Parasit
Kapitel 8
ÉLYSÉE, HEUTE
I rgendwie habe ich es dann doch nach Hause geschafft. Wir sitzen auf der Couch im Wohnzimmer, und kuscheln uns in eine leichte Decke, obwohl der Kamin eine wohlige Wärme verbreitet. Sophie hält mich einfach nur im Arm, und das ist genau das, was ich jetzt brauche. Ihre Wärme. Ihre Ruhe und Kraft, und das Selbstvertrauen, die sie ausstrahlt. Als könne ihr nichts und niemand etwas anhaben, und sie nimmt diese Tatsache einfach huldvoll zur Kenntnis, ohne sie je hinterfragen zu müssen. In Momenten wie diesen bewundere ich sie sogar noch mehr als sonst. In diesen Momenten weiß ich ganz genau, warum ich sie geheiratet habe.
»Ach, Liebes«, sagt sie und streicht mir über das Haar wie eine Mutter ihrem Kind. »Liebes, ist ja schon gut. Wir klären das, versprochen. Aber jetzt erzähl mir erstmal alles, ganz genau, und von Anfang an.«
Also tue ich das. Als ich an die Stelle komme, an der Direktor Weber mich beurlaubt hat, weil er glaubt, ich habe ein Verhältnis mit einer meiner Schülerinnen, runzelt Sophie die Stirn. Manchmal, zum Beispiel, wenn ich mal wieder tollpatschig war, tut sie das auch und sieht so schön und liebevoll dabei aus, dass ich gar nicht anders kann, als sie anzulächeln und mich für mein Missgeschick zu entschuldigen, wie ein kleines Mädchen. Jetzt sieht sie allerdings überhaupt nicht liebevoll aus, oder verständnisvoll. Ich möchte nicht in Webers Haut stecken.
»Okay«, sagt sie, nachdem ich meine Erzählung beendet habe. »Gut.«
»Gut?«
»Gut in dem Sinne, dass wir jetzt die Fakten kennen, oder zumindest ein paar davon. Und gut auch, dass die Zeit auf unserer Seite ist.«
»Was?«, frage ich. »Wieso das denn?«
»Doktor Weber hat da einen schweren Fehler gemacht, und ich denke, das ist ihm inzwischen ebenfalls bewusst. Und das wird später vielleicht nützlich sein.«
»Also gehen wir morgen zu ihm und stellen ihn zur Rede, um die Sache aus der Welt zu schaffen?«
»Nein«, sagt sie und klingt so, als hätte sie schon längst einen konkreten Plan ausgetüftelt und die nächsten Schritte wären der reine Spaziergang, einfach einen Schritt nach dem anderen, bis zum großen Sieg am Schluss, wie immer. Mein Fels in der Brandung. Meine starke Sophie.
»Okay«, sagt sie dann. »Und du bist wirklich sicher, dass du wieder unterrichten möchtest, nachdem das hier vorbei ist? Nachdem er sich entschuldigt hat, oder seinen Job los ist, je nachdem.« Sie sagt es leichthin.
»Ja«, sage ich. »Klar doch. Ich trage die Verantwortung für meine Schüler, und außerdem liebe ich meinen Job.« Und manchmal auch die Tatsache, für ein paar Stunden außerhalb unseres wunderschönen Hauses etwas Sinnvolles zu tun, denke ich, aber das sage ich natürlich nicht. »Aber mir geht es gar nicht um eine Entschuldigung, und sie müssen ihn auch nicht feuern, es ist nur ...«
Ja, was eigentlich? Gegen Ende unseres Gespräches in seinem Büro hatte ich beinahe den Eindruck, Weber sei das alles noch deutlich unangenehmer als mir. Irgendwie sträubt sich etwas in mir dagegen, ihn jetzt zum Buhmann für Dinge zu machen, für die er vielleicht gar nichts kann. Egal, wie mies er sich verhalten hat.
