Parasit
Kapitel 33
»O kay«, sagt Wiesner, der sich inzwischen wieder einigermaßen gefasst hat. »Lassen Sie mich das bitte noch mal zusammenfassen. Dieser Mathieu, ein Franzose, ist also betrunken auf eine Aussichtsplattform geklettert, von wo aus er in den Tod gesprungen ist. Emma Wagner und Sophie Stratmann waren mit ihm befreundet, weshalb man sie später als Zeugen befragt hat.«
»So steht es in der Akte, ja. Aber natürlich ist das kompletter Schwachsinn.«
»Wieso glauben Sie das, Herr Neumann?«
»Die beiden haben mit diesem Mathieu in einer Art Studenten-WG zusammengewohnt, zwei junge Frauen und ein Kerl. Ist doch klar, dass es da irgendwann Ärger geben musste. Laut ihrer Aussage war Emma Wagner damals seine feste Freundin, und die Stratmann eine gemeinsame Freundin des Paars. Na klar, wer’s glaubt.«
»Aber die Polizei hat einen Suizid festgestellt, das geht aus der Akte hervor, wenn ich das richtig verstanden habe, nicht wahr?«
»Ja, so steht es da drin. Und zwar hauptsächlich aufgrund der Aussagen von Emma Wagner und Sophie Stratmann. Und wegen des Notizbuchs, das man in der Jackettasche von diesem Mathieu gefunden hat. Darüberhinaus hat sich die ermittelnde Behörde so für rein gar nichts interessiert, was ebenfalls deutlich aus der Akte hervorgeht, wenn man ein bisschen zwischen den Zeilen lesen kann. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber diese französischen Dorfbullen wollten die Sache einfach vor dem Mittagessen vom Tisch haben, das ist völlig klar. Und halten Sie sich bitte vor Augen, dass Frau Stratmann – also ich meine natürlich Sophie – recht vermögend ist, und das war sie auch damals schon.«
»Sie glauben, Sie hat jemanden bestochen? Die französische Polizei?«
»Das weiß ich nicht, aber diese Akte ist von vorne bis hinten eine einzige Schluderei, so viel steht fest.«
»Hm«, sagt Wiesner und wartete ab, was da noch kommen würde. Bis jetzt war es jedenfalls nicht viel, fand er, außer haltlosen Mutmaßungen. Und jeder Menge Wut.
»Man sollte dieses Notizbuch zum Beispiel mal einem graphologischen Sachverständigen zeigen«, fuhr Neumann fort. »Und der sollte dann prüfen, ob der letzte Eintrag in dem Tagebuch dieses Mathieu tatsächlich von der selben Person stammt wie die davor. Ich bezweifle das nämlich«
»Glauben Sie nicht, dass die französischen Kollegen das alles schon gemacht hätten, wenn ihnen Zweifel am Hergang des Geschehens gekommen wären?«
»Ja, wenn!«, sagt Neumann. »Entschuldigen Sie, Herr Hauptkommissar, aber Ihre so genannten Kollegen aus der französischen Provinz wollten einfach keine Ungereimtheiten sehen, das sieht jeder, der sich auch nur ein bisschen eingehender mit dieser vorgeblichen Ermittlungsakte befasst. Schwamm drüber, und auf in den Feierabend!«
»Okay«, schlägt Wiesner vor. »Dann würde ich diese Akte gern übersetzen lassen, und mich dann eingehend damit befassen. Und anschließend werde ich mir überlegen müssen, wie ich erkläre, dass ich auf die Idee gekommen bin, mich mit der Vergangenheit der Stratmanns zu befassen, und das ausgerechnet in Frankreich.«
»Da machen Sie sich mal keine Sorgen«, sagt Neumann vieldeutig. »Aber vor allem sollten Sie jetzt diese Emma Stratmann umgehend festnehmen. Immerhin hat sie meine Tochter auf dem Gewissen.«
»Das ist eine ziemlich schwere Anschuldigung, Herr Neumann. Und ich sehe nicht, dass diese französische Fallakte ausreichen würde, um …«
»Was brauchen sie denn noch?«, tobt der Oberstaatsanwalt. »Sie haben doch das Video gesehen! Irgendetwas lief da zwischen der Wagner und meiner Tochter, und dabei ging es ganz sicher nicht um meine Erziehungsmethoden. Mia muss irgendetwas herausgefunden haben, das Emma Wagner gar nicht in den Kram gepasst hat, also hat sie sie zur Felsspalte gelockt und sie dann da reingestoßen, genau wie sie damals diesen Mathieu von der Aussichtsplattform geschubst hat, um mit ihrer neuen Flamme durchzubrennen.«
»Aber dafür gibt es doch nicht den geringsten ...«, will Wiesner ansetzen, aber Neumann, der jetzt erst so richtig in Fahrt kommt, wischt den Einwand einfach fort.
»Die Wagner kommt aus dem Nichts, Herr Wiesner, ich habe das überprüft. Die Eltern stottern seit zwanzig Jahren irgendeine Bruchbude ab, die sie sich eigentlich nicht leisten können, und die feine Frau Tochter lässt es sich auf Kosten ihrer Ehefrau hier in Élysée gutgehen, ausgerechnet. Und da wollen Sie mir ernsthaft erzählen, Sie glauben noch an Zufälle? Diese Emma Wagner ist kreuzgefährlich, das sage ich Ihnen! Es würde mich nicht wundern, wenn Sophie Stratmann die nächste ist, der ein seltsamer Unfall zustößt.«
Wiesner findet, dass der Herr Oberstaatsanwalt da gehörig über die Stränge schlägt, offenbar geht seine Fantasie mit ihm durch, und aus irgendeinem Grund hat er sich dabei wohl auf Emma Stratmann, geborene Wagner, eingeschossen. Aber selbst, wenn Wiesner diese Ansicht nicht teilt, gibt ihm die französische Akte zu denken und zumindest in einem Punkt hat der Herr Oberstaatsanwalt recht.
Er wird sich dringend noch einmal mit Emma Stratmann unterhalten müssen.
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