Parasit

Alex Pohl · Kapitel 48 von 68

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Parasit

Kapitel 48

 

EMMA

 

UNTERSUCHUNGSHAFT FRANKFURT,

HEUTE

 

M ir ist seit Tagen speiübel, ich bekomme kaum einen Bissen runter. Vielleicht sollten mal ein paar Illustrierte von diesem Diät-Tipp berichten: Ein paar Tage Knast tun Wunder für Ihre Figur, da purzeln die Pfunde nur so, ha ha.

Okay, das hier ist nicht der Knast. Nicht das richtige Gefängnis, das sage ich mir immer wieder. Wiesner hat mich in Untersuchungshaft überstellt, das ist alles. Hier kommen Menschen hin, die einer Straftat verdächtigt werden, die ihnen aber noch nicht nachgewiesen wurde. Lediglich Verdächtige, keine überführten Straftäter. Und schließlich kann man aller möglichen Dinge verdächtigt werden, ohne dass auch nur ein bisschen davon der Wahrheit entsprechen muss.

Auch das sind Tatsachen.

Wiesner war sehr nett und höflich, als er mir das mitteilte. Nur bis zur Klärung der Angelegenheit, das waren seine Worte. Bloß frage ich mich, wie lange genau das seiner Meinung nach sein wird. Ein paar Tage? Wochen? Monate? Ich glaube, mich zu erinnern, irgendwo gelesen zu haben, dass es einen maximalen Zeitraum gibt, den ein Verdächtiger in Untersuchungshaft sitzen darf. Und danach? Lässt man ihn dann gehen, einfach so? Weil seine Unschuld dann automatisch erwiesen ist? Im Zweifel für den Angeklagten und das alles?

Wohl kaum.

Ich sollte Schlesinger danach fragen.

Andererseits, wie viele wirklich Unschuldige landen hier wohl überhaupt? Ich frage mich, ob es nicht doch eine bloße Formalität ist, dass man jemanden hier einsperrt, weil man bis zum Abschluss der Untersuchungen keine anderen strafrechtlichen Möglichkeiten hat, diesen Verdächtigen festzuhalten. Denn hier landen natürlich nur Verdächtige, bei denen man befürchtet, sie könnten die Untersuchungen beeinflussen, wenn man sie frei draußen herumlaufen ließe. Beweismittel verschwinden lassen, oder selbst verschwinden, solche Sachen.

Nicht unbedingt Dinge, die nach einer Unschuldsvermutung klingen.

»Dies ist keine Zeugenbefragung, Emma.« Auch das hat Wiesner mir bei unserem letzten Gespräch gesagt. Nein, eine Zeugin bin ich längst nicht mehr, und eine Unschuldige schon gar nicht.

Nicht in Wiesners Augen, jedenfalls.

Wie bin ich nur in diesen Schlamassel geraten? Wiesner hält mich für die Mörderin von Mia Neumann, und wenn kein Wunder passiert, wird ihn nichts und niemand mehr davon abbringen können, diesen Standpunkt auch der Staatsanwaltschaft darzulegen, die sie dann wiederum an einen Richter herantragen wird. Also hoffe ich auf ein Wunder, denn was bleibt mir anderes übrig?

Hoffe, dass es den vereinten Anstrengungen von Schlesinger und seinen mehr oder weniger offiziellen Mitarbeitern gelingen wird, Simon zu finden und ihn dazu zu bringen, dass er mein Alibi bestätigt. Ohne, dass Sophie davon erfährt. Was für eine beschissene Lage. Was für ein beschissener Strohhalm, nach dem wir hier greifen müssen.

Ich begreife einfach nicht, wie es möglich war, mein Leben innerhalb von ein paar Tagen so derart in die Scheiße zu reiten. Ich sollte nicht fluchen, nicht mal in Gedanken. Kraftausdrücke sind ein Zeichen von Schwäche, sagt Sophie, und was man denkt, das tut man auch, früher oder später. Wie immer hat sie auch damit vermutlich recht.

