Parasit
Kapitel 45
S chon seit Jahren hatte die junge Frau nicht mehr an das Puppenhaus und die Tudor-Villa zurückgedacht, die noch immer einsam inmitten des Waldes stand. Nicht, seit sie in Frankreich ihre wahre Liebe gefunden und dafür einen schrecklichen Preis bezahlt hatte. Die Villa war leer, das wusste sie, bis auf einen gelegentlichen Besucher, ihren Vater, und Handvoll Angestellter, die dafür sorgten, dass das Haus und das Grundstück nicht komplett verfiel. Sie verrichteten kleinere Ausbesserungsarbeiten an der Fassade und beheizten das Haus in den kalten Monaten, um sein Sterben hinauszuzögern.
Es schlief, das alte Haus, unschlüssig, ob dies die ewige Ruhe war oder doch nur ein längeres Nickerchen. Vielleicht träumte es sogar manchmal von den längst vergangenen Tagen, als seine steinernen Mauern ein kleines Mädchen und seine Mutter beherbergt hatten. Und eine kleine Puppenfamilie.
Eines Tages starb der Vater des Mädchens überraschend. Fern von dem Haus, auf Geschäftsreise, denn auf Geschäftsreisen hatte er den Großteil seines Lebens verbracht, und heißt es nicht, wer durch das Schwert lebt, wird auch durch das Schwert sterben? Und ist es mit Geschäft nicht ganz genauso?
Als die junge Frau von seinem Tod erfuhr, spürte sie – rein gar nichts.
Sie hatte ihn nicht oft genug gesehen in ihrer Kindheit, um so etwas wie eine echte Bindung zu ihm aufzubauen. Sie kannte ihren Vater nur durch die Geschenke und Geldsendungen, mit denen er sie überhäuft hatte, während sie die Welt bereiste, und die sie veranlasst hatten, mit häufig wechselnden Adressen und bisweilen, sofern das möglich war, auch unter falschem Namen, zu wohnen, damit diese peinlichen Sendungen endlich aufhörten, denn inzwischen verdiente sie schließlich ihr eigenes Geld.
Ihr Buch, das sie in Frankreich begonnen und in Deutschland beendet hatte, war zu einem Bestseller geworden, zwei Jahre vor dem Tod ihres Vaters, doch vermutlich hatte er von ihrem Erfolg gar nichts mitbekommen. Die junge Frau, die inzwischen eine glücklich verliebte Frau war und bald eine glücklich verheiratete Frau sein würde, schrieb bereits eifrig an ihrem zweiten Buch, als die Nachricht vom Tod ihres Vaters sie erreichte.
Sie erinnerte sich an ihren Vater, wie er heimgekommen war, damals, als ihre Mutter aus dem Turmzimmer gefallen war. Einen bedauerlichen Unfall, hatte ihr Vater es genannt und kein weiteres Wort darüber verloren. Damals, als sie noch ein Kind gewesen war, oder beinahe, hatte sie ihm geglaubt, doch inzwischen wusste sie es besser.
Ihre Mutter war nicht gefallen.
Sie war einsam gewesen.
Ein Gärtner hatte das Mädchen auf dem Rasen vor dem Haus gefunden, wo es mit dem Puppenhaus gespielt und ihm gesagt hatte, die Mutter liege im Gras, drüben, auf der anderen Seite des Hauses. Sie hatte es ihm sogar vorgemacht, mit der Puppe aus dem Spielhaus. Hatte sie erneut aus dem Turmzimmer auf den Rasen plumpsen lassen. Da war der Gärtner losgestürmt, so schnell er konnte. Offenbar hatte auch er von der Einsamkeit der Mutter gewusst.
Der Vater war erst drei Tage später von einer Geschäftsreise zurückgekehrt, die ihn sehr in Anspruch genommen hatte. Die Beerdigung der Mutter hatte im engsten Kreise und unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden. Während der Trauerzeremonie hatte ihr der Vater nur ein paar Mal über den Kopf gestrichen und ein paar tröstende Worte gemurmelt. Nicht einmal umarmt hatte er sie, und eine Woche später war er zur nächsten Geschäftsreise aufgebrochen und hatte sie der Obhut diverser Kindermädchen überlassen, die in das große Haus einzogen, das ihr so leer und einsam vorkam wie nie zuvor. Und furchtbar kalt, sogar im Sommer.
