Parasit

Alex Pohl · Kapitel 65 von 68

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Parasit

Kapitel 65

 

I n der Stadt teilen wir uns auf. Ich werde das Geschirr und die Thermoskanne von unserem üppigen Frühstücksbuffett zurück zum Bäcker bringen und Sophie will in der Zwischenzeit ein paar alte Kontakte wiederaufleben lassen, wie sie sagt. Handwerkerfirmen, meint sie, die dem bevorstehenden Großauftrag gewachsen sind und saubere Arbeit leisten. Es gibt Erkundigungen einzuholen, Angebote zu verhandeln, Preise festzulegen.

Ich kann es nicht glauben, es geht wirklich los!

Ich glaube zwar nicht, dass sie das alles tatsächlich in einer oder zwei Stunden zuwege bringen kann, aber ich bin froh, sie wieder voller Tatendrang und Optimismus zu erleben, und nach all der Zeit auch mal wieder ein paar Stunden ohne sie unterwegs zu sein. Nachdem ich das Geschirr bei der freundlichen Bäckersfrau abgegeben habe, beschließe ich, einen kleinen Abstecher in den süßen Buchladen zu machen, den es auf der einzigen Hauptstraße im Ort gibt, und schlendere anschließend mit einem Thriller von Kathy Reichs zurück zur Bäckerei, wo ich mich in die Ecke setze, einen großen Milchkaffee bestelle und zu lesen beginne. Der Roman ist ziemlich fesselnd und ich hoffe inständig, dass es okay für Sophie ist, dass ich den zu Ende lese, bevor ich offiziell mit ihrem Manuskript beginne. Was machen jetzt schon ein paar Tage, nachdem sie über ein Jahr daran gearbeitet hat, wenn nicht länger?

Als vor der Bäckerei ein kleiner Lieferwagen vorfährt, dem ein junger Mann entsteigt, muss ich lächeln. Auf der Seite des Lieferwagens steht: Handwerkerdienste aller Art. Genau das könnten wir doch gebrauchen, denke ich. Das Logo der Firma ist offenbar ein kleiner Hund mit einem Papierhut auf dem Kopf, der eine Leiter durch die Gegend trägt. Der junge Mann betritt die Bäckerei und bestellt einen Kaffee zum Mitnehmen. Die Verkäuferin nickt ihm lächelnd zu, als er eintritt und ich versenke mich wieder in mein Buch.

Ein paar Zeilen später räuspert sich jemand auffällig und als ich den Kopf hebe, steht der junge Mann vor meinem Tisch. Er ist ziemlich attraktiv, hat ein einnehmendes Lächeln, und trägt staubbedeckte Arbeitsklamotten, vermutlich kommt er gerade von irgendeiner Baustelle.

»Entschuldigen Sie«, sagt er. »Aber habe ich rein zufällig die Ehre mit der neuen Besitzerin der Startmann-Villa?«

Ich schaue von meinem Buch hoch und schenke ihm ein verwirrtes Stirnrunzeln.

»Wie bitte?«

»Die Tudorvilla im Wald«, sagt er. »Das Anwesen, das früher den Stratmanns gehört hat. Das ist jetrzt Ihrs, oder?«

»Nein«, sage ich. »Es gehört Sophie Stratmann. Ich wohne allerdings auch dort. Aber woher …?«

»Oh je, Sie müssen mich ja für furchtbar aufdringlich halten. Ich habe mich nur ein wenig umgehört im Ort und, o Mann, jetzt ist es mir richtig peinlich. Aber Sie beide leben jetzt dort, ja?« Er ist ziemlich neugierig, aber das stört mich nicht. Ich bin froh, mal wieder mit jemand anderem als Sophie reden zu können. Auch, wenn es – natürlich – um das Haus geht.

»Das tun wir, ja. »Wir ... na ja, wir sind jetzt die Stratmanns. Wir beide.«

Er mustert mich eine knappe Minute lang mit einem Ausdruck kompletter Verwirrung im Gesicht, während ich praktisch dabei zusehen kann, wie sein Gehirn versucht, meine Antwort in einen sinnvollen Kontext einzuordnen. Schließlich kapiert er es.

»Ach so!«, ruft er halblaut. »Sie und Sophie Stratmann …«

»Wir sind verheiratet, ja«, sage ich.

»Wow, das ist cool. Und jetzt wird mir auch alles klar. Schönes Gebäude übrigens, die Substanz ist ein Traum. Wussten Sie, dass es so gut wie keine Tudorvillen mehr in diesem Teil Deutschlands gibt? Jugendstil, klar, jede Menge. Sogar ein paar Barockschlösschen, wenn man das nötige Kleingeld dafür hat. Aber Ihr Haus, das ist echt eine Seltenheit. Und eine Schönheit noch dazu.« Während er das sagt, schaut er mir für den Bruchteil einer Sekunde intensiv in die Augen. Lächelt dabei. Flirtet er etwa mit mir? Nachdem ich ihm gerade erklärt habe, dass ich mit einer Frau verheiratet bin? Aber schmeichelnd ist es dennoch ein bisschen.