Ein Summen ertönt draußen auf dem Gang, dann das Geräusch eines schweren Schlüssels, der in die Tür zu meiner Zelle gesteckt wird. Dann öffnet sich die Tür und die Wärterin betritt den Raum. Sie ist eine untersetzte Frau mit schwarzem Haar, das zu einem derart strengen Pferdeschwanz zurückgebunden ist, dass man denkt, ihre Gesichtshaut würde jeden Moment einreißen. Bloß ihre Mundwinkel scheinen von dieser stetigen Rückwärtsbewegung ihrer Gesichtsmuskeln ausgenommen zu sein. Ihr Mund ist ein dünner Strich in der kargen Landschaft ihres Gesichts.

»Besuch«, sagt sie nur, und ich nicke. Inzwischen kenne ich das Procedere. Ich stehe auf, sie tritt beiseite, und ich gehe an ihr vorbei, bis ich die Tür erreicht habe.

Dort bleibe ich stehen und warte auf ihr Okay.

»Weiter!«, sagt sie, und ich trete auf den Flur, wo weiteres Wachpersonal steht, heute ein Mann mit einem fruchtbar gelangweilt wirkenden Gesicht, den ich noch nicht hier gesehen habe, oder ich habe es vergessen. Handschellen muss ich jedenfalls keine tragen, offenbar gelte ich nicht als gefährlich. Oder jedenfalls nicht als so gefährlich. Nachdem sie die Tür zu meiner Zelle wieder verschlossen hat – warum auch immer, denn diese ist ja jetzt leer – tritt die Beamtin seitlich hinter mich und fordert mich auf, weiterzugehen, bis wir schließlich vor Besuchsraum 2 stehen. Es gibt zwei davon, aber das Innere von Besuchsraum 1 habe ich noch nie gesehen. Nicht, dass ich besonderen Wert drauf lege.

Sie öffnet auch diese Tür, die nicht verschlossen ist, und lässt mich eintreten. Drinnen steht Doktor Schlesinger vor einer ausgesprochen simplen Sitzgarnitur; einem Tisch und zwei Stühlen, alles fest mit dem Boden verschraubt. Er kommt auf mich zu und streckt mir in einer herzlichen Geste seine Hände entgegen, dann zieht er mich in seine Arme. Seine Umarmung tut gut. Jede menschliche Berührung hier drinnen ist ein Highlight. Erst in diesem Moments spüre ich, wie sehr mir das gefehlt hat: Menschliche Berührungen, Kontakt. Ein Lächeln, eine nette Geste. Darauf zu verzichten, ist beinahe noch schlimmer als das Eingesperrtsein, das Weggesperrtsein.

Ich weiß nicht, wie lange ich das noch ertragen kann.

Ich weiß auch nicht, warum Sophie sich noch nicht hat blicken lassen. Schämt sie sich etwa? Glaubt sie, ich könnte tatsächlich ... nein, das ist ausgeschlossen. Sie kennt mich viel zu gut, um mir ernsthaft einen Mord zuzutrauen. Ich sollte Schlesinger danach fragen, sicher hat sie gute Gründe für ihr Fernbleiben.

Die Wärterin schließt die Tür hinter mir, und ich höre, wie sie auf dem Flur ein paar Schritte geht, bis sie eine Position erreicht hat, von der aus sie die Tür gut im Blick hat. Nur für den Fall vermutlich, dass mein Anwalt und ich uns für eine Flucht nach vorn entscheiden sollten, à la Bonnie und Clyde. Sie muss dabei so stehen, dass sie nicht sehen kann, was hier drin vorgeht, das ist gesetzlich vorgeschrieben, auch das hat Schlesinger mir erklärt.

Doktor Schlesinger, wie immer ganz der Gentleman, wartet, bis ich mich gesetzt habe, bevor er mir gegenüber Platz nimmt. Sein professionelles Lächeln kann nicht über die leicht geröteten Augen und die dunklen Augenringe über seinem weißen Schnurrbart hinwegtäuschen. Er hatte viel zu tun in letzter Zeit, und der Grund bin ich. Und vermutlich wird er unheimlich viel Geld verdient haben, wenn das hier vorbei ist. Sophies Geld, wohlgemerkt. Ich komme mir so schäbig vor, dass ich für einen Moment fast versucht bin, an das zu glauben, was Neumann mir damals am Gartenzaun an den Kopf geworfen hat. Schmarotzerin, Parasit, Nutte.

All das geht mir nicht zum ersten Mal durch den Kopf, seit ich hier drin bin.

Ich hoffe, dass Schlesinger endlich gute Nachrichten in Bezug auf Simon hat.

