Parasit

Alex Pohl · Kapitel 40 von 68

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Parasit

Kapitel 40

 

W iesner betrachtet den Jungen, der ihm gegenüber an dem wackligen Tisch sitzt. Die Handschellen haben sie ihm inzwischen abgenommen, aber das Wasser, das vor ihm steht, hat der Junge nicht einmal angerührt. Er sitzt einfach da, den Kopf gesenkt, und starrt auf die künstliche Holzmaserung der Tischplatte. Seine Hände klammern sich an die Kante des Tisches, als habe er Angst, dass das ganze Ding sonst zusammenfallen könnte. Dabei schluchzt er ungehemmt.

Wiesner ist sich sicher, dass sie ihn haben.

Er wird gestehen, und zwar alles.

Julian Jensen, der Mörder von Mia Neumann, oder vielleicht auch nur derjenige, der einen Unfall verschuldet hat, auch wenn das inzwischen unwahrscheinlich erscheint. Kein Profikiller, keine heimtückische Schattenmacht. Bloß ein Junge, der für einen Augenblick die Kontrolle verloren hat.

Nein, zwingt sich Wiesner zu denken, auch wenn es ihm schwerfällt. Nein, das stimmt nicht. Dieser Junge ist nicht harmlos. Dieser Junge hat sein Recht auf Milde abgegeben, als er anfing, mit Drogen zu handeln. An der Schule, wie sie inzwischen wissen, hat er das Zeug an seine Mitschüler vertickt, und ganz bestimmt nicht, weil er auf das Geld angewiesen wäre. Die Erträge sind Peanuts, für ihn und seine Eltern.

Es ging ihm nur um den Nervenkitzel, und das ist auch der Grund, aus dem das Zeug so reichlich Abnehmer fand. Eben, weil es gefährlich ist, dieses Zeug, und das wissen die Kids sehr wohl. Und doch suchen sie diesen Ausweg, jeden Ausweg aus dem, was sie für ein unerträglich belangloses Leben halten.

Ein Junge, dessen Eltern ihm jeden Wunsch von den Lippen ablesen, und sich auch wirklich jeden noch so großen Wunsch ihres verwöhnten Sohnemannes leisten können. Ein Junge, der nie auch nur einen Ferienjob annehmen musste, um sich etwas kaufen zu können. Der bereits als Jugendlicher all das hat, wovon neunzig Prozent der anderen Menschen nur träumen können. Schuhe, Klamotten, Handys, Computer, medizinische Betreuung – von allem nur das Beste, das Neueste, das Teuerste.

»Okay, Julian«, sagt Wiesner in versöhnlichem Ton. »Das mit dem Video war harmlos, aber das mit den Drogen ist kein Kavaliersdelikt mehr, das ist dir klar, oder?«

Der Junge nickt und schluchzt erneut.

»Also, von jetzt an keine Spielchen mehr, einverstanden? Denn das würde die Sache nicht besser machen, vor allem nicht für dich, haben wir uns da verstanden?«

Der Junge zieht er geräuschvoll die Nase hoch.

»Also. Woher hast du das Zeug?«

Für eine lange Weile bleibt Julian jede Reaktion schuldig, aber schließlich murmelt er irgendwas von einem Typen und irgendwelchen Felsen.

»Etwas lauter bitte«, unterbricht Wiesner ihn. »Und sprich bitte in Richtung Mikrofon.«

Julian hebt den Kopf, räuspert sich und wiederholt dann mit verheulter Stimme: »Von so einem Typen von außerhalb, der manchmal bei den Felsen mit uns rumhängt. Ein älterer Typ.«

»Von außerhalb, aha. Und das bedeutet?«

»Nicht aus Élysée. Keiner von den Bewohnern da. Ich weiß nicht, wo er herkommt.«

»Name?«

»Weiß ich nicht, den hat er mir nie verraten. Alle nannten ihn Spike.«

»Und dann lässt du dir von einem Wildfremden, dessen richtigen Namen du nicht mal kennst, einen Beutel Crystal Meth andrehen, ja? Erwartest du ernsthaft, dass ich dir das glaube?«

