Parasit
Kapitel 10
I ch starre auf das Mosaik über der Tür zur Villa der Neumanns, während wir darauf warten, dass der große Zampano uns in sein Reich einlässt. Es stellt einen Raubvogel dar, der seine Schwingen ausbreitet, bereit, sich auf jeden unerwünschten Besucher herabzustürzen, aber vielleicht ist das nur meine Interpretation des Bildes. Es ist eine Eule, und in ihren Krallen trägt sie irgendein weißes Beutetier. Ein reichlich bizarrer Wandschmuck, könnte man meinen. Aber nur, wenn man Viktor Neumann nicht kennt. Ich wette, der Kerl hat ein Jagdzimmer, und an den Wänden jede Menge Elchgeweihe, Elefantenstoßzähne und Tigerköpfe. Ihn könnte ich mir gut bei einer Safari vorstellen, wie er aus der Sicherheit seines Jeeps heraus auf wehrlose Tiere ballert, die vom Aussterben bedroht sind. Genau das wäre sein Stil.
Dann öffnet sich die Tür.
Ich hätte mit vielem gerechnet, aber ganz sicher nicht damit, dass Viktor Neumann uns freundlich anlächelt, als er die Tür aufmacht. »Na bitte«, sagt er dann, zu meiner weiteren Verblüffung. »Das war ja wohl schon länger fällig, meine Lieben. Kommen Sie rein, meine Damen, kommen Sie rein.«
Ganz der Gentleman. Ekelhaft.
Und doch komme ich nicht umhin, den leichten Vorwurf aus seiner Stimme herauszuhören, weil wir ihm bisher noch nicht unsere Aufwartung gemacht haben. Ich beschließe, es zu ignorieren. Gute Miene zum bösen Spiel und das alles. Zumindest vorerst.
In dieser Hinsicht habe ich gottlob in den letzten Jahren viel von Sophie gelernt. In unseren Kreisen trägt man seine Gefühle nicht nach außen, niemals. Man spricht stets in vernünftigen Ton und verhält sich gesittet. Offene Auseinandersetzungen sind ein Tabu, wozu gibt es schließlich teure Anwälte? Und augenscheinlich ist auch Viktor Neumann in der Kunst der Reserviertheit bestens bewandert – zumindest, bis man sich eingehender mit seiner Tochter unterhält. Dann bekommt man ein etwas anderes Bild von jedermanns bestem Freund und Gartennachbarn.
Sophie reicht ihm die Flasche Rotwein, unser Gastgeschenk, die sie extra noch in einen Geschenkbeutel gestopft hat. Es ist ein schwerer Barolo, ich habe mir die Flasche aber gar nicht so genau angesehen, Sophie versteht sich ohnehin besser auf diese Dinge. Sie weiß immer, was angemessen ist. Viktor Neumann nimmt die Flasche mit einem huldvollen Lächeln entgegen.
»Oh, das ist aber lieb von Ihnen beiden«, säuselt er. Neumann ist ein großer Mann, breitschultrig und kräftig, aber nicht direkt fett. Jedenfalls nicht übermäßig fett für einen Mittfünfziger, der in den weltlichen Genüssen reich bewandert ist. Mit seinem grau melierten Haar und der gepflegten Erscheinung ist er außerdem recht attraktiv, sodass ich mich für einen Moment frage, warum er eigentlich noch nicht wieder geheiratet hat. Auch, wenn Mia ihre Mutter nach fünf Jahren noch vermisst, würde eine weibliche Hand der Beziehung zwischen Vater und Tochter doch bestimmt guttun. Aber dann fallen mir meine eigenen Eltern ein und ich verkneife mir weitere Gedanken in diese Richtung.
Er geleitet uns ins Wohnzimmer, das, genau wie der Rest seines Hauses, ausgesprochen stilvoll eingerichtet ist, aber auch irgendwie nüchtern, auf eine fast schon protzige Art leer, wenn das irgendeinen Sinn ergibt. Außerdem lässt die Einrichtung jeden Hauch von Moderne vermissen, alles hier schreit nach altem Geld, das auf sehr konservative Weise verdient wurde, vermutlich waren seine männlichen Vorfahren allesamt Anwälte. Und die Frauen allesamt Sekretärinnen oder Vollblut-Hausfrauen, denke ich in einem Anflug von Boshaftigkeit. Weiße Wände, viel Stuck, schwere Kronleuchter aus Messing an der Decke, Eichenmöbel, wohin das Auge blickt, solche Sachen. Es ist so ziemlich das komplette Gegenteil von unserem gemütlichen Zuhause. Ich möchte hier nicht mehr Zeit verbringen als unbedingt nötig.
