Parasit

Alex Pohl · Kapitel 55 von 68

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Parasit

Kapitel 55

 

»O kay«, sagte Wiesner, während er sich von Neumann einen Blick einfing, der gewiss getötet hätte, wenn das physikalisch irgendwie möglich gewesen wäre, und zwar alles und jeden im Raum. An Wiesner prallte er allerdings ab. »Kommen wir nochmal zu der Spraydose«, sagte er. »Wir haben eine rote Farbspraydose in Ihrer Garage gefunden. Der darin enthaltene Farblack hat denselben Rotton wie der, mit dem das Wort MÖRDERIN auf Emma Stratmanns Wagen gesprüht wurde. Was haben Sie dazu zu sagen?«

»Die Farbe brauche ich für Gartenarbeiten«, behauptete Neumann, nicht zum ersten Mal an diesem Nachmittag. Mit einem innerlichen Kopfschütteln dachte Wiesner: Na, wenigstens bleibt er seiner eigenen Lügengeschichte treu. Auch, wenn ihm klar sein muss, dass wir ihm die niemals abnehmen werden.

»Ich konnte nichts Rotes in Ihrem Garten entdecken, Herr Neumann, und die Dose sieht mir noch ziemlich neu aus, kaum gebraucht. Kann es sein, dass Sie damit Frau Stratmanns Auto verschönert haben?«

»Kann es sein, dass Sie den Arsch offen haben, Wiesner?«, brüllte Neumann. Auch diese Vermutung hat er bisher schon ein paar Mal geäußert, und jedes Mal ein bisschen lauter. Und jedes Mal hatte er Wiesner damit eine größere Freude gemacht. Verdächtiger konnte man sich kaum benehmen.

»Herr Doktor Neumann, ich muss Sie eindringlich bitten, sich zu mäßigen.«

»Du kannst mich mal. Wenn ich mit dir fertig bin, kannst du dir einen neuen Job suchen, du Aushilfssheriff.«

»Okay, Herr Doktor Neumann, wie Sie meinen«, sagt Wiesner und fand, dass es allmählich Zeit wurde, die eigentliche Katze aus dem Sack zu lassen, denn die war ein richtig fetter Kater. Ein flüchtiger Blick auf den leise lächelnden Alexander David verriet ihm, dass der diesem Ereignis ebenfalls schon freudig entgegensah. »Dann vergessen wir mal für einen Moment die Spraydose«, sagte Wiesner in versöhnlichem Ton. »In Ihrer Garage wurde außerdem eine Tüte voller Glasflaschen gefunden, Weinflaschen in der Hauptsache, offenbar zur Entsorgung im Glasmüll gedacht.«

»Ja, und?«, blaffte Neumann. Beinahe fand Wiesner das schade. Er hätte sich gewünscht, dass der Oberstaatsanwalt wenigstens an diesem Teil erkennen würde, dass es sinnlos war, weiter den grantigen und zu Unrecht Beschuldigten zu spielen. Doch Neumann blieb seiner Rolle treu, eben wie ein echter Profi.

»Unter den Flaschen befand sich eine«, sagte Wiesner und blätterte in der Mappe mit den Fotos, die während der Hausdurchsuchung von Neumanns Villa gemacht worden waren, »mit einer Beschädigung an der Unterseite. Es fehlte sogar ein ziemlich großes Stück vom Flaschenboden. Mit Wucht herausgeschlagen, wie es scheint.«

Jetzt schob er Neumann das Foto hin, der nur einen flüchtigen Blick drauf warf und Wiesner dann fragend – und weiterhin wütend – anstarrte.

»Es fanden sich Blutrückstände am Boden dieser Flasche. Diese werden zur Stunde in unserem Forensiklabor untersucht, aber ich gehe davon aus, dass man sie Ihrer Tochter zuordnen wird, Herr Neumann.«

»Was?«, platzte es aus dem schwergewichtigen Mann heraus. Wie eine Vulkaneruption, dachte Wiesner. Da will man auch nicht wirklich in der unmittelbaren Umgebung sein, wenn’s passiert.