»So war das nicht«, erwidert Julian. »Irgendwer kannte ihn, und er hatte immer Bier dabei und so. War halt ein cooler Typ. Ich wollte halt kein Spießer sein vor den anderen.«

»Kein Spießer?«, fragt Wiesner interessiert. »Indem du anderen Kindern an der Schule Drogen verkaufst?«

»Kinder!«, stößt Julian verächtlich hervor. »Sie haben ja keine Ahnung.«

»Warum hilfst du mir dann nicht ein bisschen auf die Sprünge, Julian? Erklär´s mir. Wer hat außer dir noch Drogen von diesem Mann gekauft? Die Namen deiner Freunde wirst du ja wohl kennen.«

»Ich ...«, sagt Julian, dann bricht er ab. »Ich kann es nicht sagen«, sagt er schließlich. »Ich würde richtig Ärger bekommen. Mit diesen Leuten ist echt nicht zu spaßen, wirklich!« Plötzlich hebt er den Kopf und blickt Wiesner aus verheulten Augen an, jetzt wirkt er wirklich wie ein Kind. Ein kleiner Junge, der hingefallen ist und sich das Knie aufgeschlagen hat. Tränenfeuchte Wangen und Rotz, der ihm aus der Nase über die Lippen läuft. Abwesend leckt er sie ab, was in Wiesner widersprüchliche Gefühle irgendwo zwischen väterlicher Zuwendung und Ekel hervorruft. »Ich kann darüber wirklich nicht reden, tut mir leid.«

»Okay. Willst du, dass ich das dem Staatsanwalt erzähle?«, fragt Wiesner, wohl wissen, dass das für Julian kaum einen Unterschied machen dürfte, jetzt nicht mehr. Und dass er das vermutlich ebenfalls weiß. »Dass du nicht ein bisschen kooperierst in dieser Sache?«

Julian schweigt und senkt den Kopf wieder, um auf die Tischplatte zu starren.

»Es war so ein großer Typ mit Bart, und er trug immer schwarze Klamotten, das ist alles, was ich weiß«, sagt er schließlich. »Kann ich jetzt gehen?«

Beinahe entfleucht Wiesner ein Lachen. Na klar, jetzt kannst du gehen, Julian. Und dass ich dich ja nie wieder beim Drogenhandeln erwische! Oder dabei, wie du Mädchen in Felsspalten stößt. Du musst mir nur dein Pfadfinderehrenwort geben, dass du das künftig wirklich, wirklich bleibenlässt.

»Da wäre noch etwas«, sagt Wiesner. »Wusste Mia Neumann von dder Sache mit den Drogen, Julian?«

»Keine Ahnung, weiß ich doch nicht.«

»Aber es wäre immerhin möglich gewesen, dass sie etwas mitbekommen hat?«

»Kann schon sein.«

Dann lässt Wiesner die Bombe platzen. »Hast du sie deshalb in die Spalte gestürzt, Julian?« ruft er so laut, dass Julian zusammenfährt. »Weil sie gedroht hat, deine Drogengeschäfte auffliegn zu lassen?«

Julian Jensens Kopf ruckt hoch, er schaut Wiesner aus weit aufgerissenen Augen an. »Was?«, ächzt er. »Was haben Sie gerade gesagt?«

Wiesner wiederholt es nicht. Aber er schaut lange in dieses kindliche, verheulte Gesicht. Lange genug, damit sein Instinkt sich einschalten kann. Instinkt, wie die einen es nennen, oder jahrzehntelange Erfahrung. Was davon es ist, spielt keine Rolle, nur eines ist gewiss, Wiesners Instinkt irrt sich selten. Und in diesem Moment sagt er Wiesner, dass die Überraschung in Julian Jensens Gesicht echt ist.

Dass der Junge keine Ahnung davon hat, was mit Mia Neumann wirklich geschah.

Dass er kein Mörder ist.

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