Parasit
Kapitel 36
J ulian Jensen scrollt sich durch die geheime Fotosammlung auf seinem iMac. Verschwommene Schnappschüsse, Bilder, die er von der Schülerzeitung abfotografiert hat, Screenshots von Instagram, es sind etliche. Ein paar der Fotos hat er selbst geschossen, und mit einer Bildbearbeitungssoftware zusätzlich aufbereitet. Das Motiv ist auf jedem Bild dasselbe: Mia Neumann.
Ekelhaft findet Julian das, wie sich die Erwachsenen auf ihren Tod gestürzt haben, wie die Aasgeier. Auch sein eigener Vater, der Mia gefunden hat, ausgerechnet. Wie der sich nun damit brüstet, nachdem sie alle losgezogen sind wie die Piraten bei der Schatzsuche, widerlich.
Klar, Mia hatte gute Gründe, von zu Hause abzuhauen, bei diesem Ekelpaket von einem Vater, wenigstens mal für eine Nacht. Aber sie ist bestimmt nicht im Dunkeln auf den Felsen herumgeklettert, ausgeschlossen, das kann Julian sich einfach nicht vorstellen. Sie war nicht dumm, schon gar nicht so dumm. Und selbst, wenn sie da herumgeklettert wäre, dann wäre sie ganz bestimmt nicht reingefallen. Die ganze Geschichte ergibt für Julian einfach keinen Sinn.
Aber sie macht ihm Angst, diese Geschichte, und zwar gewaltig. Mal abgesehen von der Trauer, die er empfindet, und die er jetzt nicht zeigen kann, keinem. Nicht seinen Eltern, nicht seinen Mitschülern, die auch alle nur so tun, als ob sie einen Plan hätten, davon ist Julian überzeugt.
Und schon gar nicht darf er seine Angst irgendwem zeigen.
Angst, weil es nämlich noch eine andere, durchaus wahrscheinliche Möglichkeit gibt, was Mia zugestoßen sein könnte. Oder vielmehr: Wer Mia zugestoßen sein könnte.
Eine Möglichkeit, die mit der ebenfalls beängstigenden Tatsache zu tun hat, dass Simon Schwarz sich noch immer nicht gemeldet hat, seit die Ferien begonnen haben. Nicht bei Julian und auch bei keinem der anderen, die sich manchmal bei den Felsen treffen. Stattdessen kriechen dort jetzt die Bullen im Dreck herum, nehmen jeden Quadratzentimeter unter die Lupe. Wobei sie dort wer weiß was finden könnten, denkt Julian, und vielleicht noch mit Fingerabdrücken dran?
Scheiße.
Und ausgerechnet jetzt ist Simon wie vom Radar verschwunden. In Urlaub gefahren angeblich, aber das glaubt Julian nicht. Simon würde das alles nicht einfach so zurücklassen, Ferien oder nicht, und schon gar nicht, ohne irgendwem bescheid zu sagen, das wäre viel zu gefährlich, sogar für ihn.
Könnte Mia etwa doch was gewusst haben?
Julian weiß es nicht, aber falls sie etwas gewusst und es dieser Lehrerin, der Stratmann, verraten hat, dann könnten sie alle am Arsch sein, und Julian will sich gar nicht ausmalen, wie das enden könnte. Aber es bedeutet auch, dass es Leute gibt, die ein großes Interesse daran gehabt haben dürften, dass Mia schweigt, und zwar für immer. Und die jetzt scharf drauf sind, zu erfahren, ob die Stratmann tatsächlich etwas weiß, und wenn ja, wie viel. Und falls sie etwas weiß, oder diese Leute auch nur Grund zu der Annahme habe, droht ihr mit Sicherheit das gleiche Schicksal.
Und vielleicht ist das alles seine Schuld.
Weil er ihnen die direkte Vorlage für diese Idee geliefert und sie auch noch öffentlich ins Netz gestellt hat. Dabei war das Ganze nur als Scherz gedacht, ein dummer Streich, und ja, vielleicht war auch ein bisschen Eifersucht dabei. Weil Mia sich ihrer Lehrerin anvertraut hat, und nicht ihm. Für einen Moment überlegt Julian tatsächlich, zu seinen Eltern zu gehen, jetzt gleich, runter ins Wohnzimmer, und ihnen alles zu erzählen, die ganze Geschichte, von Anfang an und mit allen Details, aber natürlich geht das nicht, denn dann würde der Ärger erst richtig losgehen. Damit brächte er unweigerlich auch seine Eltern in Gefahr. Nein, er kann jetzt nicht aussteigen, er muss es einfach aussitzen, und hoffen, dass der Sturm an ihm vorüberzieht.
Vielleicht hat er ja Glück.
Unten klingelt es, und er hört, wie die Haustür geöffnet wird. Vermutlich irgendwelche Nachbarn, die sich zum tausendsten Mal von seinem Vater die tolle Story erzählen lassen wollen, wie er todesmutig auf den Felsen im Wald herumgeklettert ist und Mias Leiche dort unten hat liegen sehen. Sein Vater, der große Held. Bloß, dass Mia trotzdem tot ist, und nie wieder lächeln wird, oder ihm ein flüchtiges Hallo zuwerfen, oder mit ihnen bei den Felsen abhängen, oder irgendwas.
Und dass der Sturm noch lange nicht vorüber ist.
