Parasit
Kapitel 12
ÉLYSÉE, HEUTE
W ir hatten Sex letzte Nacht, und es war wundervoll. So schön wie schon lange nicht mehr. Wie früher, bevor wir ... na ja, bevor wir nach Élysée gezogen sind. War es also wirklich ein Fehler?
Nein, ich weigere mich, das so zu sehen.
Schon allein wegen Sophie. Ich kann ihr das nicht antun, bloß, weil es wegen dieser Sache mit dem Video gerade mal ein bisschen holpert bei mir. Sie hat sich so auf unser gemeinsames Leben in Élysée gefreut, wir beide hatten das. Und sie hat zu mir gestanden gestern Abend bei diesem Arschloch Neumann, einhundertprozentig.
Ich finde, wir haben uns gut geschlagen gegen Viktor Neumann, und vielleicht genügt das ja schon. Vielleicht telefoniert er in diesem Moment bereits mit Direktor Weber, um dafür zu sorgen, dass der meine Beurlaubung zurückzieht. Und vielleicht gibt ja noch etwas Gutes an der ganzen Sache. Eine Aussprache zwischen Vater und Tochter war im Haus der Neumanns doch schon längst überfällig, und ich bin ziemlich sicher, dass direkt nach unserem Besuch gestern Abend eine solche stattfand.
Das kann Mia nur nützen, und darum geht es doch schließlich.
Es wäre schön, wenn Mia nun nicht mehr ganz so unter der Fuchtel dieses egomanischen Patriarchen zu leiden haben würde. Schon allein dafür hätte sich dieser Sturm im Wasserglas gestern gelohnt.
Als Sophie die Küche betritt, strahlen wir uns an.
Es war gut gestern Nacht, das mit uns, richtig gut. Beinahe zwei Stunden lang haben wir uns nur miteinander beschäftigt – und einer neuen Flasche Rotwein, und dabei kein einziges Wort und keinen einzigen Gedanken an Neumann oder unsere anderen Sorgen verschwendet.
Keinen einzigen.
Oder doch, als ich den Verband um ihr Handgelenk gesehen hatte, der mir vorher noch gar nicht aufgefallen war. Vermutlich, weil ich so mit meinen eigenen Problemen beschäftigt gewesen war. Sie war abgerutscht, sagte Sophie, mit der Gartenkralle, ausgerechnet. Es sei aber keine tiefe Wunde, sagte sie, und dass ich mir keine Gedanken machen sollte deswegen.
Auch bei mir wird sich alles wieder einrenken, da ist sie sich absolut sicher. Ich glaube ihr und mehr noch – ich will sie. Wie ich sie da so stehen sehe, mit ihrem Handtuchturban auf dem Kopf, in ihren kuscheligen, weißen Bademantel gehüllt, da will ich sie, wie ich niemals einen Menschen zuvor gewollt habe. Weil sie dieser eine Mensch ist für mich.
Ich war eine Idiotin, auch nur eine Sekunde an uns gezweifelt zu haben – aber um dieses Problem habe ich mich ja mittlerweile auch gekümmert. Für den Bruchteil einer Sekunde fällt mir der Stein wieder ein, wie er gegen meine Windschutzscheibe kracht, wie ich panisch auf die Bremse steige – der Stein, und der Zettel, verpiss dich, Lesbe, und für eine Sekunde will sich mein Herz verkrampfen.
Aber ich lasse es nicht zu.
Ich bin stärker als dieser Mist.
Wir beide sind stärker, und wir werden uns auch hier behaupten, wir werden eine gute Zeit haben in Élysée, wir werden dazugehören. Und hier gemeinsam alt werden. Ja, das auch.
Sophie setzt sich neben mich auf die Sitzecke und drängt ihren Körper an meinen. »Das war schön gestern Nacht«, sagt sie, tastet nach meinem Gesicht. Wir küssen uns, sie schmeckt nach Zahnpasta, ich nach Kaffee – hoffe ich zumindest, denn ich habe heute Morgen noch keine Zähne geputzt. Unser Kuss wird länger und etwas atemlos, bevor wir wieder voneinander lassen können, doch in ihren Augen spiegelt sich jetzt auch mein erwachendes Verlangen.
»Kaffee, Liebling?«, frage ich.
»Gleich«, haucht sie. Kurz darauf verschwinden wir erneut in Richtung Schlafzimmer, auf dem Tisch bleibt mein Kaffeebecher zurück, aus dem sich kleine Dampfschwaden in Richtung Decke kräuseln.
Als ich eine Stunde später frisch geduscht in die Küche zurückkehre, ist mein Kaffee kalt. Sophie kuschelt sich oben in die warmen Laken, ist vielleicht sogar noch einmal eingeschlafen. Ich setze neuen Kaffee auf, schreibe ihr einen Zettel, dass ich heute nochmal versuchen möchte, in der Stadt nach Schuhen zu schauen. Das ist einleuchtend, auch, weil mir das vielleicht hilft, mich von dieser ganzen Sache mit Neumann und seiner Tochter abzulenken. Darunter kritzele ich drei Herzchen, wie ein verliebtes Schulmädchen, und bin ich das denn nicht auch?
Ich starte meinen weißen Jeep mit der inzwischen ausgewechselten, brandneuen Windschutzscheibe, um in die Stadt zu fahren. Außerdem packe ich meine Sporttasche mit den Joggingklamotten ein, weil ich später vielleicht noch eine Runde im Wald laufen gehen möchte. Ich nehme mir fest vor, diesmal wirklich mindestens ein Paar Schuhe in der Stadt zu kaufen. Nicht, dass Sophie noch auf dumme Gedanken kommt, für die es ja nun absolut keinen Anlass mehr gibt. Ich liebe sie, und es fühlt sich gut an, das zu denken. Ich habe sie immer geliebt. Das mit Simon Schwarz war nur ein dummer Ausrutscher, eine einmalige Sache, und ich verspüre nicht die geringste Lust auf eine Wiederholung. Ich war nur verwirrt, nur einen dummen Augenblick lang aus dem Tritt geraten – doch nun bin ich wieder auf der richtigen Spur. Ich bin erwacht wie Dornröschen, aus einem sehr kurzen, wirren Traum. Alles ist gut.
Ich muss nur noch diese Sache mit dem Zettel klären.
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