Parasit

Alex Pohl · Kapitel 21 von 68

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Parasit

Kapitel 21

 

 

V ivian Lasalle will nicht hier sein. Nicht in diesem Wald, an diesem nasskalten Morgen, und schon gar nicht will sie auf so einer Mission unterwegs sein. Aber natürlich muss sie, schon mal um des lieben Nachbarschaftsfriedens wegen. So gut wie alle Einwohner von Élysée sind heute Morgen auf dem kleinen Parkplatz am Waldrand zusammengekommen. Thermoskannen und Rucksäcke ringsum, und entschlossene, ernste Gesichter. Und die, die nicht gekommen sind, haben verdammt gute Begründungen dafür, da ist sie sicher. Bis auf Sophie und Emma, natürlich, aber damit hat ja auch keiner gerechnet.

Vivian fragt sich einen Moment lang, wie viele von denen, die hier herumstehen und darauf warten, dass Neumann ihnen erklärt, was sie tun sollen, wirklich freiwillig hier sind. Sie jedenfalls nicht, aber Phillip hat nun mal darauf bestanden. »Stell dir bloß mal vor, es ginge um Madeleine«, hatte er gesagt, und ja, das hatte genügt. Um ein Haar hätte er ihre Tochter sogar mitgeschleift. Dabei ist Madeleine gerade mal sechzehn, was Phillip sich nur manchmal denkt. Jetzt greift sie nach der Hand ihres Mannes, und der umfasst die ihre mit sanftem Druck.

Dann geht es los.

»Guten Morgen, liebe Nachbarn«, sagt Neumann, der auf das Heck seines Geländewagens geklettert ist. Wie üblich wirkt er freundlich und gelassen, aber diesmal fehlt seinem Lächeln die gewohnte Herzlichkeit. Alle Freude scheint aus dem Mann gewichen zu sein, und das gibt Vivian durchaus zu denken. Kann schon sein, dass sie ein wenig übertrieben hat, als sie Sophie von Neumanns Avancen ihr gegenüber erzählte. Ja, und vielleicht tat sie das auch ein bisschen, um sich bei der Schriftstellerin interessant zu machen. Um ein bisschen Bande zu knüpfen mit Sophie Stratmann, der gefeierten Autorin von der Stich der Rose. Wie oft hat man im Leben schon Gelegenheit zu so etwas?

Es tut gut, mal ein wenig frischer Wind in Élysée, und das Buch hat ihr wirklich gefallen. Und was diese Sache damals auf der Party betrifft – Vivian und Neumann waren beide ein bisschen betrunken, stimmt schon. Gut möglich auch, dass sie vorher ein bisschen mit Neumann geflirtet hat, nur so zum Spaß. Gut möglich auch, dass es eher so war, dass er die Küche ausgesprochen hastig verließ, als sie ihm ein bisschen zu nahekam. Na und? Das war doch alles nur im Scherz gewesen, auch wenn Neumanns Reaktion sie ein bisschen gekränkt hat, so ist das doch heute längst vergessen.

Sie ist eine glücklich verheiratete Frau, und sie würde nie ...

»Ich freue mich, dass so viele von euch gekommen sind«, unterbricht Neumanns Stimme ihre Gedanken. »Und ich möchte, dass ihr euch bitte vor Augen haltet, dass ich nach wie vor davon überzeugt bin, dass Mia sich, nun ja, nur ein bisschen selbständig machen wollte.« Da blitzt es dann doch kurz auf, sein charmantes Lächeln. »Ihr wisst ja, wie die Kids so sind.«

Natürlich, das wissen sie alle. Oder glauben es zu wissen. Vivian würde durchdrehen, wenn Madeleine von daheim verschwinden würde, aus welchem Grund auch immer. Einfach durchdrehen, da ist sie sicher. Allerdings pflegen Phillip und sie ihre Tochter auch nicht in einer Lautstärke anzubrüllen, dass es die Nachbarn ein Haus weiter noch mitbekommen.

Neumann wird übergangslos wieder ernst. »Es besteht allerdings die – wenn zugegeben auch geringe – Möglichkeit, dass Mia sich irgendwo hier im Wald verlaufen hat. Auch können wir nicht vollständig ausschließen, dass sie nachts vielleicht stolperte. Sich was gebrochen hat, was wir nicht hoffen wollen, aber ...«

Neumann lässt den unvollendeten Satz in der Luft hängen wie eine Drohung. Ein bisschen muss Vivian jetzt seinen Mut bewundern. Sich hier vor seine Nachbarn zu stellen und sie zu bitten, nach seiner Tochter zu suchen. Obwohl alle inzwischen wissen, dass der Streit im Hause Neumann der Grund war, aus dem sie überhaupt fortlief. Und dass es nicht der erste Streit zwischen ihnen war. Und alle hier, Neumann eingeschlossen, wissen, dass man schon einen ausgesprochen miserablen Orientierungssinn haben müsste, um sich in diesem Wald ernsthaft zu verlaufen, schließlich ist Mia keine sechs Jahre alt. Was bedeutet, dass da noch jede Menge unausgesprochener Möglichkeiten in der Luft hängen, die auch niemand aussprechen will. Keine davon besonders angenehm.

