Parasit
Kapitel 15
ÉLYSÉE, FRÜHER
W ir waren Marthas Aufforderung, sie doch auch endlich einmal zu besuchen, schließlich nachgekommen. Ich hatte lange sanft dagegen protestiert, aber da ich Sophie nicht sagen konnte, was der eigentliche Grund für mein Zögern war, gab es irgendwann einfach keine vernünftig klingende Ausrede mehr, ihrem ständigen Drängen noch länger zu widerstehen. Ich wusste nicht einmal selbst so genau, wieso ich Sophie nicht einfach erzählte, was ich an jenem Abend gesehen hatte. Oder zu sehen geglaubt hatte. Ich neige normalerweise nicht zu Halluzinationen, aber vielleicht war hier wirklich einfach meine Fantasie mit mir durchgegangen. Jeder Psychologe hätte mir das leicht erklären können. Meine Angst, hier nicht dazuzugehören, mich der Herausforderung namens Élysée als nicht gewachsen zu zeigen – all das konnten Gründe sein für alle Arten von unterbewussten Ängsten und deren Projektion nach außen.
Was nicht hieß, dass irgendetwas davon real war.
Ich verbot mir also, weiter in diese Richtung zu denken, ich war schließlich keine labile Person, sondern eine gesunde, junge Frau. Und glücklich, so glücklich, hier in Élysée und an Sophies Seite. Der schönen, von allen bewunderten Sophie Stratmann. Was hätte ich denn sonst sein sollen außer glücklich?
Also besuchten wir Martha und ich beschloss, die ganze Sache einfach künftig nicht mehr zu erwähnen, bis ich sie schließlich ganz vergessen haben würde, falls das möglich war. Sophie hatte einen Korb mit Gebäckspezialitäten dabei – und die obligatorische Flasche Rotwein. Für einen Moment musste ich wieder an Marthas Kuchen denken, den sie uns zu unserem Einzug überreicht hatte und der sich mit dem, was in Sophies Korb lag, nicht messen lassen konnte – aber immerhin hatte ihn Martha selbst gebacken. Oder das zumindest behauptet.
Marthas Garten war ungefähr doppelt so groß wie unserer, und unserer war schon riesig. Sie musste ein ganzes Heer von Gärtnern beschäftigen, um ihn in Schuss zu halten. Allein die Rosenbüsche, ganze Kolonien, in allen möglichen Farben! Es gab sogar ein kleines Heckenlabyrinth seitlich des Hauses. Als Kind hätte ich hier meine helle Freude gehabt, und mich stundenlang absichtlich darin verirrt, aber irgendwie konnte ich mir nicht vorstellen, dass Martha hier mit derselben kindlichen Freude Verstecken spielte – und mit wem überhaupt? Etwa mit Neumann, wenn der auf einem seiner gelegentlichen Kontrollrundgänge durchs Viertel hier vorbeikam? Oder mit Buster?
Dass Martha vermögend war, war kein Geheimnis. Dieser Umstand verband schließlich alle Bewohner von Élysée. Aber wie vermögend sie sein musste, zumal als alleinstehende alte Frau, überraschte mich dann doch, als sich das Gartentor mit einem dezenten Summen öffnete und ich zum ersten Mal das ganze Ausmaß von Marthas luxuriösem Anwesen erblickte. Sie lebte in einem verdammten Schloss, zumindest nach allen mir bisher bekannten Maßstäben. Das Gebäude verfügte über fünf Stockwerke und sah aus, als hätte man es in Versailles ab- und hier wieder aufgebaut, Stein für Stein. Und es anschließend einer gründlichen und überaus detailversessenen Renovierung unterzogen.
Halb erwartete ich, dass sie uns im weitläufigen Garten hinter dem Haus empfangen würde, umgeben von ein paar altenglischen Adligen in Frack, Perücke und Knickerbockerhosen samt Seidenstrümpfen, und natürlich ganzen Horden ihrer Dienerschaft. Später würden wir vielleicht Croquet spielen, oder Tontaubenschießen mit Vorderladerpistolen. Dazu das Heckenlabyrinth – und plötzlich wurde mir klar, woran das alles hier mich erinnerte. Alice im Wunderland, keine Frage. Das hier war die Welt, in der die kleine Alice gelebt hatte, bevor sie einem weißen Kaninchen mit Zylinder und Taschenuhr folgte.
