Parasit
Kapitel 13
SCHULE, FRÜHER
A ls ich an jenem Nachmittag aus dem Seiteneingang der Schule auf den Parkplatz trat, stellte ich fest, dass mein Auto fast das einzige war, das jetzt noch dort stand. Das andere, ein älterer dunkelblauer VW Passat, stand direkt daneben. Vor dem Hinterrad auf der Beifahrerseite kniete ein Mann und machte sich mit einem Radkreuz an der Felge zu schaffen. Zuerst dachte ich, es sei vielleicht ein Autodieb. Oder ein Schüler, der einem Lehrer einen Streich spielen wollte – allerdings ein ziemlich übler Streich, wenn es dabei um gelöste Radmuttern ging. Doch dann fiel mir wieder ein, wo ich mich hier befand und wie lächerlich jede dieser beiden Varianten war.
»Hallo«, sagte ich also zu dem vermeintlichen Autodieb.
»Scheiße!«, zischte der Mann, weil er in diesem Moment mit dem Radkreuz abrutschte, das mit einem metallischen Klirren auf den Asphalt fiel. Dann wandte er den Kopf.
Als er mich erkannte, sagte er: »Oh. Sorry.« Vermutlich wegen des Fluchs. Dann stand er auf. Und lächelte mich an. Ich erkannte ihn, Simon Schwarz, ebenfalls Oberstufe. Sport und Geschichte, wenn ich mich nicht irrte.
»Du bist die Neue«, stellte er treffend fest. »Emma, äh ...?«
»Äh, Stratmann«, antwortete ich grinsend. »Und Sie sind Herr Schwarz, nicht?«
»Nee,« sagte er. »Das bin ich noch nicht mal für die Kids. Simon, bitte.« Er streckte mir die Hand hin. Dann bemerkte er, wie schmutzig sie war und zog sie wieder zurück. Dabei grinste er wie ein kleiner Junge, der etwas ausgefressen hat. Ein Junge, der weiß, dass er Mist gebaut hat, aber auch, dass er damit durchkommen wird. Weil Jungs nun mal so sind. Diese Art von Lächeln.
Er mochte Mitte Dreißig sein, ein paar Jahre älter als ich.
»Du hast nicht zufällig ein Radkreuz dabei, oder?«, fragte er. »Meins ist so ausgeleiert, ich rutsche ständig von den blöden Muttern ab. Hab ´nen Platten, wie du siehst.«
Ich zuckte mit den Schultern, während ich seinen Wagen mit einem Blick streifte. Der war wirklich eine ziemliche Schrottkarre, ein ungewohnter Anblick auf diesem Lehrerparkplatz. »Da müsste ich nachschauen«, sagte ich, wenn auch ein wenig zögerlich, denn eigentlich hatte ich vorgehabt, joggen zu gehen und wenn ich das noch vor Einbruch der Dunkelheit schaffen wollte, musste ich allmählich los. »Ich hab’s noch nie gebraucht.«
Er grunzte etwas, nickte knapp und begann dann, sich die Hände an seiner Lederjacke abzuwischen. Meines Wissens war er der einzige Lehrer an der gesamten Schule, der nicht mit Jackett und Krawatte zum Unterricht erschien, und seine dunkelbraune Lederjacke unterstützte diesen Außenseiterlook noch zusätzlich. Sie war alt und an vielen Stellen abgewetzt, aber robust. So ein Teil, das man das ganze Leben lang tragen kann und das dann irgendwie zu einem Julianenzeichen der eigenen Persönlichkeit wird, ganz anders als die mindestens saisonal wechselnde Haute couture, die man in unseren Kreisen sonst zu tragen pflegt. Und wehe, dein Hosenanzug entspricht nicht dem neuesten Trend. Auch ich hatte mich recht schnell der allgemeinen Förmlichkeit an meiner neuen Schule angepasst, aber Simon Schwarz schien sich nicht um unausgesprochene Kleidervorschriften zu kümmern.
Und der Direktor tolerierte das offenbar bei ihm. Interessant.
Es stellte sich heraus, dass sich der Werkzeugkasten bei meinem Jeep in einem Staufach befand, an das man gelangte, wenn man eine Klappe unter der hinteren Sitzreihe öffnete. Ein Radkreuz lag da ebenfalls, beides brandneu und offensichtlich unbenutzt. Ich gab beides Simon und er machte sich ans Werk. Ich schaute zu, wie er mit seinen kräftigen, schmutzigen Händen das Rad löste, dessen Reifen schon kaum noch ein Profil aufwies. Das Ersatzrad, das er aus dem Kofferraum seines Autos wuchtete, machte auch keinen wesentlich besseren Eindruck, aber zumindest schien der Reifen die Luft noch einigermaßen zu halten.
Das Ganze dauerte nur ein paar Minuten, was ich ziemlich beeindruckend fand, andererseits machte der Wagen auch den Eindruck, dass da kleinere Reparaturen schon fast zum Tagesgeschäft gehörten, also hatte Simon vermutlich einige Erfahrung darin. Und mir fiel auf, dass ich schon lange keinem Menschen mehr beim Verrichten von körperlicher Arbeit zugesehen hatte. Ich meine, die Art, die wirklich einen praktischen Nutzen hat, und nicht nur dazu dient, im Fitnessstudio Gewichte von A nach B zu bewegen.
