Parasit
Kapitel 64
H eute scheint es Sophie besser zu gehen. Sie hat ein komplettes Frühstück bestellt, aus einer kleinen Bäckerei aus dem Dorf, inklusive Kaffee in zwei Thermoskannen. Es war wundervoll, das beste Frühstück, das wir seit Langem hatten. Daher sagte ich spontan zu, als sie mich fragte, ob ich sie nachher in die Stadt begleiten wolle, um das Zeug zurückzubringen und ein paar Besorgungen zu erledigen. Eigentlich, sagte sie, würde sie gern Sekt zum Frühstück trinken, habe aber bewusst darauf verzichtet, ich könne mir wohl denken, wieso. Das konnte ich durchaus und war sehr froh, dass sie sich offenbar entschlossen hatte, unserer gemeinsamen Trinkerei vorerst einen Riegel vorzuschieben.
Ich mag das Zeug nicht mal mehr. Ich glaube, ich habe nur mitgetrunken, weil es ohne Alkohol noch unerträglicher in dem alten Gebäude gewesen wäre. Als wir gegen Mittag mit meinem Jeep in die Stadt fahren, Sophie am Steuer, und ich daneben, und ihre Hand nach meinem Oberschenkel tastet, lasse ich es geschehen, und lege meine noch obenauf. Beinahe wie früher, denke ich. Hoffe, dass es bald wieder wie früher sein wird. Hoffe es inständig. Hoffe, dass das Frühjahr bleibt, und nicht bloß auf eine kurze Stippvisite vorbeischaut. Das Frühstückszeug auf der Rückbank scheppert und ich frage sie nach dem Anlass für ihren Sinneswandel. Habe ich ein wichtiges Datum verpasst?
»Ich wollte eben etwas Besonderes«, sagt sie und lächelt dabei verschmitzt, »für meinen ganz besonderen Menschen. Oh, und ich habe mein Manuskript fertig.«
»Was?«, schnappe ich, vermutlich viel zu überrascht. Ich dachte, sie hätte das Ding schon vor Wochen abgeschlossen. Zumindest wüsste ich nicht, wann in den letzten Tagen sie allein daran gearbeitete haben sollte. Während ich schlief? Gut möglich vermutlich angesichts der heftigen Schlummertrünke, die ich in letzter Zeit allabendlich in mich hineingeschüttet habe.
»Herzlichen Glückwunsch«, sage ich und hoffe, dass sie die Verzögerung auf meine freudige Überraschung schiebt. »Kann ich es mal lesen?«
»Klar«, sagt sie. »Wann immer du möchtest. Ich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob ich es überhaupt veröffentlichen werde.«
»Was?«, frage ich wieder, und denke Gott sei dank, aber sie lacht nur und schüttelt den Kopf. »Lies es erstmal, dann wirst du es vielleicht verstehen. Und es ist ja nun nicht gerade so, als würde ein begieriges Publikum auf mein nächstes Werk warten, nach all den Jahren. Abgesehen vielleicht von Vivian Lasalle.«
Mir fällt auf, dass dies das erste Mal überhaupt ist, dass wir von jemandem sprechen, den wir in Élysée gekannt haben, seit wir von da fortgezogen sind.
»Worum geht es denn in dem Buch?«, frage ich. »Hast du schon einen Titel?« Hauptsächlich, weil ich hoffe, dass sie dann keinen Verdacht schöpft. Immerhin kenne ich den Inhalt ja schon, zumindest den größten Teil. Schätzungsweise fehlen mir noch fünfzig Seiten bis zum Ende.
»Ach, lies es einfach selbst, Schatz«, sagt sie lachend. »Ich will dir ja nicht die Spannung nehmen. Hashtag Spoiler Alert!« Sie kriegt sich gar nicht wieder ein.
»Dann ist es eine Geschichte, ja?«
»Ja, Emma. Es ist eine Geschichte.«
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