Parasit
Kapitel 18
SCHULE, FRÜHER
A ls ich das nächste Mal mit Simon Schwarz auf dem Parkplatz hinter der Schule zusammentraf, war mit seinem Auto alles in Ordnung, und die Schule war gerade aus. Er stand da, an die staubbedeckte Seite seines Passats gelehnt, und rauchte. Natürlich verbotenerweise. Er ist überhaupt auch der einzige Lehrer hier, den ich je habe rauchen sehen. Und er raucht echte Zigaretten, nicht einen von diesen seltsamen Elektro-Verdampfern, die aussehen, als behandle man damit bereits ein ernsthaftes Lungenleiden und sei nicht erst auf dem besten Weg, eins zu bekommen.
»Hey!«, begrüßte ich ihn, und als ich ihn da so stehen sah, bekam ich Lust, mich ein wenig mit ihm zu unterhalten. Und vielleicht auch auf eine weitere Zigarette, allerdings nicht auf dem Schulgelände. Ich war ja erst wenige Wochen hier nicht scharf drauf, schon jetzt mit Direktor Weber aneinander zu geraten, der mir ein eher pingeliger Zeitgenosse zu sein schien. Simon schien meinen Gedanken erraten zu haben, denn er hielt mir die Packung hin.
»Nicht hier«, sagte ich und musste grinsen. Nicht hier. Das klang ja richtig geheimnisvoll, wie zwei Spione, die gestohlene Informationen austauschen.
Nun stahl sich auch auf sein Gesicht ein Grinsen, und er trat seine Zigarette aus, dann hob er sie auf und steckte sie in die Tasche seiner Lederjacke. Offenbar hielt auch er sich zumindest an ein paar der Regeln. »Okay, Emma, wo dann?«, fragte er.
»Ich will nachher noch laufen gehen«, sagte ich und nickte in Richtung Wald.
»Aha.«
»Na ja, und du sagtest doch, du wohnst da. In einem Haus mitten im Wald. Stell ich mir romantisch vor.« Warum konnte ich bloß nicht die Klappe halten?
»Romantisch ... na, ich weiß ja nicht.« Er stieß ein Lachen aus.
»Ich könnte ja mal schauen, ob ich es finde«, fuhr ich fort. Ich wusste selbst nicht, woher ich plötzlich diesen Sinn fürs Abenteuer nahm, das war sonst gar nicht meine Art.
»Okay«, sagte er. »Mein Haus sollte nicht all zu schwer zu finden sein. Einfach den Hauptweg entlang, bis du an ein Schild kommst, auf dem ›Forsthaus‹ steht. Es ist so ein altes Holzding, schon ziemlich verwittert.«
»Das Haus?«
Er lachte wieder. »Ja, das auch. Aber ich meinte das Schild. Wenn du es findest, lade ich dich zu einem Kaffee ein, oder einen Fitnessdrink, wenn dir das lieber ist.«
»Ich dachte eher an die versprochene Zigarette«, sagte ich.
»Während des Joggens?«
»Man muss auch mal Pause machen.«
»Wie du meinst«, lachte er, ging um die Motorhaube seines Passats herum und stieg ein. Sekunden später ließ er mich in einer übelriechenden Abgaswolke stehen, sodass ich schnellstens ebenfalls in meinen Jeep stieg. Ich wartete noch zehn Minuten, bevor ich ihm folgte. Genau wie ein Spion das gemacht hätte, der zu einer geheimen Verabredung unterwegs war.
Ich stellte den Jeep auf dem kleinen Parkplatz ab, kurz bevor der Wald beginnt, und wechselte im Auto meine Klamotten, dann stieg ich aus, dehnte mich ein bisschen und rannte los. Niemand sonst war hier, aber ich konnte die Spuren seines Wagens deutlich im weichen Waldboden erkennen. Es war tatsächlich leicht, ihnen zu folgen, und ich fand sowohl das Schild als auch das Haus ohne Mühe.
Wir würden für ein paar Minuten mit ihm auf der Veranda sitzen, eine Zigarette rauchen, vielleicht einen Kaffee trinken, wenn er welchen da hatte. Und ich würde dabei einigermaßen nach Schweiß müffeln nach der halbstündigen Laufstrecke.
Es würde absolut nichts passieren.
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