Grinsend reichte Simon mir das Radkreuz, was ich wieder in das Staufach meines Jeeps legte. »Danke, da hast du mir echt aus der Patsche geholfen, Emma Stratmann. Wüsste nicht, was ich ohne dich gemacht hätte. Zigarette?«
Er tastete die Taschen seiner Lederjacke ab und hielt mir dann die Packung hin. Camels. Ich hatte schon ewig keine mehr geraucht, und eigentlich auch keinerlei Verlangen danach, aber aus irgendeinem Grund nahm ich trotzdem eine. Er war echt anders als alle anderen Lehrer. Eine Weile rauchten wir schweigend, bis er irgendwann fragte: »Fährst du weit? Ich meine, von hier bis nach Hause.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Wir wohnen in Élysée, kennen Sie das?«
Das brachte ihn zum Lachen. Natürlich. Immerhin kam gut die Hälfte der Schüler hier aus Élysée, und es war auch kein Geheimnis, dass die Schule nicht gerade für die Kids aus der unteren Mittelschicht gedacht war, und wer sie zum Großteil finanzierte.
»Und da arbeitest du als Lehrerin?«, fragte er und stieß Rauch durch seine Nase. »Offenbar zahlen sie dir wohl ´nen anderen Tarif als mir.«
Durchaus möglich, dachte ich.
»Das glaube ich nicht«, sagte ich lachend. »Aber stimmt schon, wegen des Geldes müsste ich wohl nicht unterrichten. Ich mag einfach die Arbeit mit den Jugendlichen.«
Er nickte. Schnippte die Asche von der Spitze seiner Zigarette. Dachte nach. Sagte: »Und man kommt mal raus dort, oder?«
»Raus?«
»Na, aus dem goldenen Käfig. Ich meine, man sieht mal andere Gesichter, lernt neue Leute kennen. Sieht ein bisschen was von der schönen Gegend.« Er deutete mit der Spitze seiner Zigarette auf den nahegelegenen Waldrand.
»Stimmt«, sagte ich und dachte, dass er vielleicht nicht ganz unrecht hatte, was den goldenen Käfig betraf. Vielleicht brachte er mit dieser Bemerkung irgendetwas in mir zum Klingen, was da schon länger geschlummert hatte. Eine Art leisen Zweifel vielleicht, ob ich wirklich das Richtige getan hatte – ob wir das Richtige getan hatten, als wir nach Élysée gezogen waren. »Ich geh nach der Arbeit manchmal joggen«, sagte ich. »Dort hinten, im Wald. Ich nehme meine Joggingklamotten morgens gleich mit und ...«
»Ist mir schon aufgefallen.« Wieder dieses verschmitzte Lächeln. »Ich hab dich gesehen.«
»Oh?«
»Ich hab dich nicht gestalkt, keine Angst. Ich wohne nur da, im Wald, und hab dich mal vorbeilaufen sehen. Hast mich wohl nicht erkannt, weil ich im Auto saß, schätze ich.«
»Du wohnst da, im Wald?«, fragte ich und stellte mir eine Art Blockhütte vor, und davor einen Hackklotz, in dem eine Axt steckte, und manchmal hackte er dort Kaminholz, natürlich oberkörperfrei und schweißglänzend. Ich musste kichern, weil das so ein dämliches Klischee war.
»Was ist?«, fragte er und setzte dann, ein bisschen verschnupft, hinzu: »Schließlich kann sich nicht jeder eine Villa in Élysée leisten.«
»Deswegen habe ich nicht gelacht«, sagte ich, und dann schwiegen wir beide für einen Moment. Nichts als das leise Knistern der Glut unserer Zigaretten war zu hören, so still war es geworden. Vom Wald scholl der Ruf irgendeines Vogels zu uns herüber, dann verstummte er wieder. Seine Schulter berührte leicht die meine. Ich bewegte mich nicht weg.
Und dann, keine Ahnung, wieso, sagte ich plötzlich: »Jedenfalls gibt es auf unserer Straße diese Frau, Martha. Sie hat einen Hund.«
»Die Alte mit dem grässlichen Pudel, die hier morgens manchmal herumläuft?«
Ich nickte, auch wenn ich Buster gar nicht grässlich fand, sondern süß.
»Klar, die kennt doch jeder. Nette alte Dame, aber ein bisschen verrückt, glaube ich.«
»Verrückt?«, fragte ich. »Wie meinst du das?«
»Wie alte Damen eben so sind. Kauzig. Mit ihrem Köttelbeutel in der Hand, und diesen grell geschminkten Lippen. Ein bisschen wie ein Clown, aber ein gruseliger Clown. Wie in diesem Horrorfilm.«
Wir lachten beide ein bisschen, weil es kindisch war, aber auch ein wenig gemein, die alte Frau mit dem kinderfressenden Clown aus der Kleinstadt Derry zu vergleichen. Andererseits ...
»Weißt du, ich habe da etwas Merkwürdiges beobachtet.«
Und dann erzählte ich es ihm, keine Ahnung, wieso. Ich schwächte meine Version allerdings ein bisschen ab. Dass Martha sich die Lippen geleckt hatte, während Buster die Kontrolle über seine Blase verlor, ließ ich weg. Aber den Rest erzählte ich Simon.
Er reagierte nicht, wie ich gedacht hatte, mit einem Kopfschütteln und dem allgemeinen Ratschlag, meinen Kopf mal gründlich vom Onkel Doc durchchecken zu lassen, wie ich erwartet hatte. Nein, er glaubte mir. Mehr noch, meine Erzählung schien ihn nicht im Geringsten zu überraschen.
Fast so, als hätte er mit so etwas gerechnet.
Es wurde dann doch nichts mehr aus dem Joggen im nahen Wald. Simon und ich sprachen an diesem Spätnachmittag auf dem Parkplatz so lange miteinander, dass ich erst bemerkte, dass zwei Stunden vergangen waren, als mein Handy klingelte und Sophie sich mit etwas sorgenvoller Stimme erkundigte, wo ich denn bliebe. Da erzählte ich ihr zum ersten Mal, ich sei laufen gewesen, obwohl das nicht stimmte. Und leider blieb es nicht bei diesem einen Mal.
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