»Ich möchte Sie daran erinnern, dass es zu Ihren Gunsten ausgelegt werden kann, wenn Sie jetzt ein vollumfängliches Geständnis ablegen. Und damit meine ich, bevor die Ergebnisse aus der Forensik da sind. Sie wissen ja, wie das läuft.«

Neumann schwieg, die Lippen zu einem blutleeren Strich aufeinandergepresst. Beinahe so, als befürchtete er, ihm könne sonst ein Geständnis versehentlich entfleuchen. Als ob das jetzt noch nötig gewesen wäre.

»Es geht noch weiter, Herr Doktor Neumann«, fuhr Wiesner dessen ungeachtet fort. »Als unsere Spezialisten von der Spurensicherung den Boden der angrenzenden Küche untersuchten – Ihrer Küche, wohlgemerkt – fanden sie mehrere großflächig verteilte Blutspritzer, oder vielmehr Rückstände davon. Diese wurden zwar weggewischt, sodass mit bloßem Auge nichts mehr davon zu sehen war, aber ...«

Wiesner musste nicht weiterreden, denn ihm war klar, dass Neumann sehr genau wusste, wie eine Luminoluntersuchung unter Schwarzlichteinsatz funktionierte. Die auf diese Weise nachgewiesenen Blutreste reichten zwar oft nicht aus, um sie einer bestimmten Person zuzuordnen, aber glücklicherweise hatten sie ja noch die Flasche. Auf der sich überhaupt keine Fingerabdrücke befanden – außer denen von Doktor Viktor Neumann, natürlich, und die dafür reichlich.

Als Schröder, dieser unschlagbare Spürhund, ihm das Ding grinsend unter die Nase gehalten hatte, hatte Wiesner das Gefühl gehabt, eine tonnenschwere Last sei von seinen Schultern genommen worden. Er hatte förmlich spüren können, wie sein nervöser Magen sich fast augenblicklich beruhigt hatte. Der Rest waren Kleinigkeiten. Puzzleteile, die das Bild ergänzen würden, mehr nicht. Es vervollständig machen, obwohl jeder längst erkennen konnte, was es darstellen würde.

»Mia hat alles herausgefunden, nicht wahr?«, fragte Wiesner. »Ihre Verwicklungen ins Drogengeschäft. Darum ging es bei diesem letzten Streit zwischen Ihnen, nicht wahr? Und sie hat gedroht, alles Emma Stratmann zu erzählen, richtig? Oder glaich der Polizei.«

»Nein«, zeigte sich Neumann plötzlich überraschend gesprächig. »Darum ging es nicht mal ansatzweise.«

»Und worum dann?«

»Es ging darum, dass sie in ihre beschissene Lehrerin verknallt war, diese Stratmann. Und um das Video von den beiden. Das hat der ganzen Sache noch die Krone aufgesetzt.«

»Sie meine das Video, das Sie daraufhin an Direktor Weber geschickt haben, zusammen mit einer Mail, in der sie Frau Stratmann bezichtigen, sich Mia in unsittlicher Weise genähert zu haben?«

»Kein Kommentar.«

»Wie Sie wollen, Herr Neumann«, sagt Wiesner und entschied sich dann dafür, den Schwung, den das Gespräch gerade bekommen hatte, weiter auszunutzen. Alle Karten auf den Tisch zu legen, und warum auch nicht? Der Rest waren Kleinigkeiten. »Kommen wir bitte zu den Geschehnissen des fraglichen Abends. Gegen 19:10 am betreffenden Dienstag wurden Sie gesehen, wie Sie etwas in den Kofferraum Ihres Wagens luden. Was war das und wo sind Sie damit hingefahren?«

»Ich habe nichts in meinen Kofferraum geladen, und soweit ich mich erinnere, hatte ich an diesem Abend in Frankfurt zu tun.«

»Ich nehme an, dafür gibt es Zeugen?«

»Woher soll ich das wissen? Ich war in einer Bar, verdammt. Ich muss auch mal abschalten.«

»Sie streiten sich also lautstark mit Ihrer Tochter, und direkt danach fahren Sie nach Frankfurt, um eine Bar zu besuchen. Aha.«

»Herrgott, sie ist mir eben auf die Nerven gegangen an diesem Abend und …«

»Auf die Nerven, Herr Neumann?«

»Mensch, jetzt tun Sie nicht so! Es ist nun mal nicht immer alles eitel Sonnenschein beim Familienleben! Ich hatte doch keine Ahnung, dass sie … dass sie …« Neumanns Stimme brach mit einem Krächzen ab.