Wir nehmen auf der Couch Platz, auf die er deutet, ein gigantisches Ding aus Leder, das sich kalt gegen meinen Rücken presst und furchtbar quietscht, wenn man sich darauf bewegt. Ich verstehe wirklich nicht, was manche Leute an Ledermöbeln finden. Auf einem kleinen Tischchen neben dem Sofa steht ein wuchtiger Aschenbecher aus Kristallglas, blitzblank geputzt. Zigarre raucht er also auch gelegentlich, war ja klar. Ganz der Mann von Welt.
Als er uns für einen Augenblick nicht ansieht, zwinkert mir Sophie verschwörerisch zu, legt mir den Arm um die Schulter und rückt noch ein bisschen näher an mich heran. Vielleicht, um eine Reaktion bei Neumann zu provozieren, ob dieser schamlos zur Schau gestellten Liebe zwischen Frauen, aber es kommt absolut keine. Er lächelt einfach weiter sein jungenhaftes Lächeln, für das er irgendwie viel zu groß und wuchtig wirkt, dann hebt er den Zeigefinger und bittet uns um einen Augenblick Geduld, während er sich in der Küche um den Wein kümmern möchte. Der perfekte Gastgeber. Was hatte ich auch erwartet?
Wir entschuldigen ihn und er verlässt den Raum. Kurz darauf hören wir ihn in der Küche rumoren, es ertönt das leise Klingeln dünnwandiger Gläser, die aneinanderschlagen, und Sekunden später ist er mit einer Kristallkaraffe und drei Rotweingläsern zurück, und bestimmt sind es exakt die zu dem Wein passenden. Sophie amüsiert sich immer darüber, dass es in meiner Welt einfach nur Weingläser gibt, ob nun für Bordeaux, Burgunder oder – das Sakrileg schlechthin – für Weißwein.
Ich bezweifle, dass ich diese Unterschiede je lernen werde.
Es wäre unschicklich, den Wein sofort einzugießen und zu verköstigen, das immerhin habe ich von Sophie gelernt. Zuvor muss er atmen, und das kann er aus irgendeinem Grund am besten in einer Kristallkaraffe, nach allgemeiner Expertenmeinung. Erst dadurch kann sich das Aroma richtig entfalten oder sowas.
Neumann setzt sich im rechten Winkel zu uns auf eine weitere, schmale Couch, schlägt die Beine übereinander und dreht seinen Oberkörper dann zu uns. Seltsam, ich hatte irgendwie erwartet, dass er sich mit gespreizten Beinen uns gegenüber in den Sessel fläzen würde, der dort steht, und uns dabei mit Blicken verschlingen, während er sich vorstellt, wie wir aneinander rummachen. Aber davon ist nun wirklich nichts zu spüren, alles an ihm wirkt beinahe erschreckend normal und ja, zuvorkommend, regelrecht freundlich. Ich ertappe mich dabei, beinahe selbst auf seine Fassade vom harmlosen Nachbarn hereinzufallen.
Aber das ist er nicht. Ganz und gar nicht. Ich muss aufpassen.
Wir ergehen uns für eine Weile in alltäglichen Plaudereien, und als er fragt, wie wir mit Martha auskämen, muss ich beinahe laut auflachen, denn das sollte er wohl lieber Buster fragen, nicht? Ich erfahre, dass er und Mia schon beinahe zehn Jahre hier in Élysée leben und ertappe mich bei dem Gedanken, dass das eine verdammt lange Zeit ist, so hinter verschlossenen Türen in einer hermetisch abgeriegelten Welt, besonders für einen Teenager, aber vielleicht kommt mir das auch nur so vor in diesem Haus. Oder in Anwesenheit eines Mannes, der nie etwas anderes gekannt hat als den Luxus und die Verantwortung, die Reichtum nun einmal mit sich bringt. Und die Einsamkeit. Das manchmal auch.
Schließlich wird es Zeit für den Wein, und ich atme innerlich auf. Bis jetzt hat Sophie sich die meiste Zeit mit ihm unterhalten, ich habe nur hin und wieder zustimmend genickt oder knapp geantwortet, wenn er sich direkt an mich gewandt hat. Und viel gelächelt.
