Parasit
Kapitel 6
»U nd?«, fragt Weber mich. »Was, und?«
»Was sagen Sie zu dem Video, meine ich. Das sind doch Sie und Mia, oder nicht?«
Hätte es irgendeinen Sinn, das zu leugnen?
»Ja«, sage ich. »Das sind wir. Und offenbar wurden wir während einer privaten Unterredung heimlich von einer Person gefilmt. Die Ihnen dann dieses Filmchen zugesandt hat, offenbar in erpresserischer Absicht.« Auf diesen spontanen Einfall bin ich ziemlich stolz. Es lässt die Sache in völlig anderem Licht erscheinen, finde ich.
»So war es nicht ganz«, sagt Weber ziemlich nebulös. »Und darum geht es im Moment auch nicht, Emma.«
»Oh, ich finde aber schon, dass es darum gehen sollte«, sage ich, und werde vielleicht auch ein kleines bisschen lauter als unbedingt nötig. Gut so, kleine Tigerin. Weiter so!
»Bitte, Emma. Lassen Sie uns das vernünftig betrachten. Eins nach dem anderen.«
»Also schön, ich habe mit Mia gesprochen, ja. Und was soll das Ihrer Meinung nach beweisen?«
»Nun ja. Es sieht nach einer recht privaten Unterhaltung aus, beinahe schon vertraulich, Emma. Denken Sie nicht?«
»Natürlich sieht es danach aus. Es war ja auch vertraulich.«
»Mitten im Wald, Emma?«
»Das war Mias Idee. Sie wollte sich dort gern mit mir treffen. Das, was sie mir zu sagen hatte, wollte sie nicht in der Nähe des Schulgeländes besprechen.« Oder auf dem Gelände von Élysée, setze ich in Gedanken dazu, wo die Büsche manchmal Augen und die Wände manchmal Ohren haben. »Ich fand ihren Wunsch nach Privatsphäre durchaus nachvollziehbar, also war ich damit einverstanden. Ist das etwa verboten?«
»Das ist es nicht, Emma. Aber es macht leider auch deutlich, dass Sie gerade nicht ganz ehrlich zu mir waren.«
»Wie bitte?«
»Als ich Sie gerade fragte, ob Sie ein besonderes Verhältnis zu Mia Neumann haben, verneinten Sie das. Und ich gehe nicht davon aus, dass Sie regelmäßig Schülersprechstunden an versteckten Plätzen im Wald abhalten.«
Ich schweige. Weiß einfach nicht, was ich darauf antworten soll. Kapiere nicht, was hier gerade läuft. Was er glaubt, das da im Wald passiert sein soll. Ich wünschte, Sophie wäre jetzt hier. Wenn seine Anschuldigungen in Élysée die Runde machen, ob begründet oder nicht, werden die Eltern der Schüler Amok laufen, so viel ist klar. Und zwar gegen uns beide.
»Das Problem ist«, sagt Weber, »dass dieses Video nicht allein bei mir landete. Man trug mir zu, dass es inzwischen bereits unter den Schülern kursiert. Jemand hat es ins Internet hochgeladen und den Link verbreitet.«
Okay, das erklärt zumindest, was vorhin im Klassenzimmer ablief. Ich begreife nur nicht, warum die Schüler dem Video überhaupt eine Bedeutung beimessen. Man sieht, wie ich mich mit Mia unterhalte. Im Wald, okay, wo wir ungestört sind. Wie ich sie in den Arm nehme, weil sie das in diesem Moment offensichtlich gebrauchen kann – na und? Wo ist das verdammte Problem – und wieso scheint jeder außer mir überhaupt eines zu sehen? Ist das nicht normal, dass Lehrer auch nach Schulschluss noch für ihre Schüler da sind, wenn diese Probleme haben und sich an sonst niemanden wenden können? Wenn sie – rein hypothetisch, versteht sich – einen kompletten Psycho zum Vater haben, der ihnen zu Hause das Leben zur Hölle macht, zum Beispiel? Rein hypothetisch natürlich.