Hat er aber nicht.

»Simon Schwarz ist nicht auffindbar«, sagt er. »An der Schule glaubt man, er sei über die Ferien in Urlaub gefahren.«

Simon? In Urlaub? Das kann ich mir nur sehr schwer vorstellen. Er ist nicht der Typ für sowas, und er hat keine Familie oder Kinder, soweit ich weiß. »Ja, aber ... was soll das denn heißen, nicht auffindbar?«, stammele ich. »Er hätte mir doch bestimmt was gesagt, wenn er länger irgendwohin fährt, und, ich meine ... er ist nun wirklich nicht der Typ für zwei Wochen Pauschalurlaub am Strand.«

Schlesinger nickt bedächtig. »Sehen Sie, Emma, ich glaube ebenfalls nicht, dass Simon Schwarz tatsächlich in den Urlaub gefahren ist«, sagt er dann. »Und wenn, dann hat er vermutlich nicht vor, allzu bald zurück zu kommen.«

»Was, wieso glauben Sie das?« Meine Kehle ist plötzlich ganz trocken, wie zugeschnürt. Aus Sorge um ihn? Oder weil mir in diesem Moment klar wird, dass mein letzter Strohhalm, das Alibi, das er mir hätte geben können, sich damit gerade verflüchtigt hat? Offenbar im wahrsten Sinne des Wortes.

»Wussten Sie, dass Simon ebenfalls in Drogengeschäfte verwickelt ist?«

»Was?«, schnappe ich. »Simon und Drogen? Nein, vollkommen ausgeschlossen. Er ist ein toller Lehrer, die Schüler lieben ihn.«

»Das bezweifle ich auch nicht, Emma.«

»Nein, wirklich«, beharre ich. »Ich kann mir das beim besten Willen nicht vorstellen.«

»Ich vermute, so ziemlich genau dasselbe haben auch Julian Jensens Eltern gesagt, als man ihren Sohn festgenommen hat, wegen Drogenbesitzes und dringendem Mordverdacht. Ich meine ...«

»Herrgott, dann hat der Junge sich eben ein bisschen Meth besorgt, um vor seinen Freunden anzugeben. Aber wie kommen Sie jetzt plötzlich auf organisierten Drogenhandel, und dass auch Simon etwas damit zu tun haben könnte?«

»Ich kann Ihnen momentan leider nicht genauer sagen, woher ich diese Information habe, aber es geht um dieselbe Art von Drogen, die Julian im Wald versteckt hat, unweit des Forsthauses, das Simon Schwarz bewohnt. Crystal Meth. Allem Anschein nach scheint er noch in weit größerem Umfang darin verwickelt zu sein als Julian Jensen. Vermutlich hat er den Schüler beliefert, und wer weiß, wen noch.«

»Ich kann das nicht glauben.«

»Ich verstehe, Emma«, sagt er im Brustton väterlichen Verständnisses und ruft mir damit eindrucksvoll ein weiteres Mal ins Gedächtnis, dass er ja bereits um meine Affäre mit Simon weiß. Meine außereheliche Affäre mit einem Kerl, der allem Anschein nach Drogen an Kinder vertickt hat. Wie muss mich das in Schlesingers Augen erscheinen lassen?

Nutte. Parasit. Schmarotzer.

»So, wie ich die Sache sehe«, sagt Schlesinger, »hat das im Moment eher wenig mit Ihrer Situation zu tun. Fakt ist aber leider, dass wir damit jetzt auch keinen Zeugen mehr haben, der Ihr Alibi bestätigen könnte, und dass ich auch nicht damit rechne, dass sich daran allzu bald etwas ändern wird.«

»Aber ...«

»Meine Leute suchen bereits intensiv nach Simon Schwarz, und außerdem habe ich das bestimmte Gefühl, dass sich auch die Polizei in nächster Zeit für den Verbleib von Herrn Schwarz interessieren wird. Aber selbst, wenn meine Leute oder die Behörden ihn finden, wird er dann alles andere als ein verlässlicher Zeuge im Sinne eines Alibis für Sie sein. Zudem besteht damit eine überaus plausible Möglichkeit, dass er selbst aktiv in Mias Tod verwickelt ist.«

Ich starre Schlesinger nur an, zu mehr bin ich nicht fähig. Nachdem er mir gerade eröffnet hat, dass mein One-Night-Stand ein drogendealender Lehrer ist, soll er nun auch noch etwas mit Mias Tod zu tun haben? Ich hasse die Vorstellung. Und den kleinen Teil von mir, der sich jetzt schon fragt, ob ich daraus vielleicht einen Vorteil ziehen könnte. Ob es Schlesinger gelingen könnte, jemand anderen zum Sündenbock zu machen. Notfalls sogar Simon. Ärgerlich verbiete ich mir, weiter in diese Richtung zu denken. Meine Übelkeit, die sich gerade etwas gelegt hatte, wird wieder schlimmer.