»Na, dann wollen wir uns mal dieses köstlichen Tropfens annehmen«, schlägt Neumann vor und zwinkert mir grinsend zu. Es ist eine Weile her, dass ich jemandem habe im Genitiv sprechen hören. Dann beginnt er, den Wein aus der Karaffe in die Gläser zu gießen, die er uns anschließend über die makellos saubere Glasplatte des flachen Cafétisches hinschiebt. Dann hebt er sein eigenes Glas und ruft halblaut: »Auf gute Nachbarschaft!«
Ich quäle mir ein Lächeln raus und murmle eine passende Erwiderung. Dann genehmige ich mir einen großen Schluck von dem Wein.
»Ist Mia eigentlich da?«, frage ich beiläufig. Lächle wieder. Ganz unschuldig.
Eine Weile breitet sich Schweigen aus, während Neumanns Lächeln jetzt für einen Moment etwas Verkrampftes bekommt. Also doch. Ich bin dabei, die Fassade zu durchbrechen, na endlich. Also mache ich weiter, wie ein Specht am Baum auf der Jagd nach einem fetten Insekt. »Ich dachte, wo ich doch ihre Lehrerin bin. Da wäre es doch sicher nett, wenn Sie auch dabei wäre.«
»Das wird nicht möglich sein, fürchte ich«, sagt er. Das Lächeln verschwindet und stattdessen bildet sich nun eine steile Falte auf seiner Stirn, exakt in der Mitte zwischen seinen Brauen.
Da bin ich wohl in ein Fettnäpfchen getreten. Diesmal allerdings mit Absicht.
»Und darf ich erfahren, wieso nicht?«
»Sie ist nicht zu Hause«, sagt er, und höre ich da nicht ein leichtes Zittern in seiner Stimme? »Sie ist ... ausgegangen.«
»Ausgegangen?«, wiederhole ich. »Ist es nicht ein bisschen spät dafür? Immerhin ist morgen ja ein Schultag, nicht wahr?«
»Mia ist siebzehn, und sehr erwachsen. Ich denke nicht, dass ...«
»Wussten Sie eigentlich schon, dass ich heute von der Schule beurlaubt wurde, Herr Neumann?«
»Emma, bitte«, zischt Sophie mir zu. Liebevoll, und sie lächelt dabei, aber trotzdem ein bisschen so, wie eine Mutter ihr ungehöriges Kind zurechtstauchen würde. Ich ignoriere sie.
»Ja, und zwar, weil der Direktor mir vorwarf, ich hätte was mit Ihrer Tochter, Herr Neumann, wie finden Sie das?«
»Wie bitte? Wie ich das finde? Ich habe keine Ahnung, was für eine Reaktion Sie jetzt von mir erwarten, Emma. Wenn das ein Scherz sein soll ...« Er wirkt völlig verdutzt, oder zumindest spielt er es so gut, dass man es ihm fast abnehmen könnte. Das Weinglas in seiner Hand schwebt vor ihm in der Luft und er starrt mich aus aufgerissenen Augen an. Doch in diesen Augen lese ich neben dem gespielten Entsetzen noch etwas ganz anderes. Er fühlt sich ertappt, auch wenn dieser Ausdruck beinahe im selben Augenblick wieder verschwindet, in dem er aufgetaucht ist.
Und da wird es mir klar. Sophie hatte Recht mit ihrer Vermutung.
»Sie haben ihm das Video geschickt, nicht wahr?«, sage ich.
»Was? Wovon reden Sie da? Was soll das hier gerade werden, Emma? Ich bin wirklich entsetzt, das muss ich schon sagen. Ich habe keine Ahnung, was ...«
»Ach nein? Und davon, was hier in diesem Haus passiert, wenn keiner zusieht, wissen Sie wohl auch nichts? Davon, was Mia mir erzählt hat?« Ein gewagter Zug, das ist mir klar. Falls Mia gelogen haben sollte ... aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das nicht hat. Nicht darüber und auch nicht über diese andere Sache.
Er stellt das Glas auf dem Tisch ab, ganz langsam. Räuspert sich. Schaut mich an, lange und forschend. Als versuche er, einzuschätzen, wie viel ich wirklich wissen kann. Oh, denke ich, ich weiß eine Menge, mein Lieber. Mehr, als dir recht sein kann, du Großkotz.
Dinge, von denen noch nicht einmal Sophie etwas ahnt.