Seltsamer und seltsamer ...
Ganz so seltsam war es dann aber doch nicht bei unserer roten Königin. Martha erwartete uns am Haus, doch heute ließ sie ihr übliches, herzliches Lächeln ein bisschen vermissen, auch wenn sie sich überschwänglich für den Korb mit den Delikatessen und den Wein bedankte.
Während Sophie ihr den Korb überreichte, fielen mir die Eulen zum ersten Mal auf. Hier gab es zwei davon, links und rechts des geschwungenen Portals, das den Eingang zu Marthas bescheidener Behausung darstellte. Sie reichten mir fast bis zur Hüfte und wirkten wie finster dreinblickende, steinerne Wächter am Eingang zu einer Gruft. Ich hätte vielleicht mit Löwenstatuen gerechnet – angesichts des Gebäudes wären mir diese nicht mal übertrieben vorgekommen – aber ausgerechnet Eulen?
Auch ich drückte Martha die Hand und sie bat uns herein. Als wir dann später im Teezimmer (wo sonst?) beisammen saßen und Sophie fröhlich mit ihr über alle möglichen Belanglosigkeiten plauderte, während ich an meinem Earl Grey nippte, der viel zu lange gezogen hatte, fielen mir noch mehr der stocksteif dahockenden Raubvögel auf. Es gab kleine, kaum größer als meine Faust, und größere, welche in den Ecken standen und Blumentöpfe auf ihren platten Köpfen balancierten, außerdem Gemälde von Eulen und sogar einen gestickten Wandteppich. Martha musste ein Faible für diese Vögel haben, aber mir kamen sie eher gruselig vor. Der starre Blick ihrer leuchtend gelben Augen, der einem durch das ganze Zimmer zu folgen schien, nein das war wirklich nichts für mich.
In einer Gesprächspause ergriff ich die Gelegenheit, mich auch mal in die Konversation einzubringen und fragte in beiläufigem Ton, wo denn eigentlich Buster sei. Marthas Kopf ruckte herum (nicht unähnlich dem einer Eule, die gerade eine Beute erspäht hat). Sekundenlang starrte sie mich schweigend an und ich spürte Sophies Hand, die sich zuerst auf meine legte und dann sanft zudrückte. Aber es war zu spät, die Frage war gestellt.
Martha schluckte ein paar Mal. Auch dabei musste ich an eine Eule denken. Vielleicht eine, die gerade eine fette Maus gefangen hat und sie nun in einem Stück herunterschlingt.
»Er ist fort«, sagte sie leise. »Buster wird seit ein paar Tagen vermisst.«
Ich hätte beinahe meine Teetasse fallen lassen. Mir war natürlich sofort alles klar. Hatte sie das arme Hündchen also doch umgebracht! Und nun saßen wir hier mit ihr herum und tranken Tee mit einer Hundemörderin. Nur mit Mühe konnte ich mich beherrschen, sitzen zu bleiben, während Sophies Druck um meine Hand stärker wurde.
»Das tut uns sehr leid zu hören«, sagte Sophie. »Sicher taucht er bald wieder auf.«
Der strenge Blick, den Martha auf mich gerichtet hatte, zerfloss, und wich dem altbekannten, milden Lächeln, als die alte Frau sich zu Sophie umdrehte und sagte. »Ja, sicher. Ganz bestimmt. Buster ist manchmal eben ein kleiner Herumtreiber. Wie die Männer eben so sind.«
Sophie nickte, und ich starrte in meinen Tee. Was zur Hölle?
»Dann wird er bestimmt bald zurückkommen«, plauderte Sophie einfach weiter, während sich der Griff ihrer Finger um meine Hand allmählich wieder entspannte. »Hier kommt er ja nicht raus. Aus Élysée, meine ich.«
Als wir eine Stunde später endlich gingen, hatte ich üble Kopfschmerzen. Marthas Gesichtsausdruck, mit dem sie mich gemustert hatte, als ich sie nach Buster gefragt hatte, war mir förmlich ins Gedächtnis gebrannt worden. Hatte sie mich damals, als ich mich im Schatten der Hecken verborgen wähnte, etwa doch gesehen? Hatte sie die ganze Zeit gewusst, dass ich sie beobachtet hatte, während sie ihr Haustier quälte? War dies eine weitere Machtdemonstration – war es etwa kein Zufall, dass Buster ausgerechnet an dem Tag ›verschwunden‹ war, als wir Martha besuchten?
