Parasit
Kapitel 35
W iesner ist nicht wohl bei dieser Sache, und das ist eine krasse Untertreibung. Ihm war bei dieser Sache von Anfang an nicht wohl, aber allmählich erreicht seine Abneigung diesem Fall gegenüber die Grenze des Erträglichen. In Momenten wie diesen wünscht er sich mal wieder, er hätte ein Gemüt wie Schröder, der stoisch auf seinen Monitor starrt, bereit, alles und jeden auszusitzen. Wiesner hingegen steht am Fenster und späht durch die Gardine auf die Straße runter, wie ein Kind, das Angst hat, dass jetzt der Weihnachtsmann dort draußen auftauchen wird, der in diesem Jahr jedoch leider keine Geschenke bringen wird, dafür aber mächtig eins mit der Rute.
Und so ähnlich kommt es dann auch.
Als er den nachtschwarzen Mercedes vorfahren sieht, krampft sich irgendwas in Wiesners Magen schmerzhaft zusammen, und als er den älteren weißhaarigen Mann erkennt, der dem Gefährt entsteigt, wird ihm richtiggehend schlecht. Unverkennbar an seinem säuberlich gestutzten weißen Schnurrbart. Das ist Schlesinger. Nicht irgendein Anwalt, sondern die Sorte, die sich exklusiv mit besonders schweren Fällen befasst, vorzugsweise die High Society betreut und sich das ordentlich was kosten lässt. Daher der Mercedes, der Anzug, der schon auf hundert Meter »teuer!« schreit, das siegessichere Grinsen unter dem weißen Schnäuzer und der federnde Schritt des Mittsechzigers, der vermutlich besser in Form ist als Wiesner das je war oder sein wird. Die Sorte Anwalt, die in Talkshows herumgereicht wird, und dort vor dem jubelnden Publikum öffentliche Schimpftiraden über die Unzuverlässigkeit des Rechtssystems vom Stapel lässt. Auch wenn es genau dieses System ist, das dafür sorgt, dass Leute wie er sich dumm und dämlich verdienen können.
Wiesner ist klar, warum Schlesinger hier ist, der jetzt draußen auf der Straße herumsteht, eine fleischgewordene Provokation. Es gibt nicht viele, die sich diesen Kerl leisten können. Die Stratmann-Frauen gehören aber definitiv zu diesem erlesenen Kreis. Nachdem der erste Anflug von Panik in Wiesner sich gelegt hat, setzt sein Bulleninstinkt wieder ein. Und der verrät ihm: Die Tatsache, dass Emma Stratmann, geborene Wagner, ausgerechnet einen Kerl wie Schlesinger auf den Plan ruft, obwohl die Polizei bisher noch niemanden offiziell irgendeiner Straftat bezichtigt hat, könnte durchaus als ein Hinweis auf so etwas wie ein schlechtes Gewissen zu werten sein.
Ein zweiter Wagen fährt vor, dem jetzt zwei Frauen entsteigen, dann fährt der Wagen weiter. Das Ehepaar Stratmann, und offenbar haben die beiden sich extra hierfür eine Limousine mit Chauffeur gegönnt. Falls Wiesner, dessen fünfzehn Jahre alter Renault auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude vor sich hinrostet, bisher noch nicht kapiert haben sollte, wo genau in der sozialen Hierarchie er sich einzuordnen hat, das hier macht es überdeutlich. Sich einen Fluch verkneifend, zieht sich der Hauptkommissar von seinem Beobachtungsposten zurück und sagt zu Schröder: »Sie sind da, Udo. Es geht los.«
Schröder grunzt etwas Unverständliches, dann erhebt er sich, rückt noch einen Stift auf seiner Schreibtischplatte zurück, und knöpft sich das Jackett zu, wobei Wiesner auffällt, dass das absolut erbärmlich an ihm herumhängt und überhaupt nicht passt, besonders über dem Bauch. Seine eigene Garderobe ist vermutlich auch nicht viel besser, und so treten sie jetzt diesen drei Geschniegelten gegenüber, einer davon ein kampferprobter Spitzenanwalt. Es ist einfach nur erbärmlich.
Aber einer muss den Job schließlich machen.
»Sie haben Schlesinger dabei«, sagt er auf dem Flur zu Schröder, während sie zu dem Besprechungsraum laufen, den sie für das Gespräch reserviert haben. Selbst in Gedanken vermeidet Wiesner das Wort ›Verhör‹, denn es ist ja keins, dafür hat er noch nicht annähernd genug in der Hand, was auch Schlesinger vermutlich weiß. Was es ist, ist eine Zeugenbefragung, die dritte in Folge, und allein diese Tatsache dürfte Schlesinger als Anlass genügen, die ganze Sache in der Luft zu zerreißen. Der schmerzhafte Druck in Wiesners Magen nimmt nochmals zu und ihm wird klar, dass er den restlichen Tag Sodbrennen haben wird, mal wieder.
