Parasit

Alex Pohl · Kapitel 66 von 68

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Parasit

Kapitel 66

 

A ls mich Nico vor dem großen Tor absetzt, das den Eingang zu unserem Grundstück bildet, ist die Sonne gerade dabei, unterzugehen. Sie lässt das Haus in einem rubinroten Schimmer erstrahlen, als wäre es in Blut getaucht oder würde brennen.

Die blaue Stunde.

Wobei sie eigentlich treffender die rote Stunde hieße, überlege ich. Nico bietet an, mich nach drinnen zu begleiten, und bei der Gelegenheit schon ein paar erste Kostenvoranschläge für die dringendsten Reparaturen zu machen, aber das lehne ich dankend ab. Ich muss erstmal ein paar Takte mit der Liebe meines Lebens reden, um herauszufinden, was zum Teufel da vorhin in sie gefahren ist.

Nico kennt sich wirklich gut mit der Geschichte von Manderley aus, schon seit Jahren ist er ein echter Fan der Villa. Er wusste zum Beispiel, dass das Gebäude tatsächlich für ein paar Jahre während des zweiten Weltkriegs als Kaderschule für die Nazis diente, was den von Sophie entdeckten Bunker erklärt und mich in der Annahme bestärkt, dass dieser wirklich existiert. Anschließend diente es dann alliierten Offizieren als Wohnunterkunft, bevor es irgendwann an Sophies Vater verkauft wurde, vermutlich zu einem Spottpreis. Während er in einen unerschöpflichen Vorrat an Anekdoten und baulichen Besonderheiten über das alte Haus aus dem Ärmel schüttelte, habe ich mir zwei Gläser Rotwein zu Gemüte geführt, die sich nun doch ganz schön bemerkbar machen. Nico hat die ganze Zeit nur alkoholfreies Bier getrunken. Vermutlich, weil er glaubte, ich würde ihn mich sonst nicht nach Hause fahren lassen. Immerhin steht für ihn hier ein Großprojekt auf dem Spiel, da will er es sich nicht mit einer potenziellen Kundin verscherzen.

Und ich glaube, er findet mich tatsächlich sympathisch. Immerhin hat er mal eben seine Pläne für den restlichen Tag verworfen, um mit mir über das Stratmann-Haus zu plaudern. Ich will versuchen, ob ich Sophie nicht davon überzeugen kann, ihn für ein paar Umbauarbeiten anzustellen. Und wenn er so geschickt ist, wie ich glaube, werden wir in Nullkommanichts wieder in einem wunderschönen Haus wohnen.

Ich sehe zu, wie er seinen Lieferwagen geschickt vor dem Tor wendet und dann durch den Wald davon düst, dann schiebe ich das Tor auf. Auch das soll demnächst durch ein elektrisches ersetzt werden, im Moment ist es in keinem guten Zustand. Es quietscht erbärmlich, als ich es zur Seite bewege, dann trete ich durch den Spalt. Es erinnert mich an eine Szene aus einem alten Gruselfilm. Die Sorte, die ständig auf Friedhöfen spielten und nicht mit Kunstnebel geizten. In solch einen Film würde unser Anwesen wohl auch ganz gut passen, aber das wird sich ja schon bald ändern.

Während ich die Auffahrt zum Eingang der Villa entlanglaufe, fällt mir mit leichtem Schaudern auf, dass das so ziemlich die exakte Tageszeit sein muss, zu der auch Sophies Mutter damals vom Turm gestürzt sein muss. Die blaue Stunde, Zwielicht, zumindest, wenn man Sophies Manuskript Glauben schenken möchte. Die rote Stunde, aber daran möchte ich jetzt nicht denken, bleiben wir lieber bei Blau.

Dann trete ich ins Haus.

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