Und wem wollte sie damit eigentlich was genau demonstrieren?
Auf dem Heimweg sprach ich Sophie darauf an, erwähnte aber auch diesmal nicht, was ich an jenem Abend zu sehen geglaubt hatte. Sophie hätte es nur falsch verstanden, und ich wollte nicht als diejenige dastehen, die sich über den Verlust der alten Frau lustig machte oder sie jetzt in ein schlechtes Licht rückte. Uns beiden war klar, dass Buster nicht wieder auftauchen würde – für einen kleinen Hund wie ihn war es nämlich durchaus möglich, durch die Stahlgitter der Zäune um Élysée zu schlüpfen, und ich hoffte inständig für Buster, dass er seiner Peinigerin tatsächlich davongelaufen war, anstatt jetzt unter einem ihrer Rosenbüsche zu liegen.
»Arme Martha«, sagte Sophie und ich hätte beinahe laut aufgelacht. Armer Buster traf es wohl eher.
»Zumindest hat sie noch ihre Eulen«, sagte ich.
»Hm?«
»Na, die Eulen. Sind die Dinger dir nicht aufgefallen? Das ganze Haus ist voll davon, sogar im Garten standen die herum, so wie bei anderen Leuten, ich weiß nicht ... Gartenzwerge? Also, ich fand das schon ein bisschen bizarr.«
»Die Eulen?«
»Eher, dass sie so eine große Sammlung davon hat, die waren ja echt überall.« Ich versuchte eine sanfte Attacke. »Also, so richtig normal kommt mir das nicht vor, weißt du? Schon ein bisschen spleenig.«
Sophie blieb stehen und sah mir lange in die Augen, und ich erwartete schon halb eine ihrer (zugegebenermaßen in den letzten Monaten deutlich seltener gewordenen) Benimm-Predigten. »Es geht uns nichts an, weißt du?«, sagte sie. »Wir möchten, dass uns die Leute hier so akzeptieren, wie wir sind, oder nicht? Also sollten wir sie auch so nehmen, wie sie sind. Und wir mögen Martha doch. Oder nicht?«
Natürlich taten wir das.
Ich erwiderte ihren Blick, aber das schaffte ich nicht sehr lange. Das tue ich nie. »Ja«, sagte ich schließlich,und senkte den Kopf. Jetzt hatte ich tatsächlich beinahe ein schlechtes Gewissen. Sollte die alte Frau doch ihre Eulen haben, wenn sie ihr Freude machten. Wenn die Dinger einen nur nicht so verdammt durchdringend anstarren würden. »Wir mögen Martha, Liebling. Klar. Und sie darf ihre Eulen behalten. Ist okay für mich.«
Sophies Mund verzog sich zu einem Grinsen. Ich liebe es, sie zum Lachen zu bringen, auch wenn ich manchmal ein wenig den Trotzkopf spielen muss, um das hinzukriegen. Wir küssten uns, dann sagte ich: »Hey, vielleicht sollten wir uns auch ein paar Eulen anschaffen? Oder wenigstens Gartenzwerge?«
Sophie würdigte meinen Vorschlag keiner Antwort. Stattdessen griff sie nach meiner Hand. So gingen wir, bis wir vor unserer Haustür standen, händchenhaltend wie ein frisch verliebtes Paar. Wohltuenderweise ohne Eulen links und rechts des Eingangs zu unserer bescheidenen Villa, nicht einmal barocke Säulen gab es hier bei uns. Nur einfach einen weiß lackierten Türrahmen um die Haustür, in einer Wand aus Natursteinen.
Doch seit diesem Nachmittag bei Martha gingen mir die verdammten Eulen nicht mehr aus dem Kopf, und irgendwann fing ich an, sie überall in Élysée zu sehen. So ziemlich jeder Nachbar, den wir besuchten, hatte ein oder zwei von diesen steif dahockenden Eulenstatuen irgendwo herumstehen, wenn auch nicht in einer derartigen Häufung wie Martha. Und sehr viel später bemerkte ich auch das Mosaik über der Eingangstür zu Neumanns Villa. Eine überlebensgroße Eule mit ausgebreiteten Schwingen – und in ihren Krallen hielt sie eine weiße Maus.
Es hätte aber auch ein weißes Kaninchen sein können.
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