Parasit

Alex Pohl · Kapitel 50 von 68

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Parasit

Kapitel 50

 

S päter sitzt Schlesinger in seinem Mercedes, Harforch auf dem Sitzpolster hinter ihm, im Fond des Wagens. »Was halten Sie von dieser Vivian?«, fragt Harforch, der vermutlich inzwischen zu denselben Schlüssen wie Schlesinger gekommen ist, immerhin war der Mann jahrelang für die Kriminalpolizei tätig und ist alles andere als ein Dummkopf. Und genau wie Schlesinger weiß er, dass allein das Resultat zählt, und selten der Weg, wie man an dieses Resultat gelangt ist. Und offenbar weiß das auch Sophie Stratmann. Für den richtigen Lösungsweg gibt es höchstens in der Schule Extrapunkte.

»Ich denke, mit dieser Aussage könnten wir es fast schaffen«, sagt Schlesinger, nachdem er noch ein Weilchen darüber nachgedacht hat, und sieht Harforch auf der Rückbank im Innenspiegel nicken. »Ich denke, es genügt zumindest für berechtigte Zweifel an Emma Stratmanns Schuld. Hinzu kommt die Sache mit dem Streit, den die Nachbarn gehört haben.«

Harforch nickt. »Und niemand hat Mia danach aus dem Haus gehen sehen, oder?«

»Nein«, sagt Schlesinger. »Die Aussage, dass Mia nach diesem Streit davongelaufen ist, stammt von Neumann selbst.«

»Hinzu kommt, dass er der Schule gegenüber zwei Tage lang behauptet hat, sie läge krank im Bett.«

»Richtig«, sagt Schlesinger. »Das dürfte durchaus Zweifel an Neumanns Glaubwürdigkeit säen, wenn wir ihn erstmal in die Lage gebracht haben, sich verteidigen zu müssen. Dann wäre die Aussage dieser Vivian Lasalle, er habe sich an sie herangemacht, sozusagen das Sahnehäubchen auf dem Cappucino. Aber als erstes müssen wir rausfinden, ob Neumann nicht doch irgendeine Art von Alibi für diesen Abend hat. Wenn uns die Aussage dieser Vivian auf die Füße fallen sollte ...«

»Haben wir ein Risenproblem.«

»Schlimmer, Harforch. Dann geht Emma Stratmann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ins Gefängnis. Und das ist nichts, das ich in meinem Portfolio stehen haben möchte.«

»Verstehe.«

»Also müssen wir zunächst alle Zweifel an ihrer Aussage aus dem Weg räumen. Ich denke, darum sollten Sie sich kümmern, Harforch.«

»Mach ich.«

»Gut. Nehmen wir also mal an, Neumann hat tatsächlich kein Alibi für diesen Abend, sagen wir, zwischen sieben und acht Uhr dreißig. Der Streit mit seiner Tochter könnte also ausgeartet sein, und wir haben die aktenkundige Aussage, dass Neumann und seine Tochter sich des Öfteren und an diesem Abend ganz besonders heftig gestritten haben. Hinzu kommt, dass Mia Neumann sich in dieser Hinsicht auch Emma anvertraut hat. Aber diese Aussage ist wenig nützlich, solange Emma noch selbst unter Verdacht steht, fürchte ich. Dennoch, es gibt das Video, und es zeigt zumindest, dass Mia emotionale Probleme hatte, als sie mit Emma sprach.«

»Was bedeutet?«

»Nun, es bedeutet, dass ich das Video inzwischen nicht mehr unter »komplett negativ«, sondern unter »neutral« verbuchen würde. Man kann das so oder so auslegen. Durchaus auch zu unseren Gunsten.«

»Verstehe«. Harforch stößt ein leises, beinahe verächtliches Schnaufen aus, das auch ein Lachen sein könnte. »Sagen Sie, glauben Sie dieser Vivian die Geschichte mit der versuchten Vergewaltigung? Ich meine, es lässt Neumann zwar nicht gerade sympathisch erscheinen, aber ist das nicht doch ein bisschen dick aufgetragen?«

»Es spielt keine Rolle, was ich glaube oder nicht glaube, Harforch. Wichtig ist nur, dass die Zeugin auch vor Gericht bei ihrer Geschichte bleibt. Schon mal als Charakterzeugnis, was Neumann betrifft, und dann ist da natürlich noch der schwere Gegenstand, in Plastik gehüllt, den er im Kofferraum seines Wagens verstaut hat.«

»Hm. Und Sie glauben, das genügt, um Emma Stratmann komplett zu entlasten?«

Schlesinger überlegt, dann sagt er: »Schwer zu sagen.«

»Das heißt, wir bräuchten idealerweise noch mehr konkrete Verdachtsmomente gegen Neumann. Irgendetwas, um den Stein ins Rollen zu bringen. Etwas, um ihn auf dem Radar der Polizei auftauchen zu lassen.«

»Das wäre vermutlich gut, ja.«

»Gibt es Kameras hier auf dem Gelände?«

Schlesinger schüttelt den Kopf. »Nein, die Bewohner haben sich einhellig dagegen ausgesprochen. Es gibt welche draußen vor dem Tor, das ist alles. Sie wollen sich hier schließlich nicht wie in einem Überwachungsstaat vorkommen, das hat Sophie mir mal erzählt. Verständlich, vermutlich.«

»Gut«, sagt Harforch. »Dann habe ich da vielleicht eine Idee.«

Mit diesen Worten steigt er aus dem Wagen.

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