»Okay«, sage ich. »Mia kam auf mich zu. Sie hatte offenbar Sorgen, und ich habe ihr angeboten, dass wir darüber reden können. Und ja, das haben wir nicht nur ein Mal gemacht. Später bat sie mich darum, dass wir uns im Wald zu treffen. An einem etwas abgelegenen Ort, ja. Aber auch nicht an einem geheimen Treffpunkt, sondern an einem frei zugänglichen Ort, was ja schon allein die Existenz dieses Videos beweist. Und nicht, damit wir beide dort ungestört rumknutschen können, was dieses Filmchen offenbar suggerieren soll, sondern weil sie einfach jemandem brauchte, mit dem sie über ihre Probleme reden konnte.«
»Und welche Probleme waren das?«
»Ich habe ihr versprochen, das niemandem zu erzählen, das war ihr expliziter Wunsch. Und wissen Sie was? Das habe ich auch nicht vor. Ich schätze nämlich das Vertrauen, das mir meine Schüler entgegenbringen, und möchte es nicht aufs Spiel setzen. Schon gar nicht wegen solch eines himmelschreienden Unfugs.«
»Verstehe«, sagt Weber und starrt nachdenklich auf das Display seines Tablets, das sich inzwischen abgeschaltet hat. Ein schwarzer Spiegel, mehr nicht. Seine Lippen sind zu einem schmalen Strich zusammengepresst.
»Sie glauben mir nicht«, stelle ich fest.
»Es geht nicht darum, ob ich Ihnen glaube, Emma.« Auch dabei schafft er es nicht, mich anzusehen.
»Aha«, sage ich. »Und worum geht es dann?«
»Es geht darum, dass es eben nicht nach einer bloßen Unterredung zwischen Lehrerin und Schülerin aussieht. Es kommt zu körperlichen Berührungen zwischen ihnen beiden, das ist klar zu erkennen.«
»Ja, das ist richtig. Wir umarmen uns.« Dann wird es mir klar, blitzartig. Alles. Woher der Wind weht, und vielleicht auch, wer ihn wehen lässt. »Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, oder?«, frage ich leise. »Es ist, weil ich eine offen lesbische Beziehung führe, richtig? Weil ich eine Frau geheiratet habe.«
Er sagt gar nichts, starrt nur weiter auf den schwarzen Spiegel vor sich auf dem Tisch.
»Was genau befürchten Sie eigentlich, hm? Dass ich Ihre Schülerinnen mit dem Lesben-Virus anstecke, und sie dann auch alle zu Lesben werden, und die Jungs zu Schwulen?«
»Bitte, Emma ...«
Doch ich bin nicht zu bremsen. »Oder denken Sie, dass ich meine Hände nicht bei mir behalten kann, wo ich doch sowieso schon eine Perverse bin? Dass ich mich an Ihrer Schule eingeschlichen habe, um junge Mädchen aufzureißen? Ist es das, wirklich?«
Sein Gesicht ruckt hoch, doch ich sehe in seinen Augen nicht die Spur von Überraschung über das, was ich gerade gesagt habe. Er scheint beinahe damit gerechnet zu haben, vielleicht schon seit Beginn unseres Gespräches. »Nein, Emma«, sagt er dann, eine glatte Lüge. »Das ist ganz sicher nicht der Grund. Es geht mir lediglich darum, die Tatsachen ...«
»Sie wollen Tatsachen?«, unterbreche ich ihn. »Okay. Warum bestellen Sie dann nicht Mia ein und fragen sie, was da passiert ist? Ob ich eine heimliche Liebesbeziehung zu ihr, einer minderjährigen Schülerin, habe, oder um was es da im Wald wirklich gegangen ist, falls sie darüber reden möchte. Ich jedenfalls werde das ganz sicher nicht tun.«
Nun rede ich wirklich zu laut, brülle fast. Keine Spur von Contenance. Aber das ist mir inzwischen vollkommen egal.