Julian horcht auf, als er die Schritte auf der Treppe hört, die hinauf in den ersten Stock führt, und die sich dann auf sein Zimmer zubewegen. Offenbar haben seine Eltern ihren Besuch im Schlepptau. Was wollen die von ihm? Hastig schließt Julian das Bildbetrachtungsprogramm und ruft das Word-Dokument mit dem Aufsatz auf, an dem er angeblich schon seit Tagen arbeitet.
Die Tür öffnet sich, niemand hat angeklopft, obwohl er das mit seinen Eltern vereinbart hat. Als Julian sich herumdreht, einen entsprechenden Hinweis auf den Lippen, bemerkt er den schockierten Ausdruck in den Gesichtern seiner Eltern, die jetzt zur Seite treten, um drei weitere Männer einzulassen.
»Julian, das sind ...«, beginnt seine Mutter, doch dann bricht ihre Stimme ab. Julian sieht Tränen in ihren Augen schimmern, sie senkt den Kopf.
»Schon gut, Frau Jensen«, sagt ein kleiner, dünner Mann, der den seltsamen Trupp offenbar anführt. In Kombination mit dem schnauzbärtigen Typen neben ihm, groß und irgendwie schwerfällig, wirkt er geradezu grotesk, das perfekte Slapstick-Duo. Dick und Doof, bloß, dass der Kleine nicht die Spur doof aussieht.
»Mein Name ist Hauptkommissar Wiesner«, sagt der Zwerg. »Kriminalpolizei. Das hier ist mein Kollege, Hauptkommissar Schröder, und Herr Willart von unserer technischen Abteilung. Wir würden uns gern mit dir unterhalten, Julian.«
Julian spürt, wie alle Luft aus seinen Lungen weicht. Mit letzter Kraft, so scheint es ihm, behält er eine aufrechte Körperhaltung bei, um nicht einfach vom Stuhl zu rutschen. Er schafft es sogar, zu nicken. Locker bleiben, sagt er sich. Die wissen gar nichts. Die fischen absolut im Trüben, es kann gar nicht anders sein.
»Wir haben Grund zu der Annahme ...«, beginnt Wiesner, doch da fällt ihm der dritte Kerl ins Wort, dieser Willart von der technischen Abteilung, was immer das heißen soll. Ein komplett durchschnittlicher Typ, abgesehen vielleicht von seiner wirklich hervorstechend hässlichen Kassengestellbrille und einem leichten Überbiss.
»Entschuldigen Sie«, sagt Willart zu Wiesner, dann wendet er sich an Julian: »Wir müssen dich bitten, aufzustehen, und dich von dem Gerät zu entfernen.«
»Hä?«, macht Julian.
»Deinem Computer. Und bitte lass deine Hände dort, wo wir sie sehen können.«
Kopfschüttelnd steht Julian auf, läuft auf Beinen wie aus Wackelpudding hinüber zu seinem Bett und setzt sich dort auf die Bettkante. Seine Mutter hält es nun nicht mehr aus, rauscht durch das Zimmer auf ihn zu, setzt sich neben ihn. Legt ihren Arm um seine Schulter. Wodurch sich Julian allerdings nur noch schwächer vorkommt.
»Okay, ich hab´s«, sagt der Technikheini zu Wiesner, der sich daraufhin wieder Julian zuwendet: »Julian, wir haben Grund zu der Annahme, dass von deinem Rechner ein gewisses Video in Umlauf gebracht wurde, auf dem Mia Neumann zu sehen ist.«
»Scheiße«, flüstert Julian Jensen, dann schwindet wirklich alle Kraft aus seinem Körper und er rutscht an der Seite seine Mutter in sich zusammen.
»Julian«, sagt sein Vater, und seine Stimme zittert dabei. »Stimmt das? Hast du dieses Video gemacht, von Mia und ... und dieser Lehrerin?«
»Bitte, Herr Jensen«, sagt Wiesner und lächelt Julians Vater gezwungen an. »Wenn Sie so nett wären und mir die Befragung überlassen könnten?«
Doch Julians Vater hat genug gesehen und gehört. Wortlos dreht er sich um und stapft nach unten. Typisch. Sollen sich andere darum kümmern, was sein missratener Sohn jetzt schon wieder angestellt hat.
»Also, Julian«, sagt Wiesner noch einmal. »Es geht hier zunächst nur um ein Video, das du ins Internet gestellt hast. Leute ohne ihr Einverständnis zu filmen, stellt natürlich eine Straftat dar, und dieses Video dann in verleumderischer Absicht in Umlauf zu bringen, nun ja, das ist dann nochmal ein anderes Kaliber. Aber wenn du uns jetzt alles erzählst, von Anfang an, könnte ich mir vorstellen, dass du bei dieser Geschichte mit einem blauen Augen davonkommst. Aber dazu musst du mir jetzt wirklich alles erzählen, Julian. Die volle Wahrheit und nichts auslassen. Schaffst du das?«
Julian starrt ihn an, dann wird er für einen Moment von dem Techniktypen Willard abgelenkt, der sich daran macht, seinen Computer von den Kabeln zu trennen, offenbar, um ihn mitzunehmen. »Den müssen wir beschlagnahmen, fürchte ich«, erklärt Wiesner. »Aber anschließend bekommst du ihn unbeschadet zurück, versprochen.« Jetzt lächelt er sogar, aber es ist dasselbe aufgesetzte Lächeln wie vorhin. Doch Wiesner hat ihm auch versprochen, dass er aus der Sache relativ ungeschoren rauskommen könnte. Und das ist alles, was Julian jetzt will, rauskommen aus dieser Sache.
Also beginnt er zu erzählen.
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