Parasit

Alex Pohl · Kapitel 51 von 68

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Parasit

Kapitel 51

 

 

H arforch sieht Schlesingers Mercedes nach, der davonfährt, dann um die Ecke auf die Hauptstraße einbiegt, und aus Harforchs Sicht verschwindet. Der blutrote Schein der Rücklichter wird noch eine Sekunde auf das Pflaster zurückgeworfen, dann ist es wieder dunkel und totenstill. Schlesinger, das haben sie vereinbart, wird ein paar Meter weiter an einer Stelle parken, die plausibel wäre, wenn er geradewegs vom Grundstück der Sophie Stratmann kommt, sein Handy zücken, es ans Ohr halten und so tun, als telefoniere er mit einem wichtigen Klienten. Falls jemand vorbeikommt, was aber nicht zu erwarten ist. Und falls einer nachfragt, was noch weniger zu erwarten, aber eben auch nicht vollkommen ausgeschlossen ist, wird er sich als Anwalt von Sophie Stratmann zu erkennen geben, die das selbstverständlich bestätigen wird. Wobei Harforch bezweifelt, dass es auch nur ansatzweise soweit kommen würde. Schlesingers Wagen passt perfekt in diese Gegend, genau wie Schlesinger selbst, vermutlich kennen ihn ein paar der Anwohner sogar persönlich.

Harforch wirft einen Blick durch das Gartentor auf das dahinterliegende Grundstück. Dort steht, gut sichtbar und verdammt schlecht geparkt, der Tesla Model X von Neumann, tatsächlich in einer dunklen Metallic-Lackierung, was man aufgrund der Lichter, die durch die Fenster des Hauses hinaus auf den Vorplatz fluten, gut erkennen kann. So weit schon mal gut, denkt er.

Dann zieht sich Harforch eine Maske über und legt los.

Dazu ignoriert er das Gartentor und läuft noch ein Stück tiefer in die Straße hinein, deren Abschluss Neumanns Grundstück bildet. Was gut ist, denn die Verbindung zwischen dem äußeren Zaun um ganz Élysée und dem, der Neumanns Grundstück umgibt, ist nicht komplett geschlossen, da Letzterer wohl eher der optischen Abgrenzung dient, als eine wirklich effektive Maßnahme gegen Eindringlinge darzustellen. Auch als Harforch wie ein Schatten über den Zaun gleitet, bleibt im Haus alles still. Er drückt sich am äußersten Ende der Hecke vorbei, wobei ein paar Blätter zu Boden gehen, das ist alles.

Dann ist er auf Neumanns Grundstück.

Die Lampen entlang des Kiesweges, der zu der gigantischen Villa führt, erkennt er sofort, denn er hat unzählige Modelle von Bewegungsauslösern studiert, wie auch Alarmanlagen und alle möglichen anderen Schutzvorkehrungen, die sich ängstliche Bürger von Sicherheitsfirmen aufschwatzen lassen. Das meiste davon ist in seinen Augen ohnehin ziemlich nutzloses Zeug – zumindest, wenn der Eindringling einigermaßen weiß, was er tut. Aber es beruhigt wohl das Gewissen, vermutet Harforch. Das kann man sich dann schon mal ein paar tausend Euro kosten lassen. Hier jedoch von Sicherheitsbedenken keine Spur; es gibt lediglich ein paar billige Bewegungsmelder, die dafür sorgen, dass die Lampen anspringen, sobald es draußen dunkel ist und man in ihre Nähe kommt, das ist alles. Vermutlich würde das nicht einmal ausreichen, dass jemand im Inneren des Hauses bemerken würde, wenn er mitten auf dem Kiesweg ginge, aber wozu ein unnötiges Risiko eingehen? Also schleicht Harforch in einem großen Bogen um die Dinger herum, bis er die Rückseite des Hauses erreicht hat.

Auch dort ist alles still.

Er nähert sich, diesmal jedoch von hinten kommend, wieder dem Vorplatz, wo der Tesla wie hingeworfen in der breiten Auffahrt parkt. Auch hier gibt es einen Bewegungssensor, ein kleines Plastikding, das an der Spitze der Miniaturausgabe einer romanischen Säule befestigt ist. Ziemlich kitschig, findet Harforch, während er grinsend einen Streifen von dem schwarzen Textilklebeband abreißt – ein fester Bestandteil seiner Standardausrüstung ist, die er immer dabei hat. Schließlich weiß man nie, wozu man sowas mal gebrauchen kann. Harforch nähert sich der Säule von hinten und klebt dann blitzschnell einen breiten Streifen Klebeband über den Lichtsensor. Bewegt zum Test die Hand vor der Säule hin und her.

Nichts passiert, kein Licht geht an, der Sensor ist jetzt blind.

Gut.

Dann geht er zu Neumanns Wagen. Was er dort zu tun hat, dauert keine zehn Sekunden, dann ist er wieder bei dem Sensor, wo er das Klebeband entfernt und es in seine Tasche steckt. Dann huscht er zurück, wie er gekommen ist, über den Zaun und steht schließlich wieder auf die Straße. Dort nimmt er die Skimaske ab und steckt sie ebenfalls in seine Tasche, bevor er gemächlich davon schlendert.

An der vereinbarten Straßenkreuzung steht Schlesingers Mercedes. Harforch öffnet die Tür zum hinteren Teil des Wagens und schlüpft wortlos hinein.

»Alles erledigt, Chef«, sagt er dann.

Schlesinger nickt zufrieden und der Wagen setzt sich in Bewegung.

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