Parasit

Alex Pohl · Kapitel 53 von 68

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Parasit

Kapitel 53

 

 

H auptkommissar Wiesner musste seinen Wagen fast mitten auf der Kreuzung parken, so viele Fahrzeuge standen entlang der schmalen Zufahrtsstraße in Élysée, die zum Anwesen von Viktor Neumann führte. Offenbar hatte man sich ein paar Gehaltsstufen über ihm entschlossen, heute das ganz große Besteck aufzufahren, und das, fand Wiesner, war einigermaßen mutig, trotz der Tatsache, dass eine routinemäßige Polizeistreife Neumann wegen überhöhter Geschwindigkeit angehalten und im Kofferraum seines Wagens ein Päckchen Drogen gefunden hatte. Inzwischen wusste er allerdings auch, dass das kein Zufall gewesen war, sondern auf einen anonymen Anruf zurückzuführen war. Vermutlich ein anderer Dealer, der sich die Konkurrenz vom Hals hatte schaffen wollen. Auch Rache war ein denkbares Motiv, immerhin hatte sich Neumann im Laufe seiner Karriere als Staatsanwalt sicher keine Freunde im kriminellen Milieu gemacht. Oder jemand war es leid, einen Teil seines Profits aus dem Drogengeschäft an Neumann abdrücken zu müssen.

Letztlich spielte das Wie und Warum aber auch keine große Rolle für Wiesner. Entscheidend war lediglich, dass er nun eine Chance bekam, sich in Neumanns Haus umzusehen, während das Dezernat Drogen dieses gründlich auf den Kopf stellte. Doch letztlich war Wiesners Hiersein vor allem Schröder zu verdanken, dessen tentakelartigen Verflechtungen sozialer Kontakte sich in alle möglichen Abteilungen und Dezernate des Polizeiapparates erstreckten.

Eine Chance, die Wiesner sich nicht entgehen lassen wollte.

Der Kommissar betrat das Grundstück durch das sperrangelweit offenstehende Tor und folgte der kiesbestreuten Auffahrt bis zu der beeindruckenden Villa, welche Viktor Neumann sein eigen nannte. Was verdient man wohl so als Oberstaatsanwalt, ging es Wiesner durch den Kopf. Genug, um sich das hier leisten zu können? Oder konnte man das erst, wenn man für gelegentliche Nebeneinkünfte sorgte, zum Beispiel, indem man bei bestimmten Schwerkriminellen hin und wieder mal ein Auge zudrückte – oder gar selbst in deren Geschäfte einstieg, Beteiligungen erwarb? Eigentlich keine schlechte Idee, war die Oberstaatsanwaltschaft doch in aller Regel eingeweiht, wenn es um Razzien in der Drogenszene und dergleichen ging. Ein todsicheres Geschäftsmodell für alle Beteiligten, so schien es.

Das war es auch für Neumann gewesen.

Bis es aufgeflogen war.

Die jüngsten Vorwürfe gegen den Oberstaatsanwalt ließen auch Wiesners Fall in einem völlig neuen Licht erscheinen und abgesehen von dem zu erwartenden Hickhack betreffs der dienstlichen Zuständigkeiten im Revier und vor Ort, war Wiesner beinahe schon dankbar für diesen Umstand. Emma Stratmann hatte ihm in der Rolle der Mordverdächtigen trotz der zunehmend prekären Indizienlage gegen sie von Anfang an Bauchschmerzen bereitet. Neumann hingegen genoss bei ihm kein sonderlich hohes Ansehen, insbesondere, seit er sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit in Wiesners Ermittlungen eingemischt hatte – was ihm von Rechts wegen als unmittelbar Beteiligter an den Ereignissen, die zum Tod seiner Tochter geführt hatte, selbstverständlich verboten war, aber Derartiges scherte ja einen Herrn Oberstaatsanwalt Neumann wenig. Aus reiner Egomanie und unkontrolliertem Kontrollzwang gegenüber jedem, der in der Hierarchie unter ihm stand. Das hatte zumindest Wiesner die ganze Zeit über angenommen. Was, wenn aber in Wahrheit etwas ganz anderes dahintersteckte? Vielleicht der Versuch, die Polizei aktiv davon abzuhalten, dem wahren Täter auf die Spur zu kommen?

