Parasit
Kapitel 23
M it einem Seufzen schraubt Norbert Jensen den Deckel auf seine Thermoskanne und verstaut sie wieder im Rucksack. Keine halbe Stunde mehr, dann werden Helene und er ihren bescheuerten Quadranten komplett abgesucht haben, und dann können sie endlich nach Hause. Er hat noch viel zu tun, die Arbeit macht schließlich auch nicht vor dem Wochenende halt. Nicht in seiner Position zumindest, und Bankgeschäfte sind nun mal kein Nine-to-five-Job.
Er erspäht seine Frau, die sich gerade daran macht, auf die Felsen zu kraxeln, die in diesem Teil des Waldes herumliegen wie von einem Urzeitriesen fallengelassen, der seines Spielzeugs überdrüssig geworden ist. Eigentlich ein schönes Fleckchen, aber irgendwelche Asozialen haben es verschandelt. Überall liegen Bierflaschen und Kippen herum, und niemand fühlt sich bemüßigt, etwas daran zu ändern.
»Warte, Liebling!«, ruft er Helene zu, die das Kraxeln daraufhin sein lässt und sich zu ihm umdreht. »Lass mich das mal lieber machen, Schatz. Nicht, dass du dann auch noch mit verstauchtem Fuß hier herumliegst.« Es soll wie ein Scherz klingen, aber niemand lacht. Vivian und Phillip Lasalle sollten im Quadranten nebenan sein, aber von denen hat Jensen schon länger nichts mehr gesehen oder gehört. Vielleicht haben sie sich ja verlaufen oder sie machen ein Schäferstündchen, was irgendwie die Krönung dieser ganzen absurden Suchaktion wäre.
Dann springt er auf die Felsen. Da geht es auf der anderen Seite recht tief hinab, erinnert er sich. Sie sind mal hergewandert, kurz nach ihrem Umzug nach Élysée. Und danach waren sie dann nie wieder im Hamstetter Forst, soweit er sich erinnert. Das Glück, das man vor der eigenen Haustür hat und das alles.
Die Oberfläche der Steine ist glitschig und feucht und von großen Flecken dünnen Mooses bewachsen, was das Klettern zu einer echten Herausforderung macht. Unwahrscheinlich, dass das, was er hier tut, irgendeinen Sinn hat, aber wenn Norbert Jensen etwas macht, dann macht er es gründlich, schon aus Prinzip. Bloß muss man sich ja nicht zwangsläufig alle Knochen dabei brechen. Er lässt Vorsicht walten, als er weiter hinaufklettert, und schließlich ein Plateau erreicht. Er dreht sich um, sieht Helene unten stehen, winkt ihr kurz zu, sie winkt zurück, alles in Ordnung. Jensen lässt den Blick kurz schweifen. Baumwipfel ringsum, unter einem bleigrauen Himmel, hie und da steigt Nebel durch die Wipfel. Ein Vogel stößt ein träges Kreischen aus, das in der Ferne verhallt, dann ist es wieder vollkommen still.
Vielleicht sollten sie im Sommer noch mal hier herwandern, ein Picknick machen oder so, das könnte schön werden. Vielleicht würden sie Julian ja sogar mal wieder dazu bewegen können, sie zu begleiten, auch wenn Jensen das eher bezweifelt. In dem Alter wollen sie nun mal um keinen Preis mit den Eltern gesehen werden, da war er schließlich auch nicht anders.
Norbert Jensen beschließt, bis ganz nach oben zu klettern - falls das irgendwie möglich ist. Von dort oben sollte man einen guten Blick auf die Umgebung haben, und das könnte ihnen einige Zeit sparen. Also hält er nach einer einigermaßen begehbaren Route Ausschau und findet schließlich eine.
Er klettert los.
»Norbert!«, ruft Helene von unten, aber er ignoriert sie.
Das hier macht regelrecht Spaß, und ein bisschen Sport schadet nie, zumal er wegen der Suchaktion auf sein morgendliches Fitnesstraining an den Geräten im Keller verzichten musste. Er stützt sich auf einen etwas mehr als hüfthohen Felsen und stemmt sich dann hoch auf ein kleines Plateau, danach wird die Route wieder etwas leichter. Hier gibt es eine Art schmalen Felsvorsprung, auf dem man stehen kann. Ziemlich wacklig, aber an der rauen Wand daneben kann man sich gut festhalten, also klettert Jensen weiter.
Schließlich erreicht er das, was er von unten für den höchsten Punkt gehalten hatte. Es stellt sich heraus, dass dieser in Wahrheit gar kein Punkt ist, vielmehr ein längliches Plateau, eine Art Grat, auf dem man mit etwas Geschick entlangbalancieren könnte. Was Jensen nicht vorhat, es gibt schließlich einen Unterschied zwischen Mut und Leichtsinn. Aber ein kleines Stückchen wagt er sich dann doch noch weiter vor.
»Norbert?«, klingt das ferne Rufen seiner Frau von irgendwo unter ihm, jetzt deutlich mit einem Unterton von Besorgnis. Vielleicht ist es das, denkt Jensen für einen flüchtigen Augenblick, was uns Erwachsenen das Leben versaut. Diese ständige Sorge, irgendetwas könne schiefgehen, irgendetwas könne nicht exakt nach Plan laufen, dieses sinnlose Streben nach einem abstrakten Konzept namens Sicherheit. Nach der noch dickeren Mauer, dem noch volleren Konto, dem noch tiefer gegrabenen Bunker. Der Tod jeden Abenteuers, jeden Funken Lebens.
Er klettert noch ein kleines Stückchen weiter, die Arme jetzt ausgebreitet, um das Gleichgewicht besser halten zu können. Saugt die kühle Luft tief in die Lungen. Es ist nicht der Mount Everest, aber immerhin.
Ein Schritt noch.
Plötzlich rutscht sein rechter Fuß ab, er wirft seinen Körper herum, seine Hände fahren über die raue Felswand, finden eine Vertiefung, und sein Fuß steht wieder auf dem festen Stein.
Das war verdammt knapp, denkt Jensen, und spürt das Wummern seines Herzens in der Brust. Und doch lächelt er sanft. Adrenalin, das hat er schon länger nicht mehr gespürt. Viel zu lange. Als er sicher ist, dass er seinen festen Stand wiedergefunden hat, schaut er nach unten. In den Abgrund links von ihm, in den er jetzt, von seiner erhöhten Position, blicken kann. Ein Felsspalt, wo sich zwei der kolossalen Steinbrocken vor Urzeiten voneinander losgesagt haben, und tief in dieser scheinbar bodenlosen Schwärze sieht er etwas Blaues leuchten, eine Jacke, wie sich bei näherer Betrachtung herausstellt.
Er kneift die Augen zusammen, und das Lächeln auf seinem Gesicht erstarrt, als er die Strähnen schmutzig blonden Haars bemerkt.
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