Parasit
Kapitel 30
EMMA
I ch musste den Kopf freikriegen, dringend, und das konnte ich zu Hause einfach nicht. Also war ich wieder im Hamstetter Forst, um zu laufen. Beinahe wie der Mörder im Film, der immer zum Tatort zurückkehren muss, auch wenn das vermutlich nur ein dummes Fernsehklischee ist.
Das ist natürlich nicht Sophies Schuld, aber als sie mir gestern erzählte, dass sie ihren Anwalt, diesen Schlesinger, in die Sache reinziehen will, da wurde mir ganz anders. Weil mir damit erst klar wurde, dass es tatsächlich eine Sache ist. Sie befürchtet offenbar, dass es weitere polizeiliche Untersuchungen wegen Mias Tod geben wird. Der damit definitiv kein Unfall gewesen sein kann, oder zumindest scheint die Polizei inzwischen fest davon überzeugt zu sein.
Noch auf dem Heimweg vom Revier gestern habe ich vergeblich versucht, mir einzureden, dass ich alle Fragen von Hauptkommissar Wiesner befriedigend beantworten konnte, auch wenn eine kleine Notlüge dazu nötig war, und wenn schon. Das hatte nichts mit Mias Tod zu tun.
Ich habe nichts mit Mias Tod zu tun.
Aber wieso glaubt Sophie dann, dass wir einen Anwalt brauchen?
Als ich meine Runde beendet habe und zurück zum Parkplatz am Waldrand komme, verlangsame ich meine Schritte, um auszulaufen. Als ich die Zeit auf meiner Armbanduhr stoppen will, diesmal trage ich meine Smartwatch statt der Rolex von Sophie, bemerke ich, dass ich vergessen habe, eine neue Aktivität auf der Uhr zu starten, als ich mit dem Laufen begann. Verdammt, damit fehlt mir diese Einheit, und dabei glaube ich, ziemlich schnell gelaufen zu sein. Wohin einen die Gedanken eben so tragen.
Ich fühle mich jedenfalls ausreichend erschöpft, dass es ein neuer Rekord hätte sein können. Nun für immer verloren, was soll´s. Aus Trotz beschließe ich, auch auf das Stretching zu verzichten. Laut meiner Uhr habe ich ja sowieso keinen Sport gemacht, wozu also sollte ich mich dehnen? Dabei bin ich sogar eine neue Strecke gerannt. Um die Felsspalte habe ich natürlich einen weiten Bogen gemacht, und als ich an Simons Haus vorbeikam, stand sein Wagen nicht in der Einfahrt, was mir eigentlich auch ganz lieb so war. Offenbar ist er die Ferien über im Urlaub, worum ich ihn im Moment wirklich beneide.
Es war überhaupt eine dumme Idee, am alten Forsthaus vorbeizulaufen, was hätte ich denn überhaupt mit ihm bereden sollen? Hey, wusstest du schon, dass ich seit Neuestem sowas wie die Hauptverdächtige im Fall Mia Neumann bin? Wohl eher kein so gutes Gesprächsthema. Also bin ich direkt am Forsthaus umgedreht und wieder zurückgerannt, wobei ich auf dem Rückweg ein paar Sprints eingelegt habe, um mich richtig auszupowern.
Als ich an meinen Jeep herantrete, steigt mir ein chemischer Geruch in die Nase, und einen Augenblick später wird mir klar, was ich da rieche. Sprühlack, das Zeug, das aus Spraydosen kommt. Hier hat jemand offenbar vor Kurzem ein Graffiti gesprüht. Voll böser Ahnungen umrunde ich mein Auto. Ich sehe es auf der Beifahrerseite, es ist fast über die gesamte Länge des Wagens gesprüht, in knallroter Farbe.
Da steht ein einzelnes Wort, in großen, leuchtend roten Druckbuchstaben, von ungeübter Hand gesprüht, die Farbe ist unterschiedlich dick aufgetragen und verkleckst, an mehreren Stellen läuft sie noch herunter, was dem Ganzen ein seltsam stimmiges Bild verleiht, denn es wirkt, als würde Blut an diesen Stellen herabtropfen. Die Farbe ist noch feucht, als ich es anfasse, bekomme ich rote Fingerspitzen. Das Graffiti muss demnach ganz frisch sein.
Was da steht, ist:
MÖRDERIN
Hastig schaue ich mich in alle Richtungen um, aber da ist natürlich niemand. Mit zitternden Händen öffne ich die Fahrertür, rutsche auf den Sitz und starte den Wagen. Dann fahre ich, lasse das alles hinter mir, für immer, denn in diesen Wald werde ich in nächster Zeit ganz sicher keinen Fuß mehr setzen. Nicht, wenn ich befürchten muss, dass irgendein dahergelaufener Irrer hinter dem nächsten Baum hervorspringt und es beim nächsten Mal vielleicht nicht nur bei einer Sprüherei belässt.
Ich fasse einen Plan.
Ich werde es Sophie gleichtun, und mich im Haus verkriechen, und gleich, wenn ich zu Hause ankomme, werde ich mit diesem Anwalt namens Schlesinger telefonieren. Und dafür sorgen, dass er etwas zu tun bekommt. Dann werde ich den Wagen abholen lassen und die Werkstatt bitten, die kostspieligste Variante auszuwählen, die überhaupt möglich ist, um den Wagen von der Schmiererei zu befreien. Und dann wird jemand ganz Bestimmtes diese Rechnung bezahlen, und zwar vollumfänglich, denn mir ist natürlich klar, wer der geheimnisvolle Sprayer nur sein kann. Ich verstehe die Trauer um seine Tochter, na klar. Die Verzweiflung, und die Schuldgefühle.
Aber damit ist er eindeutig zu weit gegangen.
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