Parasit
Kapitel 11
ÉLYSÉE, FRÜHER
D iese Sache mit Martha und was sie ihrem Hund angetan hatte, ging mir auch Wochen später nicht aus dem Kopf. Wovon genau war ich da eigentlich Zeugin geworden? Okay, die alte Frau hatte offenbar einen Hang zum Sadismus, und den ließ sie manchmal an ihrem wehrlosen Hund aus – gesetzt den Fall, dass ich nicht diejenige mit einer Störung war und mir Dinge einbildete, die gar nicht da waren.
Gleich am Morgen des nächsten Tages – es muss ein Sonntag gewesen sein – besuchten uns Martha und und ihr Pudel Buster wieder, und ich begann mir tatsächlich ein bisschen Sorgen um meine geistige Gesundheit zu machen. Martha war wieder die leicht zerstreut wirkende alte Frau und unerschöpfliche Plaudertasche aus der Nachbarschaft, die sie immer gewesen war und Buster erfreute sich offenbar bester Gesundheit. Ich achtete genau darauf, ob er sich Martha gegenüber aggressiv oder vielleicht auch besonders unterwürfig zeigen würde, aber ich konnte nichts dergleichen feststellen.
Alles war ganz normal.
Also beschloss ich, die Sache zu vergessen. Schon allein Sophie zuliebe, und weil ich mir ja wirklich nicht sicher sein konnte über die Natur dessen, was ich da gesehen zu haben glaubte. Vielleicht hatte sie ihn überhaupt nicht am Halsband hochgezogen, sondern einfach nur auf ihre Brust gehoben, ihn mit der anderen Hand gestützt, oder was weiß ich, und ich hatte es nicht richtig gesehen, immerhin war es ja schon dunkel gewesen. Vielleicht hatte Buster auch nicht die Augen verdreht, während ihm die Zunge aus dem Maul gehangen hatte, sondern nur herzhaft gegähnt.
Andererseits hatten sie direkt unter einer Straßenlaterne gestanden.
Ich hatte sogar deutlich gesehen, wie sie sich mit der Zunge über die Lippen geleckt hatte, während ihr armer, kleiner Pudel mit dem Erstickungstod gerungen hatte.
Aber hatte ich das wirklich?
Nein, beschloss ich, genug davon. Wir waren die Neuen hier in Élysée, ich kannte die örtlichen Gepflogenheiten nicht, und in den zwei Wochen seit dem Vorfall hatte ich absolut nichts Merkwürdiges in Élysée beobachtet. Nicht bei Martha, und nicht bei einem unserer anderen Nachbarn, die uns alle freundlich und überaus hilfsbereit empfangen hatten. Einzig dieser Staatsanwalt, ein gewisser Viktor Neumann, wirkte vielleicht eine Spur zu aufdringlich, wenn er auf seinem Weg zu den Harfelds seinen Kopf über den Zaun streckte und bei uns nach dem Rechten sah, wie er es nannte. Aber nach einem kurzen Plausch musste er meist schon weiter und die Stelle, an der gelegentlich sein Kopf auftauchte, würde ohnehin spätestens im Frühjahr von der Hecke komplett zugewuchert sein, die wir dort gepflanzt hatten.
Ich wollte, dass wir einen guten Start hier bekamen, nachdem meine Eltern ganz demonstrativ nicht zu unserer Hochzeit erschienen waren, und jede Einladung nach Élysée seitdem hartnäckig abgelehnt hatten. Sophie überspielte das nach Kräften und tat einfach so, als würde sie jede einzelne der ausnahmslos fadenscheinigen Ausreden glauben, die meine Mutter immer wieder erfand. Dabei wussten wir beide, dass sich mein Vater rundheraus weigerte, die Ehe seiner Tochter mit einer anderen Frau als eine solche anzuerkennen – und unser gemeinsames Zuhause damit natürlich auch. Für ihn waren das bestenfalls Flausen.
Eine Phase, die ich irgendwann überwinden würde.
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