Ich reiche ihm die Hand.

»Emma Stratmann«, sage ich, und er schüttelt meine Hand. Die Innenflächen seiner Hände sind bei Weitem nicht so rau, wie man das von einem Handwerker erwarten würde, aber sein Händedruck ist fest.

»Nico Sperzig«, sagt er und strahlt mich an. »Handwerkerdienste aller Art. Herzlich Willkommen in …«

In diesem Moment, als unsere Hände noch verbunden sind, erstarrt mein Gesicht. Sophie ist neben der Tür der kleinen Bäckerei vor dem Schaufenster aufgetaucht und schaut zu uns herein. Nein, sie schaut nicht, sie starrt, und ihr Blick ist dabei der einer vollkommen Irren. Die Augenbrauen gefurcht wie die Karikatur des Bösewichts aus einem Superhelden-Comic, der Mund ein blutleerer Strich, die Mundwinkel nach unten gebogen, eine Hand hat sie flach an die Seite ihres Kopfes gelegt, um ihre Augen abzuschirmen.

Sie sieht aus, als würde sie gleich durch die Scheibe springen, mit einer Axt in der Hand.

Sie sieht aus, als hätte sie Mordgedanken.

Ich bin völlig geschockt, diesen Blick habe ich noch nie bei ihr gesehen. Ich hebe die Hand, um ihr zuzuwinken und löse sie dabei aus der von Nico Sperzig, dem Handwerker, der sie nicht sehen kann, weil er ihr den Rücken zugewandt hat. Sie erwidert meinen Gruß nicht, sondern löst sich jetzt von der Scheibe. Um reinzukommen und sich zu uns zu setzen, nehme ich an, aber ich irre mich. Sie bleibt einfach nur da draußen stehen und starrt mich an, als wolle sie mir gleich die Augen aus dem Kopf kratzen.

Nico dreht sich um, sieht sie und fragt: »Ist das Ihre Frau?«, doch bevor ich noch etwas dazu sagen kann, wirbelt sie auf den Absätzen herum und stakst davon. Sie sieht dabei aus wie ein durchgedrehtes Aufziehpüppchen. Nico sieht mich mit einem fragenden Gesichtsausdruck an, den ich ihm nicht verübeln kann.

»Moment bitte«, sage ich, stehe auf und trete auf die Straße. Während ich das tue, rede ich mir noch ein, dass ich mir ihr wutverzerrtes Gesicht vielleicht nur eingebildet habe. Eine ungünstige Reflexion auf der Fensterscheibe, oder vielleicht ist ja auch meine Fantasie mit mir durchgegangen.

Doch in diesem Moment schießt mein weißer Jeep an mir vorbei, wobei er mich beinahe von den Beinen fegt. Ich sehe gerade noch, dass tatsächlich Sophie am Steuer des Wagens sitzt, dann ist der Wagen auch schon in Richtung Wald davon gedüst, und ich bleibe hustend in einer Staubwolke zurück.

Was zur Hölle ist in sie gefahren?

Als ich mich wieder zur Bäckerei umdrehe, steht Nico in der Tür und sieht mich fragend an. »Alles klar bei Ihnen?«

»Klar, ich bin nur gerade von meiner Mitfahrgelegenheit versetzt worden.«

»Das tut mir leid. Soll ich Sie heimfahren?«

»Klar«, sage ich. »Das wäre nett. Sie kennen den Weg zur Villa?«

»Natürlich«, sagt er. »Wollen wir jetzt gleich los?«

»Nein«, sage ich und muss grinsen über den kleinmädchenhaften Trotz in meiner Stimme. Ich habe keine Ahnung, was Sophie da gerade durch den Kopf geschossen ist, aber ich bin nicht gewillt, ihr hinterherzurennen wie ein dummer, kleiner Schoßhund. Soll sie sich erstmal wieder einbekommen. Immerhin habe nicht ich sie versetzt, sondern sie mich. »Setzen wir uns wieder rein und plaudern wir noch ein bisschen«, schlage ich vor. »Wenn Sie Ihre Sache gut machen, finden wir bestimmt ein paar Jobs für Sie an unserem Haus. Dann können Sie sich das Gebäude in aller Ruhe anschauen.«

»Im Ernst?«, fragt er mit großen Augen. »Das wäre der Hammer! Das Haus ist echt ein Traum für jeden Handwerker!«

»Oder«, schlage ich aus einem spontanen Impuls heraus vor. »Wollen wir vielleicht was Stärkeres trinken gehen als Kaffee?«

Sophie kann warten.

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