Gewichtiger als diese waghalsigen Vermutungen war jedoch Wiesners Instinkt. Und der sagte ihm, dass Emma Stratmann vielleicht eine Person mit Geheimnissen sein mochte, aber als Mörderin konnte er sie sich nur schwerlich vorstellen. Sie hatte ihre Frau betrogen, da war sich Wiesner einigermaßen sicher, und zwar mit diesem Lehrer, Simon Schwarz. Nachvollziehbar, vermutlich, weil der so ziemlich der einzige in Emma Stratmanns Bekanntenkreis war, der nicht vor Geld stank. Ein bodenständiger Bursche, nach allem, was Wiesner bisher erfahren hatte, attraktiv auf seine Art.

Na klar, das verstand er, wenn er es auch nicht guthieß, aufgrund von eigener leidvoller Erfahrung. Und die daraus resultierende Zwickmühle für Emma Stratmann verstand er ebenfalls. Wie sie da in der U-Haft saß und nun vermutlich zutiefst bereute, sich auf diese Schäferstündchen mit Schwarz eingelassen zu haben, weil sie das in die unmittelbare zeitliche und örtliche Nähe eines schweren Verbrechens gebracht hatte, ohne das zu ahnen.

Aber eine Lehrerin, die ihre eigene Schülerin in eine Felsspalte stürzt und dann kaltblütig jede Beteiligung an diesem furchtbaren Verbrechen abstritt? Nein, so ein Typ war Emma Stratmann einfach nicht, da war sich der erfahrene Kommissar sicher.

Inzwischen hatte Wiesner das Eingangsportal von Neumanns Villa erreicht. Kopfschüttelnd blieb er davor stehen und sah sich um, blickte entlang der sorgfältig geweißten Fassade auf verschnörkelte Verzierungen und ausladende Fensterbänke. Blumenkübel, die jetzt ungenutzt herumstanden, und aussahen, als könnten darin im Sommer halbe Mammutbäume heranwachsen. Oder Palmen vielleicht, die jetzt in einem temperierten Raum im Inneren des gigantischen Anwesens herumstanden und auf die ersten warmen Frühlingstage warteten. Alles hier war beeindruckend, keine Frage, geradezu protzig, aber Wiesner bezweifelte, dass er es in einem solchen Haus auch nur einen Tag lang aushalten würde. Er fand es kein bisschen gemütlich. Das ganze Ding erschlug einen förmlich, aber nein, das war keine gute Metapher in Anbetracht der Umstände seines Hierseins.

Als er schon die Hand nach der Klinke der nur angelehnten Tür ausgestreckt hatte, hielt er inne. Sein Blick fiel auf ein Bild über dem Türstock, eine Art Mosaik, das bis vor Kurzem noch einen Vogel (oder vielleicht auch einen Engel?) dargestellt hatte, doch nun fehlte der komplette mittlere Teil der Einlegearbeit, schien mit einem groben Werkzeug herausgebrochen worden zu sein. Wiesner senkte den Blick und gewahrte ein Häufchen bunter Steine am Boden, die jemand hastig beiseite gefegt hatte. Er warf einen letzten Blick auf die Überreste des Mosaiks. Nein, kein Engel, dacht er, sondern ganz bestimmt irgendein Greifvogel. Ein Adler, oder eine Eule vielleicht, die ein weißes Beutetier in den Krallen gehalten hatte. So oder so, für diesen Raubvogel war die Jagd nun vorbei.

Dann drückte er die Tür zu Neumanns Villa auf und trat ein.

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