Parasit
Kapitel 42
EMMA
A ls Wiesner mich ansieht, weiß ich, dass es diesmal wirklich ernst ist. Ich sehe es an seinem gezwungenen Lächeln. An der Art, wie er die Stirn in Falten legt. So, als sei ihm noch nicht ganz klar, wohin das hier führen könne. Dabei gibt es nur eine mögliche Richtung, ansonsten hätte ihm Schlesinger sofort was gehustet und ihn direkt in die Wüste geschickt, schon am Telefon, denn diesmal hat Wiesner zuerst ihn angerufen und nicht mich.
Was bedeutet, dass er sich seiner Sache sicher ist.
Schlesingers nächster Anruf galt natürlich mir, und dann hat er mich abgeholt und zum Revier gefahren. Eine reine Formalität, hatte er Sophie versichert, und dass damit alles vermutlich schon bald ausgestanden sein würde. Ich weiß nicht, ob sie es ihm auch diesmal abgenommen hat. Vermutlich nicht. Dies war der einzige Moment, an dem sein Lächeln ein klitzekleines bisschen ins Wanken geriet, aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. Die Fahrt zum Revier hat er dazu genutzt, mir genau zu erklären, wie ich mich während der Befragung verhalten soll.
Es gibt Regeln.
Erstens, er sitzt direkt neben mir und wird mir nach jeder Frage mit einem Nicken zu verstehen geben, ob ich antworten soll, oder das besser ihm überlasse. Um das mitzubekommen, soll ich mich leicht vorbeugen, um die Bewegung seines Kopfes aus dem Augenwinkel beobachten zu können.
Zweitens, wenn ich den Mund aufmache, soll ich ausschließlich knapp und präzise antworten, und zwar nur auf die Fragen, die mir gestellt werden. »In Ermangelung einer ausreichenden Vorbereitung und da ich keine Ahnung habe, was für einen dicken Fisch Wiesner da an der Angel zu haben glaubt, sagen Sie am besten die Wahrheit, Emma«, hatte Schlesinger gesagt und wieder sein amüsiertes Glucksen von sich gegeben. Ich wünschte, es wäre ihm im Hals steckengeblieben, aber das war wohl nur meiner Panik geschuldet. Schlesinger ist schließlich mein Verbündeter. Unser Verbündeter, und wir können uns glücklich schätzen, ihn auf unserer Seite zu haben. »Aber wir müssen davon ausgehen, dass Wiesner zumindest glaubt, etwas Schwerwiegendes gegen Sie in der Hand zu haben, sonst würde er sich hüten, das hier zu veranstalten. Ich habe ihm bereits mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde wegen unangemessener Belästigung gedroht, und er weiß, dass das von mir keine leeren Worte sind. Sind Sie sich irgendeines Umstandes bewusst, der Wiesner in diese Lage versetzt haben könnte, Emma?«
Ich verneinte das.
Nun sitzen wir hier, Wiesner schaut mich ernst an, sein wie üblich schweigender Compagnon Schröder sitzt neben ihm, und es läuft eine Aufnahme auf einem kleinen Digitalrecorder, der zwischen uns auf der Tischplatte liegt und mich an ein garstiges, seltsames Insekt erinnert, das seine merkwürdig geformten Antennen nach mir ausstreckt, um auch ja kein Wort meinerseits zu verpassen.
Wiesner sammelt sich kurz, dann kommt er direkt zur Sache, während er mir eine klägliche Imitation von Schlesingers siegessicherem Lächeln schenkt.
»Sie haben mich belogen, Frau Stratmann«, sagt er.
Schlesingers Hand senkt sich, vor Wiesners Blicken durch die Tischplatte verborgen, auf meinen Unterarm. Ruhe bewahren, bedeutet das. Und erstaunlicherweise funktioniert es. Ich sage gar nichts, immerhin hat Wiesner mir keine direkte Frage gestellt, auch auf diesen Fall hat mich Schlesinger auf der Herfahrt eindringlich vorbereitet. Allerdings habe ich keine Ahnung, wie lange ich dieses Spiel durchhalten kann. Etwas in meinem Magen krampft sich schmerzhaft zusammen und ein übler Geschmack macht sich in meinem Mund breit.
Ruhe bewahren, Emma.
»Sie sagten aus«, sagt Wiesner, nachdem er kurz in einem Aktenordner blättert und dann ein einzelnes Blatt mit einem Computerausdruck daraus hervorzieht. »Sie sagten aus, dass die Beschädigungen an der Windschutzscheibe ihres Wagens, eines weißen Jeep Wrangler, am Abend des Dienstags letzter Woche von einem Steintransporter stammten, der auf dem Heimweg aus Frankfurt auf der Landstraße vor Ihnen fuhr, korrekt?«
Oh, shit.
Ich zucke zusammen, kann nichts dagegen tun. Ich hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass Wiesner meiner kleinen Notlüge je auf die Schliche kommen könnte. Und dann fällt mir ein, was das für Konsequenzen nach sich ziehen wird. Dass Sophie jetzt alles erfahren wird. Mir wird eiskalt und dann spüre ich, wie sich Schlesingers Druck auf meinen Arm verstärkt.
Er wendet mir den Kopf zu und sagt in seinem üblichen lockeren Plauderton: »Beantworten Sie doch bitte die Frage des Herrn Hauptkommissar, Emma, ja?«
»Äh ... ja«, stammele ich. »Es ist korrekt, dass ich das zu Protokoll gegeben habe, ja.«
»Schön«, sagt Wiesner. »Bloß ist es nicht die Wahrheit.«
»Sagt wer?«, blaffe ich, doch dann spüre ich wieder den festen Druck von Schlesingers Hand auf meinem Arm und murmle eine Entschuldigung.