»Okay«, sagt er schließlich, und alle Freundlichkeit ist jetzt aus seinem Gesicht gewichen. Sogar ein bisschen blass ist er geworden. Na bitte, da ist er ja, der Viktor Neumann, den ich erwartet hatte. Die Fassade ist futsch. »Mia und ich hatten unsere Probleme in der jüngsten Vergangenheit, das ist leider wahr. Sie ist eine hervorragende Schülerin, wie Sie wissen, aber gelegentlich braucht sie eben ein bisschen zusätzliche Motivation. In ihren Noten war ein gewisser Abwärtstrend erkennbar in der letzten Zeit.«
»So nennen Sie das also«, sage ich und lächle süffisant. »Ein bisschen Motivation.«
»Emma«, sagt Sophie scharf. »Bitte!«
Doch ich lasse mich nicht mehr bitten, ich komme jetzt erst richtig in Fahrt. Die Tigerin ist aufgewacht. »Sehen Sie, Herr Neumann, ich glaube nämlich, dass folgendes passiert ist. Mia hat Ihnen erzählt, dass sie sich mir anvertraut hat. Dass ich bescheid weiß darüber, wie Sie sie unter Druck setzen. Also haben Sie beschlossen, mich loszuwerden. Nichts einfacher als das, für einen Mann in Ihrer Position. Sie rufen einfach Ihren Kumpel Direktor Weber an und liefern ihm eine fadenscheinige Begründung, damit er mich feuern kann. Kommt das in etwa hin?«
Neumann senkt den Kopf, schüttelt ihn. »Nein«, sagt er dann. »Das ist kompletter Unsinn, Emma. Wie kommen Sie überhaupt auf diese absurde Idee? Und von einem Video weiß ich auch nichts. Was soll überhaupt darauf zu sehen sein, auf diesem Video?«
»Nun«, sage ich. »Mia und ich, wie wir uns unterhalten. Es ging übrigens um Sie, mal wieder.« Unter anderem.
»Ja, und?«
»Offenbar gibt es Menschen, die in dieser Unterredung eine weit vertraulichere Zusammenkunft sehen wollen. Eine intime Zusammenkunft, verstehen Sie? Zwischen mir und Ihrer Tochter.«
»Was?«, ächzt er, nun regelrecht entsetzt. Das spielt er echt gut. Vermutlich hat er darin jahrzehntelange Erfahrung, beruflich und privat. »Das ist doch absoluter Unfug. Und was soll ich Ihrer Meinung nach damit zu tun haben?«
»Keine Angst«, sage ich, ohne auf seine Frage einzugehen. »Ich kann Ihnen natürlich versichern, dass nichts in irgendeiner Art Verwerfliches zwischen mir und Ihrer minderjährigen Tochter je passiert ist, aber offenbar genügt allein der unbegründete Vorwurf, um mich von der hiesigen Schule feuern zu lassen – und zwar ohne irgendeine Anhörung oder auch nur auf die Chance, sich zu verteidigen. Wie finden Sie das, als Mann des Gesetzes, hm?«
»Sie sagten, Sie seien lediglich beurlaubt«, korrigiert er abwesend. Ganz der Anwalt.
»Ja, für den Moment. Aber ohne einen einzigen für mich ersichtlichen Grund. Und mir ist ziemlich klar, was die schlussendliche Absicht hinter dieser Maßnahme ist, nämlich, mich ganz loszuwerden. Und genauso ist mir klar, dass das nicht allein auf Webers Mist gewachsen sein kann.«
»Und jetzt glauben Sie, dass ich ...?«
»Shit!«, zischt Sophie neben mir.
Ich bekomme gerade noch mit, wie das Weinglas, das sie mit dem weiten Ärmel ihres Strickpullovers erwischt haben muss, auf den Glastisch knallt, und dort mit einem lauten Klirren zerbricht. Ein großer und mehrere kleine Splitter brechen aus dem Glas, der Wein ergießt sich über den ganzen Tisch. Sonst passiert so etwas normalerweise eher mir.
Sophie und Neumann springen beinahe gleichzeitig auf und hasten in die Küche, Sekunden später kommen sie mit Wischtüchern bepackt zurück und beginnen gemeinsam, das Malheur vom Tisch zu wischen. Dabei sagt niemand ein Wort, und für einen Augenblick komme ich mir wieder wie das fünfte Rad am Wagen vor. Wie die nicht Eingeweihte. Wie das Kind, das schweigend zusehen muss, während die Erwachsenen wichtige Dinge tun. Vielleicht bin ich sogar ein bisschen wütend auf Sophie, weil sie mir in die Parade gefahren ist, wenn auch unabsichtlich.
