Parasit
Kapitel 29
»U nd?«, fragt Schröder, »Glaubst du ihr?« Wiesner überlegt.
Dann zuckt er mit den Schultern. Es war ein langer Tag, er hat höllische Kopfschmerzen. Was er jedoch nicht hat, ist eine vernünftige Antwort auf Schröders Frage. »Klar, ihre Aussage könnte schon hinkommen. Sie war Laufen, okay, das tut sie offenbar öfter. Wenn auch selten um diese späte Uhrzeit, aber was soll’s.« Dann hat Wiesner eine Idee. »Wann genau war eigentlich der Streit zwischen Neumann und seiner Tochter?«
Schröder schlägt es nach. »Gegen achtzehn Uhr dreißig, sagen die Nachbarn, aber das ist wohl eher eine grobe Schätzung, die haben ja nicht auf die Uhr geschaut dabei.«
»Natürlich nicht«, stöhnt Wiesner und massiert seine Nasenwurzel zwischen Daumen und Zeigefinger. »Wer tut das schon, wenn es mal drauf ankommt?«
»Aber es könnte hinkommen. Ich meine, wenn sie sich nochmal da getroffen haben, Mia und die Lehrerin. Immerhin hat Mia sie kurz nach sieben angerufen, drei Mal.«
»Aber sie ist nicht rangegangen, laut Anrufprotokoll.«
»Schon«, wendet Schröder ein. »Aber es könnte ein ausgemachtes Signal gewesen sein. Ein Anklingeln, das bedeutet hat, dass sie sich an der üblichen Stelle treffen.«
»Und dann fährt sie da hin und ...«
»Vielleicht nimmt sie Mia sogar mit«, sagt Schröder. »Im Auto. Denkbar wär’s. Mias Rad stand unbenutzt im Keller, sie ist offenbar zu Fuß losgegangen.«
»Okay, von mir aus. Dann fahren sie also beide da hin, spazieren zur Felsspalte ... und dann?«
»Du hast das Video gesehen. Wer weiß, worüber die beiden sich darauf wirklich unterhalten haben. Dieses Gespräch haben sie vielleicht fortgesetzt, und diesmal ist es eskaliert, es kommt zu Beschuldigungen, dann Handgreiflichkeiten, es gerät außer Kontrolle ...«
»Und dann stößt die Stratmann Mia in den Felsspalt? Eine Schülerin, die sie ein paar Stunden zuvor noch an der Schule unterrichtet hat? Ernsthaft?«
»Möglich wär’s immerhin«, sagt Schröder. »Und solange wir nicht sicher sind, worum sich das Gespräch zwischen den beiden auf dem Video wirklich gedreht hat ...«
»Hm. Und die Windschutzscheibe?«
»Könnte nur ein Zufall sein. Was die Stratmann erzählt hat, klingt für mich plausibel, aber es spricht auch absolut nichts dagegen, dass sie sich trotzdem mit Mia getroffen hat. Das geht schließlich auch mit einem Loch in der Windschutzscheibe.«
»Na gut, also fährt sie mit Mia in den Hamstetter Forst, mit einem Stein in der Scheibe. Parkt auf dem Parkplatz, wo ihr noch ein paar weitere Splitter aus der Scheibe fallen. Und dann gehen die beiden in den Wald, zur Felsspalte, und sie rastet aus irgendeinem Grund aus, schubst Mia in den Abgrund. Also, ich weiß ja nicht.«
»Möglich wär’s aber doch«, brummt Schröder, offenbar ist das sein neuer Lieblingsspruch. »Möglich wär’s.«
Wiesner muss ihm recht geben, es wäre möglich. Bloß, dass die schiere Möglichkeit noch lange niemanden zum Mörder macht, und schon gar nicht zu einem überführten Straftäter. Aber Schröder hat schon recht, irgendetwas stimmt nicht mit dieser Emma Stratmann, denkt er.
Irgendwas läuft ganz und gar verkehrt bei der.
Wenn er nur wüsste, was.
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