Dann erreichen sie den Besprechungsraum. Es ist der beste Raum, den sie im gesamten Revier haben. Was Wiesner nun ebenfalls vollkommen erbärmlich vorkommt. Die lange Tischplatte, von Kratzern überzogen, die Konferenz-Telefonanlage in der Mitte, die auch schon bessere Tage gesehen hat, die durchgesessenen Polsterstühle. Aber auch daran lässt sich nun nichts mehr ändern.
Minuten später führt man ihre drei Besucher herein.
Aus der Nähe betrachtet sind die Stratmann-Frauen sogar noch adretter als durch die nikotinfleckige Gardine von Wiesners Büro aus beobachtet. Wie ein verdammter Spanner, denkt Wiesner mit einem inneren Kopfschütteln. Schlesinger macht einen auf bissig und wirkt fidel und sportlich wie eh und je. Hol ihn der Teufel.
Auch Schlesinger erinnert sich offenbar noch an den Hauptkommissar von irgendeiner früheren Begegnung. »Herr Wiesner«, sagt der Anwalt, in einem Ton, als seien sie alte Bekannte, die gelegentlich miteinander Golf spielen, und dann gibt er ihm lächelnd die Hand, danach Schröder. Das verblüfft Wiesner derart, dass er ganz vergisst, den alten Anwalt darauf hinzuweisen, dass er eine Amtsbezeichnung führt, zumal hier auf dem Revier, und nicht bloß irgendein Herr ist. Egal. Er und Schröder nehmen Platz, und erwarten, dass ihre Gäste das ebenfalls tun.
Die aber bleiben stehen, augenscheinlich hat Schlesinger sie diesbezüglich bereits vorab ausführlich eingeschworen. Na klar, denkt Wiesner, der alte Fuchs ist hier, um anzugeben. Und das macht er nur, weil er genau weiß, dass wir rein gar nichts gegen seine Klientin in der Hand haben.
»Das hier wird nicht lange dauern«, stellt Schlesinger fest. Die beiden Frauen stehen hinter ihrem Anwalt, keine Regung auf ihren schönen, betont ausdruckslosen Gesichtern. Beinahe wünscht man sich, sie hätten Dreck am Stecken, denkt Wiesner. Und vor allem, dass man’s beweisen könnte.
Als Wiesner dann Emma Stratmann bittet, ihm das, was damals in Frankreich passiert ist, nochmals zu erzählen, weigert die sich rundheraus, woraufhin Schlesinger einsetzt und bemerkt, dass die Fallakte seit über zehn Jahren geschlossen ist und außerdem nur die französischen Behörden etwas angeht, womit er leider absolut Recht hat. Dann fährt er die schwereren Geschütze auf. Deutet an, dass sich seine Klientin davon belästigt fühlt, dass sie nun schon zum dritten Mal grundlos verhört wird, und er empfiehlt mit einem Lächeln, dass Wiesner und Kollege sich vielleicht erstmal eine Liste machen sollten, bevor sie losgehen und Zeugen befragen.
Dem stimmt Wiesner zu, aus vollem Herzen. Er wünschte bloß, irgendjemand würde das auch mal Viktor Neumann erklären. »Es gab neue Entwicklungen in dem Fall«, versucht Wiesner eine ziemlich schwachbrüstige Erklärung. »Und auf den Fall in Frankreich sind wir erst vor sehr kurzer Zeit gestoßen. Wir hätten uns gewünscht, dass uns Frau Stratmann in dieser Hinsicht vielleicht ...«
»Und ich wünschte, Sie würden mir zuhören, Herr Hauptkommissar«, sagt Schlesinger, immer noch freundlich lächelnd, und sich nun offenbar doch plötzlich des Dienstgrads seines Gegenübers bewusst. »Dieser Fall ist ab-ge-schlos-sen, spielt keine Rolle mehr, ist nicht relevant für irgend etwas. Schon gar nicht für die Ermittlungen im Fall des bedauernswerten Unfalls, der Mia Neumann zugestoßen ist. Wozu sollte meine Klientin Sie damit belästigen?«
Wiesner sagt nichts dazu. Was sollte er auch sagen? Dass der Rechtsmediziner seit Neuestem glaubt, Mias Tod könnte ein Mord sein, Betonung auf könnte? Oder dass Oberstaatsanwalt Neumann mittlerweile völlig durchgedreht ist und überall Gespenster sieht, auch in über zehn Jahre alten französischen Akten zum Suizid irgendeines Künstlers, und er, Wiesner, diesen ganzen Mist nun auszubaden hat?
»Hören Sie«, sagt Schlesinger, und setzt sich nun doch, aber nur auf die Stuhlkante. Die Botschaft ist klar, er lässt sich kurzzeitig auf Wiesners Augenhöhe herab, aber nur für einen Augenblick, und dann will er auch gleich wieder los, und nie wieder von der Sache hören müssen. Was Wiesner ihm leider nicht garantieren kann. »Hören Sie, Herr Hauptkommissar, ich bin kein Idiot.« Schlesinger senkt verschwörerisch die Stimme, als er weiterspricht. »Mir ist bekannt, wer Mias Vater ist, und ich verstehe, dass er Köpfe rollen sehen will. Ich bin selbst Vater und Großvater, und ich möchte mir gar nicht ausmalen, was der arme Mann im Moment durchmacht.«
Wiesner starrt auf die Tischplatte vor sich.
