Parasit

Alex Pohl · Kapitel 62 von 68

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Parasit

Kapitel 62

 

V erdammt. Ich kann immer nur wenige Seiten lesen, während Sophie durch das Gelände des Anwesens streift, und an manchen Tagen ergibt sich überhaupt keine Gelegenheit dazu. Ich bin dabei ständig auf dem Sprung, aber auch so fasziniert von der Handlung des Buches, dass ich ernsthaft befürchten muss, sie könnte mich ertappen, weil ich nicht höre, dass sie zurückgekommen ist. Seit ich die ersten paar Seiten in ihrem Manuskript gelesen habe, lässt sie mich so gut wie gar nicht mehr allein, selbst ihre Streifzüge durchs Gelände dauern nun selten länger als eine halbe Stunde.

Hat sie etwas mitbekommen?

Keine Ahnung, aber neuerdings möchte sie den ganzen Tag mit mir im Wohnzimmer hocken, das alles andere als gemütlich ist, wo wir beide dann in dicke Decken gehüllt, stumpfsinnig die Wand anstarren.

Sie hat sich komplett verändert, und ich weiß nicht, was ich noch tun soll. Alleinlassen kann ich sie aber auch nicht, denn offenbar beschäftigt sie etwas. Wenn sie nur mit mir darüber reden würde!

Außerdem hat sie mit dem Trinken begonnen und da ich nicht weiß, was ich sonst tun soll, mache ich eben mit. Dann liegen wir benebelt unter dicken Decken und kuscheln uns aneinander und warten, bis der Tag vergangen ist. Wenigstens hält die Heizung jetzt schon seit einer ganzen Weile durch und zu Essen haben wir ja auch genug. Sobald das Frühjahr kommt, sagt sie, wird sich alles ändern. Dann werden wir das ganze Haus gründlich putzen und ausbessern, und Freunde einladen, aber ich glaube schon längst nicht mehr daran.

Sie ist zum Sterben hier, glaube ich, und erwartet von mir dasselbe.

Und sie weiß genau, dass ich mich dem nicht widersetzen kann. Wo sollte ich sonst hin, was sollte ich sonst tun? Ich werde mit ihr zusammen sein, bis zum bitteren Ende. Das weiß sie.

Gestern bin ich dann doch ein paar Seiten weitergekommen in ihrem Manuskript. Die Geschichte des Mädchens geht spannend, wenn auch mit erheblichen Zeitsprüngen, weiter, und so allmählich kommt mir der Verdacht, dass es sich dabei tatsächlich um eine autobiografische Erzählung handelt und Sophies Mutter praktisch vor den Augen ihrer elfjährigen Tochter aus dem Turmzimmer in den Tod sprang. Das erklärt vielleicht, warum sie manchmal etwas seltsam ist, speziell an diesem Ort.

Manderley ist ein Ort des Todes für sie.

Eine Gruft der Erinnerungen.

Aber warum bestand sie dann überhaupt darauf, wieder hierher zu ziehen? Ausgerechnet an den Ort, der für sie mit so viel Leid und persönlicher Tragödie verbunden ist? Fast noch schlimmer finde ich die Kapitel in ihrem Manuskript, aus denen hervorgeht, dass ihr Vater die beiden schrecklich vernachlässigt haben muss als Kind, seine Tochter ebenso wie seine viel zu junge Frau, die sich hier wie eine Gefangene vorgekommen sein muss, völlig ausgeschlossen von der Welt, mit niemandem zur Gesellschaft außer ihrer kleinen Tochter und ein paar wortkargen Angestellten. Ist es da ein Wunder, dass ihre Mutter mit dem Trinken angefangen und sich schließlich aus dem Fenster des Turmzimmers gestürzt hat?

Ist es vielleicht diese Stelle im Gras, wo man sie gefunden hat, die Sophie besucht, wenn sie ihre endlosen Spaziergänge durch das Gelände unternimmt? Oder besucht sie diesen geheimnisvollen Bunker im Wald, an dem sie stapelweise Kisten mit ihrem Buch gefunden hat? Ihr Vater muss über irgendwelche Mittelsmänner die gesamte Auflage ihres Debütromans aufgekauft haben, womit es automatisch zum Bestseller wurde. Wie niederschmetternd muss es gewesen sein, als Sophie das herausfand? Oder ist das vielleicht auch nur ein Symbol in ihrem neuen Roman? Ein Versuch, sich von einem erfolgreichen Erstling zu emanzipieren, ohne unter dem Erwartungsdruck zusammenzubrechen?

Ich weiß es nicht, ich habe den Bunker nie gesucht. Mir fehlt der Mut dazu und ich weiß nicht, wie ich es ihr erklären sollte, wenn sie mich dabei erwischt. Aber falls es stimmt, und ihr Buch tatsächlich niemand lesen wollte, dann beschleicht mich ein richtig übles Gefühl, wenn ich an Vivian Lasalle und den Leseclub von Élysée denke. Vivian, die Sophie für die größte Schriftstellerin seit Jane Austen hielt. Was dann während deren Lobhudeleien in Sophie vorgegangen sein muss, mag ich mir gar nicht ausmalen.

Einfach weiterzulächeln, während man so etwas mit sich herumträgt? Vielleicht sollte ich doch sehen, ob ich das Waldstück mit dem Bunker finden kann. Nachsehen, ob es stimmt. Das ist vermutlich besser als die ewige Ungewissheit.

Aber was, wenn Sophie das mitbekommt?

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