»Nichts passiert«, sagt Neumann, als sie mit dem Tupfen und Wischen endlich fertig sind. Er hat recht, der Wein hat den fraglos teuren Teppich nicht erreicht, und von den Gläsern hat er vermutlich auch noch ein paar Dutzend übrig, welch ein Glück. Aber er lächelt nicht, als er das sagt. Dies ist kein freundliches Gespräch unter Nachbarn mehr, und Sophies Missgeschick hat den Bruch in unserem Gespräch klar Julianiert.
Wir sind nicht länger willkommen im Hause Neumann.
Was mir nur recht ist.
»Ich mache das schon«, sagt Sophie, und nimmt Neumann die mit Wein vollgesogenen Küchentücher aus der Hand, um sie zusammen mit dem zerbrochenen Weinglas in die Küche zu schaffen. Neumann lässt sich wieder in die Polster sinken, diesmal allerdings tatsächlich in den Sessel mir gegenüber, die Beine weit gespreizt, anstatt sie wie vorher, gesittet übereinanderzuschlagen. Und die Fassade bröckelt immer weiter, denke ich.
Ich bleibe einfach sitzen, sage gar nichts, während er mich ansieht, mit diesem fragenden und irgendwie leeren Blick. Es erscheint mir sinnlos, ihm jetzt noch weiter auf den Zahn zu fühlen. Ich habe gesagt, was ich sagen wollte, und er hat einfach alles abgestritten, was hatte ich auch erwartet? Immerhin ist der Mann ein mit allen Wassern gewaschener Staatsanwalt.
Als Sophie aus der Küche zurückkehrt, kommt sie mir etwas blass vor. Offenbar hat ihr das kurze Gespräch zwischen Neumann und mir ebenfalls zugesetzt. Vielleicht hat sie das mit dem Weinglas absichtlich getan, damit die Situation nicht noch weiter eskaliert, aber ganz ehrlich? Ich hätte in diesem Moment nichts dagegen gehabt, dass sie das tut. Mia und ich hatten unsere Probleme in der Vergangenheit, dass ich nicht lache! Ich bin immer noch überzeugt davon, dass er hinter diesem Video stecken muss, auch wenn ich das vermutlich nie werde beweisen können. Meine Güte, ich würde nicht mal ausschließen, dass er einen Privatdetektiv angeheuert hat, der seiner eigenen Tochter in den Wald gefolgt ist.
Oder mir?
Ein ziemlich erschreckender Gedanke – so oder so.
Da Sophie keine Anstalten macht, sich wieder hinzusetzen, stehe ich ebenfalls auf. Aber das Bonbon habe ich mir bis ganz zum Schluss aufgehoben. »Mia war die ganze Zeit oben in ihrem Zimmer, nicht wahr?«, sage ich zu Neumann. »Und vermutlich darf sie erst wieder runterkommen, wenn wir das Haus verlassen haben. Sehr erwachsen, wie Sie das handhaben, ich muss schon sagen.«
Neumann erhebt sich ebenfalls und schaut mich lange an. Dann schüttelt er den Kopf. »Nein«, sagt er dann. »Sie ist nicht da, wie ich sagte. Und ich glaube, Sie sollten jetzt ebenfalls gehen.«
Mit dem größten Vergnügen.
Wir treten in den Flur. Da er keine Anstalten macht, uns voranzugehen, bin ich es, die die Tür öffnet und hindurchtritt. In die kühle Nachtluft eintaucht. Ein Gefühl, als würde man durch die Oberfläche eines Sees stoßen und endlich wieder Luft zum Atmen haben. Die Oberfläche eines schmutzigen Sees voller stinkendem Brackwasser. Sophie dreht sich noch einmal zu ihm um und sagt: »Es tut mir leid wegen des Glases. Ich werde es selbstverständlich ersetzen.«
Mir tut es nicht leid, denke ich. Im Hause Neumann sind schon ganz andere Dinge zu Bruch gegangen, und das hat ihn schließlich auch nicht gestört.
Er nickt nur. Jetzt sieht er einfach nur alt aus, dieser Mann, der mir vorhin noch wie ein bedrohlicher Koloss vorkam. »Sophie«, sagt er dann, »ich möchte, dass Sie wissen, dass niemand hier etwas gegen Sie hat. Oder gegen Sie, Emma. Wir alle hier in Élysée mögen Sie beide sehr, das müssen Sie mir glauben.«
Ich trete lächelnd hinaus in die Nacht.
Einen Scheiß müssen wir.
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