»Mia ist heute nicht an der Schule«, sagt er mit matter Stimme. In seinem Gesicht ist eine merkwürdige Wandlung vorgegangen. Er ist bleich geworden, sieht richtig kränklich aus. Von seiner vorwurfsvollen Miene ist nicht mehr viel übriggeblieben. Vermutlich, weil er sich inzwischen daran erinnert, wer die andere Lesbe in Élysée ist. Und dass die ihn spielend durch die Mangel drehen könnte. Mit einem Fingerschnippen. Einfach so.
»Dass Mia fehlt, ist mir durchaus auch schon aufgefallen«, sage ich. »Siehätte nämlich vorhin bei mir Deutsch gehabt.«
Er nickt wieder. »Ihr Vater hat mich angerufen und mich davon in Kenntnis gesetzt, dass sie heute nicht zum Unterricht erscheinen wird. Es geht ihr nicht gut. Eine Erkältung, sagte er. Nichts Schlimmes.«
Wer’s glaubt. Andererseits kein Wunder, denke ich, wenn man einen Typen wie Viktor Neumann zum Vater hat, da ginge es mir auch nicht gut. An keinem Morgen. Der Vater von Mia ist Oberstaatsanwalt, Witwer und alleinerziehend, und außerdem ein ausgemachtes Arschloch, und er hält sich offenbar für so etwas wie den König von Élysée. Der Oberkracher ist jedoch, dass die meisten anderen Bewohner das anzuerkennen scheinen, einfach so. Als würden sie diesem aufdringlichen Kerl was schulden. Aber ich weiß inzwischen, dank Mia, was im Haus der Neumanns wirklich hinter verschlossenen Türen vor sich geht. Aber das werde ich ganz sicher nicht in Mias Abwesenheit vor einem Direktor Weber ausbreiten.
»Dann schlage ich vor, dass Sie dieses Gespräch mit Mia nachholen, sobald sie wieder hier ist«, sage ich. »Und wenn das dann alles wäre, würde ich gern zurück in meine Klasse. Wir haben viel Stoff abzuarbeiten heute Morgen.«
»Ich werde der Sache nachgehen, Emma, verlassen Sie sich darauf, und natürlich werde ich auch mit Mia sprechen. Bis dahin jedoch, also bis zur restlosen Aufklärung aller Umstände ...« Jetzt sieht er wirklich erbärmlich aus, ganz klein und zerknirscht. »Also, bis dahin muss ich Sie leider vorläufig vom Unterricht suspendieren, Emma.«
»Wie bitte?«, frage ich. Nein, hauche ich nur. Zu mehr fehlt mir die Kraft.
Er schaut mich an, seine Lippen sind nur ein schmaler, blutleerer Strich. Man kann ihm ansehen, welche Mühe ihm das bereitet. Beinahe könnte er mir leidtun. Aber nur beinahe.
Also stehe ich auf, drehe mich um und stakse auf wackligen Beinen aus dem Zimmer, die Tür lasse ich hinter mir offenstehen. Dann den Gang runter und zum Seiteneingang raus auf den Parkplatz, wo ich es gerade noch bis zu meinem kleinen, weißen Jeep schaffe.
Kaum sitze ich auf dem Fahrersitz, beginne ich hemmungslos zu flennen.
Als es nach einer Weile vorbei ist, und ich nur noch leise schluchze, beginne ich wieder, einigermaßen klare Gedanken zu fassen. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich ganz vergessen habe, Weber zu fragen, wer ihm diese ungeheuerliche Behauptung einer Affäre zwischen mir und Mia Neumann überhaupt eingeredet hat. Wer der Absender dieses Videos und der ominösen Enthüllungsbotschaft ist, in der behauptet wird, ich hätte was mit einer Schülerin. Es wäre verdammt noch mal mein Recht gewesen, das zu erfahren, wenn man mir schon eine solch ungeheuerliche Behauptung an den Kopf wirft.
Aber ich habe nicht nachgefragt.
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