Parasit
59. 6 Monate später
KAPITEL 59
6 MONATE SPÄTER
ÉLYSÉE, HEUTE
S chließlich war die Wahl auf die Grubers gefallen. Das Komitee der Bewohner von Élysée hatte wochenlang getagt und über den eingereichten Bewerbungen gebrütet, um zu entscheiden, wer ihre neuen Nachbarn sein würden. Als Sophie Stratmann und ihre Frau Emma verkündet hatten, sie würden dem Viertel den Rücken kehren, hatten sich alle betrübt gezeigt, doch die meisten atmeten insgeheim erleichtert auf. Damit würde diese ganze betrübliche Angelegenheit endlich vorüber sein, und nichts würde zurückbleiben, um die Anwohner an die tragischen Ereignisse um den Tod des armen Schulmädchens zu erinnern.
Das Haus von Viktor Neumann war von der Polizei noch nicht freigegeben worden, aber vermutlich würde das bald passieren. Gewisse Einwohner von Élysée hatten Kontakte, nicht unähnlich denen, die Neumann selbst gehabt hatte, und übten auf die übliche, diskrete Weise Druck auf gewisse hochrangige Beamte aus, damit das schnell passierte.
Nicht auszudenken, dass eine verfallende Ruine in Élysée zurückblieb, als ständiges Mahnmal für ... nein, man sprach nicht mehr darüber, es war besser so. Es war nie passiert, das war mittlerweile der allgemeine Konsens der lieben Menschen von Élysée.
Das zerstörte Mosaik über der Tür von Neumanns Villa war inzwischen vollständig entfernt worden - ersetzt durch eine weiße, glatte Fläche. Auch darüber redete niemand, auch die steinernen Eulenstatuen in den Vorgärten schwiegen sich beharrlich aus, wie es von jeher die Art der Eulen ist.
Nachdem die Umzugswagen der Familie Gruber, insgesamt waren es drei, ihre Last in das ehemalige Haus der Stratmanns entladen hatten, kehrte endlich die wohlverdiente Ruhe wieder in das Luxusviertel ein. Die Grubers fühlten sich auf Anhieb wohl und alle waren sich einig, mit ihnen eine gute Wahl getroffen zu haben. Hans Gruber war im oberen Management eines international agierenden Bankunternehmens tätig und seine Frau, Liana, war Hausfrau mit Leib und Seele. Grundsolide Leute also, und keine Künstler – oder gar Mörder, Gott bewahre!
Auch waren sie sehr gesellig und fanden sich schnell in die Gebräuche und kleinen Eigenheiten der Bewohner von Élysée ein. Besonders rührend war, dass Liana es sich nicht nehmen ließ, beinahe jeden Tag bei der armen, alten Martha vorbeischaute. Seit ihr Pudel Buster davongelaufen war, war die alte Frau nur mehr ein Schatten ihres früheren Selbst.
Liana Gruber hatte Sophie Stratmanns Pflanzkübel entfernen lassen, weil sie sie schrecklich unpraktisch und überhaupt viel zu groß fand; die meisten Nachbarn waren derselben Meinung. Warum sein Haus mit Pflanzen umgeben, die nur im Sommer wuchsen und in der kalten Jahreszeit in ein Gewächshaus verfrachtet werden mussten? Sie entschied sich für klassische Rosenbüsche, wie sie bei Martha wuchsen und nahm sich vor, sich bei der Gelegenheit ein neues Hobby zuzulegen: das Rosenzüchten. Dies fand großen Anklang bei den Frauen aus der Nachbarschaft, die versprachen, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Die alte Martha war besonders glücklich darüber. Immerhin war es ihr in jüngeren Jahren gelungen, eine eigene Gattung Bourbonrosen zu züchten, die sie Liane nun voller Stolz präsentierte. Dabei kam sogar ein bisschen von dem alten Frohsinn zurück in die Augen der Alten.
Als nun die jungen Rosenbüsche angeliefert wurden, machte sich Liana Gruber höchstpersönlich daran, die Erde an den betreffenden Bereichen zu lockern und den Boden für die Bepflanzung vorzubereiten. Ihr kleinster Sohn Jakob – die beiden älteren Töchter waren zu dem Zeitpunkt in der Schule – spielte mit einem kleinen Schaufelbagger in der losen Erde, als er plötzlich auf Widerstand stieß.
Interessiert grub er weiter und legte kurz darauf ein paar Knochen, frei, an denen noch Reste von stumpf gewordenem, lockigem Fell klebten.
»Mami, was ist das?«, fragte der Kleine unschuldig, und als Liana Gruber sah, was er da auszugraben im Begriff war, schickte ihn sie sofort ins Haus, wo Jakob sich gründlich die Hände waschen musste. Später erklärte sie ihm, es hätte sich um irgendwelche Wurzeln gehandelt, vielleicht von einem alten Baum.
Doch während Jakob im Haus war, schaufelte sie das Ding komplett aus der Erde. Es handelte sich um einen halb verwesten Hundekadaver, vermutlich den eines Pudels, aber sicher war sich Frau Gruber da aufgrund des fortgeschrittenen Zustands der Verwesung nicht. Angeekelt stopfte sie den Hundekörper in einen Plastiksack und Jakobs Spielzeugbagger gleich mit dazu. Später am Abend erzählte sie ihrem Mann davon, der beides am nächsten Tag auf dem Weg zur Arbeit fachgerecht entsorgte. Das Ehepaar beschloss, den Fund nicht weiter zu erwähnen, und bald hatte auch der kleine Jakob die ganze Sache vergessen.
Martha grübelte bis zu ihrem Lebensende über das Schicksal von Buster nach, dem drolligen Pudel, dessen jugendliches Temperament bisweilen nach einer besonderen Form der Züchtigung durch ihren starken Arm verlangt hatte. Aber das war natürlich nur zu Busters Bestem gewesen.
Schließlich hatte sie das Tier ja geliebt.
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