Schlucken. Vielleicht würde sie das Manuskript ja doch eines Tages veröffentlichen, mit ein paar kleinen Änderungen, verstand sich. Aber eigentlich war das nicht mehr wichtig. Wichtig war allein, dass Emma nun ihr gehörte, ganz allein ihr.

Für immer.

 

Ende

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Alex Pohl

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