»Als Mia zuletzt gesehen wurde, trug sie eine blaue Windjacke und schwarze Jeans. Aber ihr wisst ja ohnehin alle, wie sie aussieht.« Er stößt den blassen Abklatsch eines Lachens aus, und ein paar stimmen zögerlich ein.

Vivian rechnet. Nach ihrem Wissen wurde Mia das letzte Mal am Dienstag gesehen – oder vielmehr gehört, und zwar von den Jensens, den Nachbarn, die die Neumanns lauthals hatten streiten hören. Heute ist Samstag, im schlimmsten Fall liegt das Mädchen also seit drei Tagen und Nächten mit einem gebrochenen Bein im Wald, und seltsamerweise ohne Handy, denn niemand hatte sie seit Dienstag erreichen können, wie Madeleine aus der Schule zu berichten wusste. Dann doch lieber die Vorstellung, dass sie mit dem nächsten Zug nach Frankfurt gefahren ist, und dort bei irgendwelchen Freunden herumhängt, das Handy ausgeschaltet, aus Trotz, und um sich das nächste, große Donnerwetter von ihrem alten Herrn zu ersparen, zumindest vorerst. Das arme Kind.

»Also, ich habe ein paar Landkarten dabei«, fährt Neumann fort. »Ich glaube, unser aller Pfadfindertage sind schon ein bisschen vorbei, aber mit den Navis auf euren Handys solltet ihr es schaffen, euch einigermaßen zu orientieren. Ich habe den Wald in gleich große Quadrate zerlegt, und würde euch gern in Zweiergruppen einteilen, um diese Sektoren systematisch abzusuchen. So ist es am effizientesten, und dann sollte die Sache hier in ein paar Stunden erledigt sein, höchstens. Ihr erreicht mich natürlich jederzeit auf meinem Handy. Die Nummer steht auf der Rückseite der Karten. Ich danke euch allen von Herzen. Ich schulde euch was, Leute.«

Mit diesen Worten springt Neumann von der Ladeklappe seines Autos und macht sich daran, Geländekarten und gute Ratschläge an die Leute zu verteilen. Er scheint jetzt richtig in seinem Element zu sein, denkt Vivian. Neumann, der große Anführer. Und alle machen mit. Man möchte eben nicht als die Person in Neumanns Gedächtnis bleiben, die sich seinem Aufruf zur Mithilfe widersetzt hat, nicht bei so einer Sache. Nicht, wenn man selbst Kinder hat und weiterhin in Élysée wohnen bleiben möchte. Und auch sie, ermahnt sich Vivian, sollte ihren Teil beitragen. Immerhin geht es ja um Mias Leben, vielleicht. Vielleicht versucht ihr egozentrischer Vater aber auch nur, Verbündete um sich zu scharen wegen dieser Sache mit Emma. Vielleicht genießt er das Ganze hier viel zu sehr.

Phillip lässt ihre Hand los, als sie sich auf den Weg zu Neumann machen, um ihre Karte abzuholen. Als der sie kommen sieht, schenkt er ihnen beiden ein dankbares Lächeln. Ein Lächeln, das sagt, dass er froh ist, dass sie hier sind, und dass nur das jetzt zählt. Nicht, was vor Urzeiten vielleicht in der Küche seines Hauses passiert ist, oder auch nicht passiert ist. Und nicht, dass sie und ihr Lesezirkel vielleicht ein bisschen zu sehr eingenommen von einer ganz bestimmten Autorin sind. Alles Schnee von gestern. Vivian schenkt Neumann ein aufmunterndes Lächeln, als sie die Karte entgegennimmt, und der lächelt tapfer zurück. Ein Blick auf das bunt bedruckte, eingeschweißte Papier lässt sie dann aber vollkommen ratlos zurück. Wie soll man sich mit so einem Ding orientieren können? Phillip wird es wissen.

»Ich habe euch für Sektor Q4 eingeteilt«, sagt Neumann. »In der Nähe der Schlucht. Da liegen ein paar von diesen bemoosten Steinbrocken herum, die sind ziemlich glitschig, also passt auf, ja?« Phillip nickt pflichtschuldigst, und für einen Moment muss Vivian tatsächlich an einen Pfadfinder denken, der von seinem Gruppenführer wichtige Instruktionen entgegennimmt.

Für Männer ist immer alles ein Spiel, denkt sie.

»Und nochmals vielen Dank«, sagt Neumann, dann drückt er ihnen beiden die Hand. Sein Händedruck fühlt sich schlapp und kalt an, und ein bisschen glitschig. Vivian unterdrückt den Impuls, sich ihre Hand sofort am Hosensaum abzuwischen, dann folgt sie Phillip, der schon schnurstracks zu dem Quadranten unterwegs ist, den Neumann für sie vorgesehen hat. In diesem Moment krampft sich Vivians Herz für den Bruchteil einer Sekunde zusammen, und sie weiß – weiß mit Bestimmtheit und aus ganzem Herzen –, dass Mia nicht in Frankfurt bei irgendwelchen Freunden ist, und auch nicht mit verstauchtem Knöchel im Wald liegt, die Stimme heiser vom Rufen – aber am Leben.

Plötzlich weiß sie, dass etwas Furchtbares passiert sein muss.

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