Parasit
Kapitel 22
EMMA
I ch habe Sophie noch immer nicht erzählt, was Neumann mir am Ende unserer letzten Begegnung an den Kopf geworfen hat. Ich sagte ihr nur, er habe mich gefragt, ob ich irgendwelche Ideen hätte, wohin Mia abgehauen sein könnte. Inzwischen ist ja so ziemlich klar, dass sie abgehauen sein muss, nach Frankfurt vermutlich, zu Freunden, das ist zumindest der allgemeine Konsens in der Nachbarschaft und unter den Schülern. Ich wollte nochmal mit Simon darüber sprechen, aber sein Handy war die ganze Zeit aus. Ihm traue ich allerdings auch zu, dass er es irgendwo herumliegen hat und es inzwischen einen kläglichen Akku-Tod gestorben ist. Vielleicht sollte ich mal bei ihm vorbeischauen.
Nein, sollte ich nicht.
Neumanns Worte sind mir seitdem ständig durch den Kopf gegangen, die ganze Nacht, und den folgenden Tag. Er hält mich also für eine Goldgräberin, für einen Schmarotzer. Jemanden, der Sophie nur wegen ihres Vermögens geheiratet hat. Ein Parasit, und Sophie soll auf mich reingefallen sein. Gut möglich, dass es ihm so vorkommt, und ja, ich stamme nicht aus denselben Verhältnissen wie Sophie oder all die anderen hier, richtig. Ist das vielleicht ein Verbrechen? Meine Eltern bewohnen das letzte noch einigermaßen bewohnbare Stückchen Haus in einem ehemaligen Dreiseitenhof, der seit Jahrzehnten vor sich hin gammelt. Sie halten nichts von gleichgeschlechtlicher Ehe, oder von Geld, oder von einem Leben in Luxus. Meine Eltern ziehen es vor, sich für einen Hungerlohn zu Tode zu schuften, für nichts als das lächerliche Recht, sich jedem gegenüber erhaben zu fühlen, dem es finanziell besser geht als ihnen.
Kein Wunder, dass ich da raus wollte.
Aber was zur Hölle geht das einen Viktor Neumann an? Hat er sich vielleicht von den Jensens ein finanzielles Stammbaumzeugnis ausstellen lassen, oder von den Lasalles? Reinblütiger Geldadel bis ins dritte Glied der Vorfahren hinein? Was geht diesen Mistkerl unsere Ehe an, oder was uns zusammengeführt hat, zumal er nicht mal seine eigene Familie auch nur ansatzweise auf die Reihe kriegt? Er hat keine Ahnung, was Sophie und ich durchgemacht haben.
Keinen blassen Schimmer.
Vivian hat heute Morgen angerufen und uns erzählt, dass Neumann eine Mail herumgeschickt hat, an alle Nachbarn. Interessant. Offenbar gehören wir noch nicht zum erlauchten Kreis dieser ganz speziellen Art von Buschfunk, denn bei uns kam keine Mail von Neumann an, aber das könnte natürlich auch andere Gründe haben. Er hat jedenfalls die ganze Nachbarschaft zusammengetrommelt, um im Hamstetter Forst nach Mia suchen. Lächerlich. Sophie und ich sind der Meinung, dass das vollkommener Unsinn ist. Panikmache bestenfalls, vielleicht auch nur egozentrisches Machtgehabe. Vor allem glauben wir aber, dass er damit den Zusammenhalt ›seiner Leute‹ stärken will, wie ein General am Vorabend einer wichtigen Schlacht. Also nutzt er die Gunst der Stunde und packt sie an ihrer empfindlichsten Stelle: Die Liebe zu ihren Kindern. Natürlich werden alle mitmachen und ihm helfen, im Wald nach Mia zu suchen, wobei er sich offenbar noch nicht mal die Mühe gemacht hat, irgendwem zu erklären, wieso er überhaupt glaubt, dass sie dort sein könnte. Und nicht, zum Beispiel, in Frankfurt, oder in einem Zug nach sonst wohin, nur möglichst weit weg von diesem ekelhaften Kerl, den sie zum Vater hat.
Aber auch, wenn wir weiterhin davon überzeugt sind, dass ihr nichts passiert ist, beginne ich allmählich, mir echte Sorgen um Mia zu machen.
Ich kann es nicht verhindern, da ist einfach dieses dumme Gefühl.
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