»Gut«, sagte Wiesner. »Wir werden das überprüfen, Herr Neumann, aber ich muss Ihnen ja wohl nicht erklären, dass es nicht gut für Sie aussieht im Moment. Sie hätten problemlos vorher in den Hamstetter Forst fahren können, um ...«

»Wieso zur Hölle hätte ich das tun sollen?«, krächzt Neumann mit heiserer Stimme. Er mag ein Vulkan sein, denkt Wiesner, ein mächtiger Berg, aber jetzt wirkt es, als wäre er so gut wie erloschen. Jetzt kommt nur noch ein bisschen Rauch raus. »Das glauben Sie doch nicht ernsthaft, oder? Dass ich meine eigene Tochter ...?« Seine Schultern sacken nach vorn. Den Blick gesenkt, starrt er auf seine Hände, die vor ihm auf der Tischplatte liegen wie große fleischige Inseln.

»Was ich glaube, spielt keine Rolle, fürchte ich. Alles, was ich hier versuche, ist, Ihnen eine Brücke zu bauen. Sie und Mia haben sich gestritten, es wurde hitzig, sie hatten eine Weinflasche in der Hand und ... ein Unfall, so könnte man es sehen. Eine unglückliche Affekthandlung. Kein kaltblütiger ...«

»Ich hatte keine verdammte Flasche in der Hand, verdammt, und ... ach, scheiße. Es ist ein Komplott. Das Ganze ist eine einzige Verschwörung gegen mich, und diese verdammte Lesbe ...«

»Gut, Herr Neumann«, sagte Wiesner, der nicht die geringste Lust verspürte, eine weitere Runde in diesem ganz speziellen Neumannschen Gedanken-Karussell zu drehen, das sich inzwischen ganz auf Emma Stratmann zu fokussieren schien. »Ich denke, damit habe ich erstmal alles.«

Er stand auf, verließ das Verhörzimmer und überließ dem Drogenfahnder Alexander David das Schlachtfeld. Schließlich gab es da noch so einiges zu klären, auch wenn Wiesner bezweifelte, dass Neumann sich seinem Kollegen gegenüber kooperativer zeigen würde als ihm. Draußen stand Schröder und sah ihn fragend an. Wiesner nickte, Schröder grinste unter seinem buschigen Schnurrbart hervor und als sie den Gang ein paar Meter weiter gelaufen und um die Ecke gebogen waren, klatschen sie grinsend ab. Das hatten sie sich verdient, fand Wiesner.

Sie hatten ihn, der Fall war gelöst.

Sie hatten Neumann.

David gegen Goliath, und ausnahmsweise einmal hatte die Sache den biblischen Ausgang genommen, was in der Realität viel zu selten vorkam. Diesmal wusste Wiesner einfach, dass sie richtig lagen. Wusste es noch, bevor das Labor ihm seine Vermutung zwei Tage später vollumfänglich bestätigte. Die Blutreste vom Boden der Flasche passten tatsächlich perfekt zu Mia Neumann, die Fingerabdrücke zu ihrem Vater, andere waren nicht darauf. Die DNA des Blutes, welches die Luminol-Untersuchung zum Vorschein brachte, konnte nicht identifiziert werden, aber das sah Wiesner angesichts der weiteren Umstände nicht als Problem an. Die Sache war rund, und auch die Drogen, von denen Neumann angeblich nichts gewusst haben wollte, passten perfekt ins Bild. Damit fügt sich das komplette Puzzle zusammen, jedes Teil passte nun perfekt an seinen Platz.

Wie bei einem Mosaik.

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