Da wurde aus dem Mädchen ein trauriges Mädchen, und manchmal spürte auch die junge Frau diese Traurigkeit von damals noch, wie sie tief in ihrem Inneren an ihrem Herzen und an ihrer Seele nagte, und flüsterte: »Geh hinauf, mein Kind. Geh hinauf ins Turmzimmer und sieh, ob du deine Mutter finden kannst ...«
Nun war also auch der Vater, der ihr ein Leben lang ein Fremder geblieben war, tot und die junge Frau somit die letzte ihrer Familie, und kein Mann in Sicht, der einen neuen Spross in ihr zum Wachsen bringen würde, dachte sie mit grimmiger Befriedigung, und es würde auch kein Mann sie je besitzen. Sie war nun das letzte Blatt am letzten Ast eines alten, schon vor langer Zeit verdorrten Baumes. Sie sorgte dafür, dass auch die Beerdigung des Vaters im engsten Kreis stattfand, und in diesem Fall bedeutete das, dass die junge Frau die einzige war, die von ihrem Vater Abschied nahm. Irgendwann würde der Wind auch das letzte Blatt des altehrwürdigen Stratmann-Baumes fortwehen, sie.
Sie fand den Gedanken seltsam beruhigend.
Sie erbte das gesamte Vermögen ihres Vaters, und da sie das letzte Blatt am Stamm der Stratmanns war, erbte sie es ganz allein. Wie sich herausstellte, war ihr Vater nicht nur ausgesprochen fleißig, sondern auch ein überaus fähiger Geschäftsmann gewesen, und das Familienvermögen daher beträchtlich. Die junge Frau wusste, dass sie niemals Geldsorgen haben würde, und dass sie noch sehr viel mehr Geld haben konnte, wenn sie die Geschäfte ihres Vaters weiterführte. Doch sie wollte nichts mit dem Bau von Häusern zu tun haben, oder mit irgendetwas sonst, das mit ihrem Vater zu tun hatte, der sie alleingelassen hatte ein Leben lang.
Sie war ja eine Schriftstellerin, eine Poetin, von Musen umschwärmt und geküsst. So verkaufte sie die gesamte Firma ihres Vaters. Es war eine sehr große Firma, und es gab jede Menge Interessenten, also verhandelte die junge Frau hart und verkaufte schließlich alles zu einem guten Preis – die komplette Firma und jedes einzelne Haus und jedes Grundstück, das ihr Vater besessen hatte, bis nichts mehr davon übrig war.
Ihr Vater wäre sicher stolz auf sie gewesen.
Einzig von dem alten Familiensitz mitten im Wald konnte sie sich nicht trennen. Die dreigeschossige Tudorvilla mit dem Turmzimmer und dem schmalen, gefährlichen Fenster hoch oben über dem endlosen Rasen, der zusehends verwilderte. Die Villa, die immer noch das Puppenhaus beherbergte, das nun, eingemottet unter einem alten Laken, auf dem Dachboden verstaubte.
Immerhin war dies das Haus, in dem die junge Frau ihre Kindheit verbracht hatte.
Also fuhr sie eines Tages hin – allein, denn sie fand, dass ihre wahre Liebe noch nicht bereit war, dieses Haus zu betreten, und dass sie es vielleicht niemals sein würde, nicht angesichts der betrüblichen Geschichte dieses ganz besonderen Hauses. Sie sah sich in aller Ruhe an, was aus dem Haus und dem Grundstück geworden war. Es war noch gut in Schuss, die Gärtner und die Handwerker hatten bisher gute Arbeit geleistet, doch die junge Frau beschloss, sie nicht länger zu beschäftigen. Mochte das Haus ruhig verfallen, denn es beherbergte nicht nur schöne Erinnerungen. Mochte es altern, wie die junge Frau einst altern würde. Und irgendwann, in vielen Jahren, würde sie vielleicht zu dem Haus zurückkehren. Vielleicht, um eines Tages, der noch in weiter Ferne lag, gemeinsam mit dem Haus zu sterben.
Vielleicht auf dieselbe Weise wie ihre Mutter gestorben war.
Die junge Frau fand den Gedanken romantisch, und sie verstieg sich ein wenig darin. Sie streifte tagelang durch das riesige Gelände und stellte sich vor, wie bald alles überwuchert sein würde von wildem Gewächs und Büschen und dass kleine Triebe zu sprießen beginnen würden auf dem Rasen, und mitten auf der Kiesauffahrt. Wenn sie zurückkäme, wären vielleicht schon kleine Bäume daraus geworden.
Vielleicht ja sogar Pappeln.
Jeden Morgen nahm sie in der Küche ein kräftiges Frühstück zu sich, und dann streifte sie den größten Teil des Tages durch das weitläufige Gelände wie eine Abenteurerin – genau, wie sie es als kleines Mädchen in Gedanken so oft getan hatte. Und wenn der Abend hereinbrach, schleppte sie die Habseligkeiten ihres Vaters in die große Halle im Erdgeschoss. Später würde sie diese Dinge abtransportieren lassen. Mochte man sie an Bedürftige verschenken oder fortwerfen, ihr war es einerlei.
Und eines Tages fand sie den Bunker.
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