Parasit
Kapitel 17
A ls Sophie aus der Küche zurückkommt, sieht sie sehr ernst aus. Aber vielleicht auch ein kleines bisschen schadenfroh. »Also?«, frage ich und versuche, meiner Stimme einen lockeren und etwas amüsierten Klang zu verleihen. »Was habt ihr ausgeheckt, dein Fangirl und du?«
Das bringt Sophie zum Lächeln. »Vivian ist kein Fangirl, Emma, sondern eine liebe Freundin«, sagt sie in belehrendem Ton, aber der Anflug eines Lächelns um ihre Mundwinkel sagt mir, dass ihr Vivians glänzende Augen ebenfalls nicht entgehen, wann immer diese in der Nähe der berühmten Autorin Sophie Stratmann ist. Sophie setzt sich neben mich auf die Couch. Streicht mir sanft durchs Haar. Sieht auf die Polster zwischen uns hinab, während sie sagt: »Vivian hat mir etwas erzählt, im Vertrauen. Etwas über Viktor Neumann. Etwas sehr Unschönes.«
Jetzt schaut sie mich an, Sophies Augen suchen meine, und ich bin kurz versucht, nun selbst den Blick abzuwenden, aber dann fürchte ich, dass das die falschen Signale aussenden würde. »Er hat sich ihr aufgedrängt«, sagt sie dann leise. Mit regelrechter Grabesstimme, zumindest für Sophies Verhältnisse.
»Was?«
Sie nickt. »Es war bei einer Party in seinem Haus, und seitdem geht Vivian da nicht mehr hin, und er lädt sie wohl auch nicht mehr ein. Er hatte etwas zu viel getrunken, sagt sie ...«
»Was keine Entschuldigung ist«, entgegne ich, da mir natürlich klar ist, worauf diese Geschichte nur hinauslaufen kann.
»Ja, Liebes. Was keine Entschuldigung ist. Dann waren sie für einen Moment allein in der Küche, und er hat sie in eine Ecke gedrängt und ... sie hat seine Avancen natürlich ausdrücklich zurückgeweisen, aber ... nun ja.«
»Und er?«
Sie zuckt mit den Schultern. »Er hat gelacht und so getan, als habe er nur einen Scherz gemacht. Aber Vivian hatte wirklich Angst in diesem Moment, und überhaupt – sie ist verheiratet, da verbieten sich gewisse ›Scherze‹ einfach grundsätzlich, oder nicht?«
»Natürlich!«, sage ich im Brustton der Entrüstung und hoffe, dass Sophie nicht merkt, wie mir die Hitze in die Wangen schießt. »Hat sie ihn denn nicht angezeigt?«
»Neumann?« Sophie stößt ein verächtliches Lachen aus. »Du machst wohl Scherze, Liebes. Nicht hier in Élysée, und nicht ohne einen einzigen Zeugen. Niemand hätte ihr geglaubt, das ist doch klar.«
»Vermutlich«, sinniere ich. »Und jetzt?«
»Jetzt warten wir, Liebling. Vivian hat einen guten Draht zu den meisten Bewohnern von Élysée – vor allem zu den Ehefrauen, durch ihren Lesekreis. Und ich war so frei, ihr gegenüber auch ein paar Details durchblicken zu lassen.«
»Details?«, frage ich. »Was denn für Details?«
»Nun, zum Beispiel, dass Viktor Neumann offenbar ein Problem damit hat, dass eine offen lesbische Lehrerin an dem Gymnasium unterrichtet, das auch seine Tochter besucht. Und dass sich seine Tochter eben dieser Lehrerin anvertraut hat, weil er sie zu Hause regelrecht terrorisiert. Bisweilen so laut, dass es bis zu den Nachbarn zu hören ist. Und wer weiß, was er ihr sonst noch so alles antut hinter verschlossenen Türen.«
»Was? Aber das wissen wir doch gar nicht!«, protestiere ich.
Sophie schaut mich nur an, ihre linke Augenbraue ist eine Winzigkeit nach oben gezogen, mehr nicht. Aber das genügt. Sie hat vermutlich recht. Wir können inzwischen mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass Neumann derjenige war, der das Video von Mia und mir an Weber geschickt hat, und aus dessen Begleitmail ging praktisch der Vorwurf von sexueller Belästigung hervor – auch wenn es Weber versäumt hat, mir das genauer zu erläutern, als er mich beurlaubte.
»Und es wird noch besser«, sagt Sophie. Ihr Gesicht ist eine Maske der Beherrschtheit, aber ich weiß, dass sie im Inneren schadenfroh grinst. »Vivian hat mir gesagt, dass sie die Sache mit Neumann damals auf der Party schon einigen Frauen im Vertrauen erzählt hat, und dass die Sache offenbar kein Einzelfall war.«
»Wie bitte? Was für ein Monster wohnt hier eigentlich in unserer direkten Nachbarschaft?«
»Und auch, wenn nicht anzunehmen ist, dass eine dieser Frauen oder auch Vivian damit an die Öffentlichkeit gehen wird, dürfte es für einigen Wirbel sorgen, wenn sie erfahren, dass Neumann nun auch gegen dich intrigiert hat – und damit gegen uns. Hinzu kommt das lautstarke Streitgespräch mit seiner Tochter, das sogar die Jensens mitbekommen haben und ...« Sie verstummt, macht ein nachdenkliches Gesicht.
»Was?«, frage ich, ganz mitgerissen von ihren Schlachtplänen. »Was denn noch?«
»Er ist Witwer, wie du weißt?«
»Äh, ja.«
»Es gibt wohl auch ein paar Gerüchte, was das Dahinscheiden seiner Frau betrifft.« Nun grinst sie nicht mehr, auch nicht innerlich, und ich auch nicht. Jetzt fröstele ich.
»Was willst du damit sagen, Sophie?«
»Überleg doch mal, Liebes. Offenbar ist Neumann schwer cholerisch, und er streitet, bis die Fetzen fliegen. Zudem ist er Staatsanwalt, kennt jede Menge Leute, die meisten davon aus dem Strafvollzug. Wenn überhaupt jemand den Tod seiner Frau perfekt vertuschen könnte, dann ...«
»Das hat dir alles Vivian erzählt?«, frage ich ungläubig. Mir war klar, dass die Gerüchteküche auch vor einem Ort wie Élysée nicht Halt machen würde und dass Vivian jemand ist, der einen maßgeblichen Anteil daran hat. Aber das? Ein vertuschter Mord an der Ehefrau? Ausgerechnet in Élysée?
»Vivian hat gewisse Dinge durchblicken lassen, aber darauf will ich auch gar nicht herumreiten, denn mittlerweile dürfte sich da überhaupt nichts mehr beweisen lassen, nach all den Jahren. Ich will nur, dass Vivian ein bisschen dafür sorgt, dass es den Leuten hier wieder ins Gedächtnis gerufen wird, zusammen mit allem anderen.«
»Okay«, sage ich. Ich muss das erstmal verdauen. »Und dann?«
»Dann will ich«, sagt sie mit einer eisigen Stimme, die ich schon viele Jahre nicht mehr gehört habe, »dass dieses Schwein Neumann aus unserem Leben verschwindet, und zwar für immer.«
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