»Sie sagten aus, dass Mia Ihnen ein Geheimnis verraten wollte, und dass sie glauben, es könnte dabei um das Konsumieren von Drogen an den Felsen im Hamstetter Forst gegangen sein.«

»Stimmt.«

»Nun, es wäre doch denkbar, dass außer Julian Jensen noch weitere Schüler ebenfalls in den handel mit Crytal Meth verwickelt waren, richtig?«, fragt Schlesinger. »Und damit meine ich, weitere Kinder aus Élysée. Die Kinder sehr vermögender Eltern, aber ohne jegliche Kontakte zu den üblichen Bezugsquellen. Es wäre demnach ein ziemlich einträgliches Geschäft. Sozusagen ein monoploistisches.«

»Ja, und?«

»Nun, wenn Simon Schwarz dieser monopolistische Großhändler war und davon Wind bekommen hätte, dass Mia Neumann alles auffliegen lassen wollte, dann hätte er ein ziemlich plausibles Motiv gehabt, sie zum Schweigen zu bringen, bevor sie Ihnen oder, schlimmer noch, ihrem Vater, mehr von der Sache erzählen konnte. Außerdem steht sein Haus in der Nähe der Felsspalte, und niemand weiß, wo er sich zur Tatzeit aufgehalten hat. Er selbst kann diese Vorwürfe ja momentan auch nicht aus dem Weg räumen, da er sich ja aus dem Staub gemacht hat, was ebenfalls ziemlich verdächtig wirkt. Er ist so schnell und so gründlich untergetaucht, dass die Polizei praktisch gar nicht anders kann, als zu glauben, dass er vor irgendetwas davonrennt. Verstehen Sie, worauf ich hinauswill, Emma?«

»Aber er hätte nie ... ich kann mir das einfach nicht vorstellen. Sie war doch seine Schülerin!« Andererseits, wie gut ist meine Menschenkenntnis wirklich, nach allem, was ich gerade über Simon erfahren habe? Sein lockeres Auftreten und eine gemeinsame Zigarette haben immerhin genügt, dass ich in seinem Bett gelandet bin.

»Es mag schwer vorstellbar sein, ja. Aber solange er nicht persönlich auftaucht und die Polizei vom Gegenteil überzeugen kann, bleibt das eine überaus plausible Möglichkeit.«

»Könnte das für uns nützlich sein?«, frage ich vorsichtig. Und hasse mich dafür.

»Das könnte es durchaus«, sagt Schlesinger nachdenklich. »Aber dieser Weg würde erhebliche Risiken beinhalten. Wenn Simon Schwarz beispielsweise plötzlich doch wieder auftaucht und ein Alibi für die Tatzeit hat. Oder, wenn es nicht gelingt, ihn ausfindig zu machen, bis Ihr Verfahren beginnt. Emma, ich müsste mir absolut sicher sein, dass er tatsächlich etwas mit Mias Tod zu tun hat, bevor ich in Erwägung ziehen kann, diese Route in Ihrem Interesse einzuschlagen. Können Sie mir irgendetwas sagen, das die Polizei zweifelsfrei von Simons Schuld an Mias Tod überzeugen würde? Immerhin haben Sie ja gerade noch behauptet, Sie wären zur wahrscheinlichen Tatzeit mit ihm zusammen gewesen.«

»Nein, kann ich nicht«, sage ich und schüttle den Kopf. Ich kann es mir ja noch nicht mal vorstellen, wie soll ich es da beweisen können? »Und es stimmt, wir waren zur Tatzeit zusammen.«

»Okay, gut«, sagt er und atmet seufzend aus. »Dann kommen wir jetzt zum eigentlichen Problem, Emma. Und ich fürchte, das ist weit dringender.«

Was denn noch? Mein Herz geht komplett auf Grundeis, ich kann förmlich spüren, wie sich eine dicke Eiskruste darum bildet, die es einzwängt und am Schlagen hindern will.

