Parasit
Kapitel 54
H auptkommissar Alexander David lehnte hinter Wiesner an der Wand des Verhörraums, einen Kaffeebecher in der Hand. Er würde nichts sagen, aber sehr wohl zuhören. Das war ihre momentane Vereinbarung, weil die Staatsanwaltschaft der berechtigten Meinung war, dass die Mordsache im Fall Viktor Neumann unbedingten Vorrang vor dem Verdacht auf Drogenhandel hatte, sehr zum Leidwesen Davids. Inzwischen bezweifelte der Drogenfahnder sogar, dass man das in seinem Wagen gefundene Crystal Meth dem ehemaligen Oberstaatsanwalt überhaupt noch weiterverfolgen würde, wenn man ihn tatsächlich wegen Mordes angeklagt hatte. Wenn der Kerl tatsächlich ins Gefängnis wanderte, würde er – zumindest für die nächsten paar Jahre – auch keine allzu große Motivation verspüren, über die Struktur des Drogenhandels zu sprechen. Immerhin sah David für sich jedoch die Chance, wenigstens ein paar Namen oder Vertriebswege aus dem Kerl herauszubekommen, bevor das passierte – vielleicht im Austausch gegen eine etwas mildere Beurteilung der Umstände.
Andererseits dürfte einem Oberstaatsanwalt sehr wohl klar sein, was ihn selbst im besten aller Fälle erwartete, falls man ihm tatsächlich die Ermordung seiner eigenen Tochter samt der Vertuschung des Verbrechens nachweisen konnte. Von der versuchten Einmischung in den Fall, die Wiesner angedeutet hatte, einmal ganz zu schweigen.
Es würde kein gutes Ende nehmen mit Viktor Neumann, so oder so.
Neumann starrte den Mordermittler derweil aus blutunterlaufenen Augen wütend an. Natürlich hatte er das zu erwartende Theater gemacht, als man ihn mit den Vorwürfen konfrontiert hatte, und jeden einzelnen davon energisch abgestritten. Er wisse nichts von Drogen, hatte er seit seiner Verhaftung kontinuierlich gepredigt. Weder mit denen in seinem Wagen, noch von dem Vorrat, den Davids Leute später in der Garage seines Hauses gefunden hatten, wollte er das Geringste gewusst haben. Und schon gar nicht habe er etwas mit dem Tod seiner Tochter zu tun, und was für eine durch und durch absurde Vorstellung das doch sei.
Natürlich, dachte David im Stillen, genauso hätte er sich in einer vergleichbaren Situation vermutlich auch verhalten. Und Neumann machte seine Sache gut, er kam glaubwürdig rüber, seine Entrüstung wirkte nicht gespielt. Aber das war ein Mann, der den besten Lügnern gegenübergesessen hatte, und von ihnen vermutlich jede Menge gelernt hatte. Und dann war da noch die erdrückende Beweislast.
»Ich hab mit solchem Dreck nichts am Hut!«, erklärte Neumann wieder und wieder, wie eine kaputte Schallplatte. Mittlerweile honorierte Wiesner diese alte Leier lediglich noch mit einem milden Lächeln.Sie hatten gute Arbeit geleistet, glaubte David, trotz der komplizierten Ermittlungssituation. Hatten an alle Fallstricke gedacht, jede Vorschrift beachtet. Immerhin war ihnen ja von Anfang an klar gewesen, gegen wen sie hier antraten, seit der anonyme Anruf gestern Abend beim Drogendezernat eingegangen war.
Da war es noch darum gegangen, Drosten und Brandner auf den Oberstaatsanwalt anzusetzen. Kanonenfutter, die beiden, deren Köpfe man notfalls rollen lassen konnte, wenn sich die ganze Sache doch als Finte oder als übler Scherz herausstellen sollte. Die Chancen dafür hatten nach Davids Einschätzung etwa fifty-fifty gestanden, wenn überhaupt, und das auch nur, wenn man den Umstand einkalkulierte, dass Julian Jensen, der ein paar Tage zuvor mit einem kleinen Päckchen Crystal Meth erwischt worden war, nur wenige Häuser weiter wohnte und dessen Eltern mit Neumann gut befreundet waren.
Also hatte er eine ›zufällige‹ Verkehrskontrolle vor den Toren Élysées arrangiert, und überraschenderweise hatten Brandner und Drosten dann tatsächlich etwas im Kofferraum des metallic-grauen Tesla von Neumann gefunden – und noch dazu eine nicht mal allzu kleine Menge. Der Tipp war also solide gewesen. Davids Instinkt war sofort angesprungen. Und der sagte ihm, dass sie den Kerl festgenagelt hatten.
Dass da noch mehr kommen würde.
Und es war mehr gekommen.
Viel mehr.
Wiesners Kollege Schröder hatte in erstaunlich kurzer Zeit von der Verhaftung Neumanns Wind bekommen und David gefragt, ob er und Wiesner sich der Hausdurchsuchung anschließen könnten – weil Neumann nämlich in einen aktuellen Mordfall verwickelt war, dem an seiner Tochter nämlich.
In der Garage hatten sie nicht bloß weitere Drogen gefunden.
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