»Aber Sie sollten seine Ambitionen nicht noch zusätzlich befeuern, Herr Hauptkommissar. Ich fürchte, das könnte sonst gewaltig nach hinten losgehen. Für alle Beteiligten. Auch für Sie, Herr Wiesner.«
»Drohen Sie mir etwa?«, fragt Wiesner, und weiß selbst nicht, woher er plötzlich die Kraft nimmt, den Kopf zu heben und Schlesinger anzuschauen. Vielleicht, weil ihn auch dessen kaum verhüllte Drohungen mittlerweile kaum noch erreichen. Mit der Zeit stumpft schließlich jede Klinge ab.
Schlesinger strahlt ihn an, als habe Wiesner soeben vorgeschlagen, bei einem Kneipenausflug unter Kumpels die dritte Runde zu bezahlen. »Wo denken Sie hin, Herr Hauptkommissar?«, fragt er dann. »Was ich meine, ist, dass ich vorschlagen möchte, dass Sie erst sich einmal genauer mit den Umständen des aktuellen Falls befassen, bevor Sie meine Klientin erneut behelligen. Damit zum Beispiel, was vor Mias Verschwinden im Hause Neumann passierte, und auch damit, wie meine Klientin hier offensichtlich auf das Übelste diffamiert wird. Gehen Sie zum Beispiel mal der Frage nach, wer ihr das hier angetan haben könnte.«
Er zieht sein Handy aus der Innentasche seines Jacketts, entsperrt es und dreht es dann so, dass Wiesner auf das Display schauen kann. Darauf erkennt Wiesner einen ihm inzwischen wohlbekannten weißen Jeep Wrangler, dessen komplette Seite der Schriftzug MÖRDERIN ziert, aufgesprüht in roter Farbe, offenbar von ungeübter, aber fraglos zorniger Hand. Wiesner hat wenig Zweifel, um wessen Hand es sich dabei nur handeln kann, auch wenn er ernsthafte Schwierigkeiten hat, sich vorzustellen, dass Viktor Neumann sich zu Derartigem herablässt. Andererseits, der Mann ist verzweifelt. Verzweifelt und vielleicht gefährlich.
»Das ist der Wagen meiner Klientin«, führt Schlesinger aus. »Und ich denke, uns beiden ist klar, dass der Kreis der Personen, die das wissen, recht klein ist. Mir ist bewusst, dass Ihr Job im Moment kein leichter ist, aber wir alle haben unsere Aufgabe zu erfüllen, und das – um ganz offen zu sein – ist nun mal ihre. Hiermit erstattet meine Klientin offiziell Anzeige wegen Vandalismus.«
Wiesner nimmt es mit einem Nicken zur Kenntnis. »Gegen wen?«, fragt er, und hofft, dass Schlesinger das leichte Schwanken in seiner Stimme nicht bemerkt hat.
»Vorerst gegen Unbekannt«, sagt Schlesinger und steckt sein Handy zurück in die Jackettasche. »Die offizielle Anzeige geht Ihrer Behörde in den nächsten Tagen zu. Und es gibt noch ein paar andere Dinge, mit denen Sie sich bei Gelegenheit einmal befassen sollten.«
»Wie darf ich das verstehen?«.
»Nun, ich würde mich zum Beispiel fragen, woher eigentlich das Video stammt, dass mysteriöserweise ausgerechnet am Tag nach Mias Verschwinden dem Direktor der Schule zugespielt wurde. Ein Video, das meine Klientin im Gespräch mit Mia Neumann zeigt. In diesem Gespräch, das gab meine Klienten ja bereits zu Protokoll, klagte Mia über die bevormundende Art ihres Vaters, um es einmal milde auszudrücken. Sie verstehen, was ich damit sagen will?«
»Das Video stammte aus dem Internet«, sagt Wiesner ausweichend.
»Ja«, sagt Schlesinger und erhebt sich. »Aber irgendwer muss es hochgeladen haben, nicht?«
Dann dreht er sich ohne ein weiteres Wort um und öffnet seiner Klientin und deren Ehefrau die Tür. Wiesner spart sich das Aufstehen, und bleibt grübelnd zurück, als die Tür hinter Schlesinger und den Stratmann-Frauen ins Schloss fällt. Das Gespräch war ein kurzes gewesen, diesbezüglich hatte Wiesner sich nicht geirrt. Aber auch aufschlussreicher, als er zu hoffen gewagt hatte. Geradezu inspirierend.
»Sag mal, Udo«, wendet er sich an seinen Kollegen, als sie allein im Besprechungsraum sind. »Du hast doch ´nen guten Draht zu diesem Technikfreak im Labor unten?«
»Willart?«, fragt Schröder. »Klar.«
Genau, was Wiesner hören wollte.
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