»Und was ist das für ein Problem?«, frage ich matt.

»Julian Jensen ist vor wenigen Minuten vollständig entlastet worden, was den Mord an Mia Neumann betrifft.«

»Was?!«

Die Eiskruste drückt unerbittlich und schmerzend zu, ich bekomme kaum noch Luft und der einzige Grund, aus dem ich mich nicht vor Schlesingers Augen übergebe, ist vermutlich der, dass ich von meinem letzten Essen, zerkochte Gemüsepampe, gerade mal ein paar Löffel herunterwürgen konnte.

»Ja«, sagt Schlesinger und nickt betrübt. »Hauptkommissar Wiesner hat mich erst vorhin davon in Kenntnis gesetzt, was man ihm übrigens hoch anrechnen muss – er hätte uns diesbezüglich auch voll ins offene Messer laufen lassen können. Wie auch immer, es erscheint der Polizei – und ich zitiere – nun nicht länger plausibel, dass Julian Jensen etwas mit dem Tod von Mia Neumann zu tun gehabt hat. Jedenfalls nicht direkt. Zitatende.«

Einerseits bin ich beinahe erleichtert über diese Neuigkeit, aber gleichzeitig spüre ich, wie der Schock der Erkenntnis unerbittlich auf mich zurollt, beinahe wie in Zeitlupe. Ich hätte Julian nie zugetraut, ein Mörder zu sein, oder Mia auch nur im Affekt hinabgestoßen zu haben. Dass er etwas mit harten Drogen zu tun haben könnte, hätte ich mir bis vor Kurzem allerdings auch nicht vorstellen können, und jetzt als Zugabe noch diese Sachen über Simon. Wie gut kenne ich die Menschen in meiner Umgebung eigentlich? Gar nicht gut, lautet offenbar die Antwort. Ich habe keinen blassen Schimmer, wer sie in Wirklichkeit sind.

Oder vielleicht auch, wer ich in Wirklichkeit bin.

»Julian Jensens Anwalt hat sich die Aufnahmen der Überwachungskameras vom Tor Ihrer Wohnanlage besorgt«, fährt Schlesinger fort, aber ich höre nur noch mit einem halben Ohr hin, meine Konzentrationsfähigkeit ist so gut wie erschöpft. »Es gibt ein Video von Julian, mit einem Zeitstempel darauf. Auf dem ist zu sehen, dass Julian Jensen um 19:35 Uhr durch das Tor aus der Anlage nach draußen geradelt ist. Er kann daher unmöglich bereits um 19:40 Uhr vor Ort gewesen sein, als Mias Handy in die Felsspalte fiel. Die Strecke schafft man nicht mal mit dem Auto in fünf Minuten.«

»Aber er könnte ...«

»Natürlich gibt es die Möglichkeit, dass Mias Handy schon vorher kaputtging«, unterbricht mich Schlesinger, und spüre ich da nicht einen ganz leichten Anflug von Ungeduld in seiner Stimme? »Aber wie wahrscheinlich ist das wirklich, Emma? All das erscheint nun leider ziemlich weit hergeholt angesichts der Tatsache, dass Sie nachweislich zur Tatzeit in der Nähe der Felsen waren und uns im Moment jede Möglichkeit fehlt, die Polizei von den daraus folgenden Schlüssen abzuhalten. Nicht, wenn die ein Video haben, auf dem zu sehen ist, wie Mia nach einem heftigen Streit mit Ihnen emotionsgeladen davonläuft. Das passt einfach alles viel zu gut zusammen – zumindest in Wiesners Augen.«

»Aber wir haben uns nicht gestritten!«

»Ich weiß das, Emma, und Sie wissen das. Aber ich kann mir nur zu gut vorstellen, auf welche Weise die Staatsanwaltschaft dieses Video vor Gericht präsentieren wird. Ich habe es mir mehrfach selbst angesehen. Sofern es nicht durch ein Wunder gelingt, die Tonspur der Aufnahme hörbar zu machen, kann man es letztlich auslegen, wie man will. Und angesichts der Umstände ... Nun, ich will ganz offen sein, Emma. Es sieht nicht gut aus. Überhaupt nicht gut.«

