Parasit
Kapitel 41
E ine knappe Stunde später sitzt Wiesner wieder in seinem Büro und ist vollkommen ratlos. Als er heute Morgen den Asservatenbeutel von diesem Privatdetektiv namens Harforch erhielt, und dieser die Geschichte, wie er diesen Beutel fand, zu Protokoll gab, war er noch zuversichtlich gewesen. Sicher, nahezu. Alles war so schlüssig erschienen. Ein Teenager, der sich in Drogengeschäfte hatte verwickeln lassen. Ein Mädchen, das diesen Geschäften zufällig auf die Spur gekommen war und sich damit an ihre Lehrerin gewandt hatte. Panik, dass die ganze Sache auffliegen könnte, ein nächtliches Treffen am bekannten Treffpunkt der Jugendlichen mitten im Wald. Dann eine Aussprache, Emotionen, die hochkochen, und eine Kurzschlussreaktion. Vielleicht mit einem Stein, oder einem schweren Ast, und immerhin hatte der Junge noch ausreichend Geistesgegenwart besessen, diese Tatwaffe loszuwerden, nachdem er Mias Leiche den Felsen hinaufgeschleppt und in die Felsspalte geworfen hatte. Und ja, er wäre beinahe durchgekommen damit, bis heute ist sich selbst der Rechtsmediziner nicht hundertprozentig sicher.
Doch dann war es richtig verwirrend geworden. Ein regelrechtes Netz aus Lügen, Halbwahrheiten und Antworten, die alle Alarmglocken in Wiesner hatten schellen lassen. Alarmglocken, die blöderweise darauf bestanden, dass der Junge hin und wieder tatsächlich die Wahrheit von sich gab.
Allerdings an den merkwürdigsten Stellen.
Bis gar nichts mehr einen Sinn zu ergeben schien.
»Du weißt, welchen Wagen deine Lehrerin fährt, Frau Stratmann?«, hatte Wiesner gefragt, und der Junge hatte genickt.
»Einen weißen Jeep Wrangler.«
»Da macht sich rote Farbe besonders gut, nicht?«
»Hm?«, hatte Julian gefragt und die Stirn krausgezogen. »Rote Farbe?«
»Na, zum Beispiel, um das Wort MÖRDERIN draufzusprühen, in fetten, roten Großbuchstaben.«
»Ich weiß nicht, wovon Sie reden.«
»Das warst du also nicht?«
»Was war ich nicht?«
»Derjeneige, der auf Frau Stratmanns Wagen das Wort Mörderin gesprüht hat.«
»Nein, ich ... keine Ahnung, warum hätte ich das denn tun sollen?«
»Aus demselben Grund, aus dem du das Video an den Direktor deiner Schule geschickt hast.«
»Hab ich nicht, wirklich. Ich hab es nur gefilmt.«
»Und Herzchen drauf gemacht.«
»Ja, und das tut mir ...«
»Und es hochgeladen«, hatte ihn Wiesner rüde unterbrochen, in dem Bemühen, das Tempo der Befragung zu variieren und dadurch Druck aufzubauen.
»Ja, klar«, hatte Julian geantwortet, aber der fragende Ausdruck war dabei nicht aus seinem Gesicht gewichen.
»Aber an den Direktor willst du es nicht geschickt haben?«
»Nein, natürlich nicht!«
Und das war Problem Nummer eins gewesen. Willart, der Computerexperte und Skatkumpel von Schröder, hatte ihm nämlich Folgendes erklärt. Herauszufinden, von welchem Computer das Video ins Internet geladen worden war, sei kein Problem gewesen. Der Nutzer hatte sich keine besondere Mühe gegeben, seine Identität zu verschleiern. Jeder mit ein bisschen Ahnung von der Materie, hatte Willart erklärt und dabei vermutlich hauptsächlich sich selbst gemeint, hätte das rauskriegen können. Nicht so allerdings mit der E-Mail an den Direktor, die den Link zu eben jenem Video enthalten hatte. Dafür hatte jemand eine anonyme Mailadresse benutzt, die man auf bestimmten, darauf spezialisierten Plattformen im Internet erhielt, welche versprachen, den E-Mail-Account schon wenige Minuten nach dem Senden der Mail wieder zu löschen, samt aller Daten über den Nutzer, der einen solchen temporären Account angelegt hatte.