»Uns liegt eine glaubhafte Zeugenaussage vor, die besagt, dass der Stein nicht wie von Ihnen dargestellt, auf der Bundesstraße von einem Laster fiel, sondern auf dem Parkplatz in der Nähe des Hamstetter Forsts auf Ihre Windschutzscheibe geworfen wurde. Nun stellt sich mir die Frage, was Sie zu der besagten Zeit dort gemacht haben, Frau Stratmann.«
Ich schüttele kaum merklich den Kopf, denn das ist Regel Nummer drei.
Schlesinger springt sofort in die Bresche und rasselt seinen Anwaltstext runter, von wegen seine Mandantin möchte zu dieser Frage momentan keine Stellung beziehen, was Wiesner mit einem Nicken zur Kenntnis nimmt. Er kennt die Regeln. Aber er ist kein Idiot, ihm ist klar, dass der einzige Grund, aus dem ich schweige, nur sein kann, dass ich etwas zu verbergen habe.
»Wir wissen inzwischen auch von dem Zettel unter ihrem Scheibenwischer, Frau Stratmann. Möchten Sie sich dazu äußern?«
Wieder schüttele ich den Kopf und Schlesinger beginnt, denselben Text herunterzurasseln, doch Wiesner unterbricht ihn. »Schon gut, ich verstehe auch ein einfaches Nein.«
Da stutze ich, und ein Gedanke kommt mir. Woher kann Wiesner das alles plötzlich wissen? Oder vielmehr, von wem, außer dem Steinewerfer selbst? Und es gibt nur einen Menschen, außer Neumann und mir natürlich, mit dem sich Wiesner meines Wissens nach in letzter Zeit intensiver beschäftigt hat. Julian Jensen. Der Junge, der das Video von mir und Mia gedreht hat. Da macht es Klick.
»Außerdem«, fährt Wiesner fort, »wurde am fraglichen Abend ungefähr zur angenommenen Tatzeit eine Person in der Nähe der Felsspalte beobachtet, in welcher später die Leiche von Mia Neumann gefunden wurde. Waren Sie das?«
»Nein«, sage ich entschieden. »Ganz bestimmt nicht.«
»Okay«, sagt Wiesner. »Haben Sie dann vielleicht eine Idee, wer es gewesen sein könnte?«
»Nein!«, rufe ich schon fast ein bisschen zu laut. »Natürlich nicht, ich war ja nicht da. Was soll das?«
»Wo waren Sie denn dann?«, fragt Wiesner ganz ruhig und bringt mich damit so in Rage, dass ich ihm die Antwort ins Gesicht schreien will, doch Schlesingers kräftiger Händedruck hält mich im letzten Moment davon ab. Ich fürchte, das wird einen bösen blauen Fleck geben.
»Meine Mandantin sagte bereits, dass sie sich zu dieser Frage nicht äußern möchte. Und das ist ihr gutes Recht, wie Sie wissen.«
»Natürlich«, sagt Wiesner und grinst, als hätte ich ihm mit meinem Schweigen einen großen Gefallen getan, und vielleicht habe ich das ja auch. »Allerdings bleibt uns dann aufgrund der Sachlage unserer Ermittlungen nichts anderes übrig, als Ihre Mandantin bis zur vollständigen Klärung der Angelegenheit in Gewahrsam zu nehmen. Ich appelliere nochmals eindringlich an Sie, Herr Doktor Schlesinger, Ihre Mandantin davon zu überzeugen, mit uns zu kooperieren. Ansonsten sähe ich mich gezwungen, eine Anklage wegen Mordes gegen Frau Stratmann voranzutreiben.«
»Machen Sie das, Herr Wiesner«, sagt Schlesinger. »Und gehen Sie davon aus, dass ich im gleichen Atemzug im Namen meiner Mandantin eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Sie einreichen werde.«
»Was wiederum Ihr gutes Recht ist«, sagt Wiesner und nickt erst Schlesinger, dann mir kalt lächelnd zu. Mein Magen krampft sich zu einem festen Klumpen zusammen und ich unterdrücke ein heftiges Aufstoßen. Mir wird schlagartig übel.
»Okay, wenn Sie das so spielen wollen«, sagt Schlesinger im Brustton ehrlicher Enttäuschung. »Aber was ist eigentlich mit diesem Jungen, der das Video gedreht hat, und die Drogen im Wald versteckt hat? Hat der denn ein Alibi für die Tatzeit? Oder hat es genügt, dass er ihnen eine wilde Story von irgendeiner Gestalt aufgetischt hat, die nur erfunden sein kann – und die, nebenbei bemerkt, zwingend impliziert, dass der Junge selbst zur Tatzeit in der Nähe des Tatorts gewesen sein muss.«
»Das kann ich Ihnen leider nicht beantworten, Herr Doktor Schlesinger. Laufende Ermittlungen, und das alles. Sie wissen ja, wie das läuft.« Als Wiesner sich erhebt, hat er ein breites Grinsen im Gesicht. Auch sein Kollege Schröder steht auf. Unter den Spitzen seines buschigen Schnurrbarts bemerke ich ein verräterisches Zucken.
»Na schön«, sagt Schlesinger, und plötzlich ist seine Stimme eiskalt. Da ist auch kein charmantes Lächeln mehr in seinem Gesicht, nur eisige Härte. »Und jetzt raus hier«, sagt er in einem Ton, als wäre Wiesner sein Angestellter. »Ich möchte mit meiner Mandantin reden. Und vergessen Sie Ihr Aufnahmegerät nicht.«
Grinsend nimmt Wiesner das Ding vom Tisch und verlässt zusammen mit Schröder den Raum.
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