Ganz leise frage ich: »Und wenn ich es nun zugebe? Wenn ich sage, dass ich eine kurze Affäre mit Simon hatte, und bei ihm im Forsthaus war, um Schluss zu machen, als es geschah?« - Es wäre das Ende meiner Beziehung. Meiner Ehe mit dem einen Menschen, den ich wirklich liebe. Aber wenigstens müsste ich dann nicht den Rest meines Lebens im Gefängnis verbringen. Eingesperrt in eine Zelle mit anderen Frauen, die tatsächlich Morde auf dem Gewissen haben. Die wer weiß was mit mir anstellen würden.

Wie lange würde ich in so einer Umgebung durchhalten?

Wie lange könnte ich dort überleben?

Schlesinger schüttelt den Kopf. »Ich glaube nicht, dass Wiesner oder irgendein Richter Ihnen eine Affäre abnehmen würde, bloß, weil Sie das behaupten. Nicht ohne weitere Beweise, und schon gar nicht, wenn Sie jetzt plötzlich genau im passenden Moment damit um die Ecke kommen. Es wäre der schlechtestmögliche Zeitpunkt, Emma, weil man Ihnen schlicht unterstellen würde, Sie oder wir beide hätten uns das spontan ausgedacht, als uns klar geworden ist, dass Sie nunmehr die einzige Hauptverdächtige in einem Mordfall sind. Hätten Sie Wiesner gleich die ganze Wahrheit erzählt, wäre es vielleicht etwas Anderes gewesen, aber selbst dann ...«

»Aber es ist die Wahrheit, verdammt noch mal!«, rufe ich, während mir die Tränen in die Augen schießen. »Zählt das denn überhaupt nichts?«

»Die Wahrheit, liegt mithin im Auge des Betrachters, fürchte ich. Und ohne Simon Schwarz, der Ihr Alibi bestätigt, würde ich absolut davon abraten, alles auf diese eine Karte zu setzen. Wir werden ihn finden, Emma. Wir oder die Polizei. Aber wann wir ihn finden werden, steht momentan leider noch völlig in den Sternen. Es gibt keinen einzigen Hinweis auf seinen Verbleib, nicht mal sein Wagen ist irgendwo aufgetaucht, und glauben Sie mir: Meine Leute suchen sehr gründlich.«

»Was ... was mache ich denn jetzt nur?« Tränen kitzeln an meinen Wangen, aber ich habe nicht mal mehr die Kraft, sie wegzuwischen.

»Sie behalten zunächst vor allem Ihren Mut«, sagt Schlesinger. »Kopf hoch, Emma! Heute Abend werden wir Kriegsrat halten, Sophie und ich. Außerdem noch Herr Harforch, den Sie ja bereits kennen. Machen Sie sich keine Sorgen, wir holen Sie hier raus. Allerdings brauchen wir jetzt eine neue Strategie. Und wir werden eine finden, verlassen Sie sich darauf.«

Zum Abschied drückt er mir die Hand, dann verlässt er die Zelle.

Irgendwie schaffe ich es, aufzustehen und mir mit den Ärmeln meines unförmigen grauen Sweatshirts die Tränen von den Wangen zu wischen, aber es kommen gleich neue nach. Ich bekomme kaum mit, wie die Wachbeamtin den Besprechungsraum betritt, und mich dann zurück in meine Zelle führt, wo ich völlig fertig auf der Pritsche zusammenbreche, die an der Wand befestigt ist. Zu schwach zum Sitzen, falle ich einfach auf die Seite und ziehe die Beine an den Körper, während meine Tränen ungehemmt über mein Gesicht laufen und auf dem kargen Betonboden unter mir zerplatzen.

Wie meine Träume, und wie mein Leben.

Plitsch, platsch, aus und vorbei.

Irgendwann fehlt mir die Kraft, die Augen aufzuhalten, doch bevor ich einschlafe, denke ich einen letzten tröstlichen Gedanken. Wenigstens kann ich Sophie jetzt ersparen, dass sie von diesem peinlichen Ausrutscher mit Simon erfährt. Aber es ist ein schwacher Trost, wenn ich dafür ins Gefängnis muss.

Dann denke ich gar nichts mehr.

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