Wie passte das zusammen?
Nun, eine mögliche Erklärung war, dass Julian, als er das Video gedreht hatte, noch keine Veranlassung gesehen hatte, auf seine Anonymität zu achten. Er hatte sich zu diesem Zeitpunkt lediglich einen Scherz erlauben wollen. Doch nachdem er Mia in die Spalte gestürzt hatte, war ihm klargeworden, dass er das Video nachträglich dazu benutzen konnte, den Verdacht auf seine Lehrerin zu lenken, gegen die er ohnehin einen Groll hegte, vermutlich aus Eifersucht.
Das war durchaus plausibel, aber eben nicht die einzige Möglichkeit. Also hatte Wiesner sich zum Frontalangriff entschieden. »Wo warst du am Abend des Dienstags letzter Woche, Julian?«, hatte er gefragt. »Etwa gegen neunzehn Uhr dreißig?«
»Keine Ahnung«, hatte Julian gesagt und dabei ein Gesicht gezogen, als habe Wiesner ihn soeben gebeten, sich daran zu erinnern, was er an diesem Datum vor zehn Jahren zum Frühstück gegessen hatte.
»Zur Erinnerung, es war der Abend, an dem Mia Neumann starb.«
»Ach so.« Keine sichtbare Reaktion, nur dieses Ach so, das Wiesner gleich wieder stutzig machte. Wenn dieser Junge ihm etwas vormachte, war er ausgebuffter als die meisten professionellen Schwerkriminellen, denen Wiesner im Lauf seiner Karriere gegenübergesessen hatte, und das waren eine Menge gewesen.
»Also nochmal: Wo warst du an diesem Abend?«, hatte Wiesner gefragt, sich durchaus der Tatsache bewusst, dass sie die Antwort darauf schon kannten. Sie kannten sie, seit Willart das Handy des Jungen untersucht hatte. Die Triangulation aus den drei nächsten Sendemasten hatte ein ziemlich eindeutiges Ergebnis produziert, und nun hoffte Wiesner beinahe, dass Julian dieses Ergebnis abstreiten würde. Denn dann hätte er ihn bei einer Lüge ertappt, und das konnte alles entscheiden.
Doch stattdessen hatte der Junge es rundheraus zugegeben.
»Ich war dort«, hatte er leise gesagt. »Bei der Spalte, ja. Ich war mit Mia verabredet gewesen.« Und hatte wieder zu heulen begonnen. Minutenlang war nichts als Schluchzen aus ihm rauszubekommen gewesen, während es Wiesner nur mühsam gelungen war, seine Ungeduld zu zügeln.
»Und was ist dann passiert?«, hatte er gefragt, als der Junge sich schließlich wieder etwas beruhigt hatte.
»Sie ist nicht gekommen«, hatte Julian gesagt. »Also bin ich wieder abgehauen.« Dann wieder dieses Stirnrunzeln, als erinnere er sich an etwas, das ihm gerade erst wieder eingefallen war. »Da war jemand«, hatte er gesagt. »Im Wald, in der Nähe der Felsspalte. Ich hab nicht erkennen können, wer, aber ich glaube, er hat mich bemerkt. Dann ist er davongerannt.«
»Er?«, hatte Wiesner interessiert gefragt. Interessiert und völlig ratlos. Jedes bisschen Verstand schrie ihm zu, dass der Junge gelogen hatte. Dass er lediglich versuchte, den Verdacht von sich auf den großen Unbekannten zu lenken. Eine Strategie, die Wiesner schon unzählige Male grandios hatte versagen sehen. Doch sein Instinkt, kaum mehr als ein leises Flüstern am Rande seiner Wahrnehmung, sagte etwas anderes. Er sagte, dass der Junge die Wahrheit erzählte, so unwahrscheinlich das auch erschien. Dass er viel zu fertig und zu schlecht vorbereitet war, um zu lügen. Dass er sich immer noch sicher war, dass er aus dieser Sache einigermaßen ungeschoren herauskommen würde. Schließlich kamen Leute wie seine Eltern, Neumann und all die anderen steinreichen Pinkel in ihrem verfluchten, goldenen Sperrgebiet immer ungeschoren davon. Womit auch immer.
Und dann war auch noch das letzte bisschen Logik in sich zusammengefallen.
»Was hast du dann gemacht?«, hatte Wiesner gefragt. »Nachdem Mia nicht auftauchte?«
»Ich bin zurückgefahren. Nach Hause.«
»Mit dem Rad?«
»Ja.«
»Bist du am Parkplatz vorbeigekommen?«
»Ich ... ach scheiße. Sie wissen das auch schon, oder?«
Wiesners Instinkt hatte sich urplötzlich von einem Flüstern in ein Brüllen verwandelt. Wie kann der Junge so ein ausgefuchster Lügner sein, wenn er jetzt eine derart dämliche Frage stellt? »Ja«, hatte Wiesner gesagt, auch wenn er keine Ahnung gehabt hatte, wovon der Junge sprach. »Natürlich wissen wir davon. Ich möchte es aber von dir hören.«
»Okay«, hatte Julian gesagt, schwer ein- und stoßweise wieder ausgeatmet. »Ich war das mit dem Zettel, okay? Und den Stein habe ich auch geworfen, aber ich wollte wirklich nicht, dass Frau Stratmann etwas passiert. Das müssen sie mir glauben.«
Für den Bruchteil einer Sekunde war das Puzzle perfekt gewesen. Ein Stein, natürlich. Der Stein, mit dem er Mia im Affekt auf den Kopf geschlagen hatte. Die Tatwaffe, die er entsorgt hatte, nachdem er ihren Tod durch einen Unfall kaschiert hatte.
Doch ... was für ein Zettel?
»Nur weiter«, hatte Wiesner gesagt, nun selbst seine Ungeduld kaum noch im Zaum haltend. »Erzähl mir alles, ganz von vorn.«
»Also, ich hab ihn da sehen stehen, den Jeep von der Stratmann, okay? Ist ja auch kaum zu übersehen, und es war sowieso der einzige Wagen auf dem ganzen Parkplatz. Also hab ich einen Zettel geschrieben, sie soll sich verpissen, und ihn unter ihren Scheibenwischer gesteckt. Weil ... ach, ich weiß auch nicht. Ich war sauer wegen Mia, denke ich. Wegen dem, was auf dem Video zu sehen war. Wie sie Mia angefasst hat, das wollte ich nicht. Ich meine, die ist doch lesbisch und ...«
Wiesner hatte nur mit Mühe die Fassung bewahren können. Wovon zum Teufel redete der Junge da? Doch dann war auch bei Wiesner der Groschen gefallen. Puzzelteile waren an ihre vorgesehenen Stellen gerückt und ergaben jetzt ein Bild. Allerdings das vollkommen falsche Bild. Ein Bild, das Wiesner zwang, alles zu hinterfragen, was er bisher herausgefunden zu haben glaubte.
»Ich hab den Zettel gerade so noch unter den Scheibenwischer klemmen können, da kam sie auch schon aus dem Wald gelaufen, also hab ich mich schnell versteckt, im Gebüsch, und da war dieser Stein. Gar kein großer, aber ich hatte eben eine solche Wut. Da hab ich den Stein geworfen, o Mann, das war so dämlich. Sie war schon losgefahren, und das Ding ist ihr voll auf die Frontscheibe gekracht. Ich hab gedacht ... scheiße, ich hab gedacht, wenn die jetzt aussteigt, und mich entdeckt? Ich hatte eine Scheißangst, ehrlich. Ich wollte doch nicht, dass ihr etwas passiert oder so. Das müssen Sie mir glauben.«
Das Bild, das Wiesner nun vor Augen hatte, war ein Bild, das alte Lücken schloss und neue Fragen aufwarf. Ein Bild, in dem sich vor allem eines mit bestechender Klarheit abzeichnete. Emma Stratmann war zum Tatzeitpunkt in der unmittelbaren Nähe der Felsspalte gewesen, und nicht auf der Rückreise aus der Stadt, als ein Stein ihre Windschutzscheibe getroffen hatte, wie sie behauptet hatte.
Emma Stratmann hatte gelogen.
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