»Das, was an dieser Schule passiert, ist ein klarer Fall von homophober Diskriminierung, Emma«, sagt Sophie entschieden. »Man unterstellt dir Dinge, die man einer Hetero-Lehrerin so nie unterstellen würde. Und bei einem Hetero-Mann wäre man auch sehr vorsichtig mit solchen Anschuldigungen. Verleumdung ist kein Kavaliersdelikt, meine Liebe. Wir könnten die Schule verklagen, und das würde Wellen schlagen, die ein Herr Weber ganz bestimmt nicht übersteht. Vielleicht nicht mal die Schule.«
»Okay«, sage ich. »Aber wollen wir das denn wirklich? Ich meine ...«
»Nein«, sagt sie. »Zumindest im Moment noch nicht. Soll dieser Weber mal ruhig noch ein bisschen im eigenen Saft schmoren. Wir sollten allerdings herausfinden, wer wirklich dahintersteckt.«
»Wer das Video gedreht und es an Weber geschickt hat, meinst du?«
»Genau. Vielleicht ist diese Person ja rein zufällig vorbeigekommen, und hat gesehen, wie ihr euch heimlich getroffen habt.«
»Es war nicht heimlich«, sage ich. »Es war nur ... Mia wollte nur nicht an der Schule darüber reden.«
»Okay, aber es ist nichts … na ja, also nichts Verwerfliches passiert?«, fragt sie und sieht mich eindringlich an. »Nichts, weswegen du dir irgendwelche Vorwürfe machen müsstest?«
»Nein!«, rufe ich entsetzt. »Natürlich nicht, auch wenn sich Weber scheinbar alle Mühe gibt, das anders zu interpretieren. Ich habe mich einfach nur mit Mia unterhalten, und wollte sie ein wenig trösten, weil sie ...«
»Richtig«, sagt Sophie und beginnt wieder, mir sanft über den Hinterkopf zu streichen. »Sie wollte mit dir sprechen, nicht umgekehrt. Ein wichtiger Punkt, daran sollten wir festhalten. Und worum ging es bei eurem Gespräch? Was hat sie dir genau erzählt, Emma?«
»Puh, Sophie ... ich weiß nicht, ob ich das erzählen sollte. Sie hat mich eigentlich gebeten ...«
»Es vertraulich zu behandeln, ich weiß. Und sieh, wohin es dich gebracht hat, Schatz. Uns, vielleicht.«
»Sophie, ich bin ihre Lehrerin, ich dachte ...«
»Natürlich, Süße«, sagt sie. »Und ich bin doch da völlig bei dir. Dennoch werden wir demnächst an ein paar Käfigstäben rütteln müssen, und darauf müssen wir vorbereitet sein, wir beide. Das verstehst du doch?«
»Okay«, sage ich schließlich. »Mia hatte Probleme, vor allem zu Hause. Ihr Vater kann wohl ziemlich aufbrausend sein und er setzt sie manchmal ganz schön unter Druck. Immer nur Bestnoten, alles andere ist inakzeptabel, sagt er. Solche Sprüche. Du kennst ihn ja.«
Sophie nickt langsam. »Klar, der Staatsanwalt Neumann. Und das ist alles, was Mia mit dir besprechen wollte?«
»So ziemlich, ja. Bei diesem Gespräch im Wald kochte das dann alles irgendwie hoch. Sie hatte sich kurz zuvor mal wieder mit ihrem Vater gestritten, und er hat sich dabei auf ihre Mutter berufen, wie enttäuscht die doch wäre, wenn sie wüsste, und so weiter.«
Bloß ist das eben nicht ganz alles, aber das verschweige ich Sophie im Moment lieber. Ich möchte Mia nicht noch weiter reinreiten, als ich das ohnehin schon getan habe, und von dieser zweiten Sache weiß ihr Vater mit Sicherheit nichts. Wer weiß, was er sonst mit ihr angestellt hätte.
»Ihre Mutter ist tot, nicht?«
Ich nicke. »Seit fünf Jahren, ja. Neumann ist Witwer. Mia vermisst ihre Mutter immer noch sehr, glaube ich. Sie hat an diesem Nachmittag auch davon gesprochen, fortzulaufen, einfach abzuhauen, aber ich habe versucht, ihr das auszureden, ich meine ... Streitigkeiten mit den Eltern sind ja ganz normal in diesem Alter, und unter diesen Umständen auch wirklich nachvollziehbar.«
»Und glaubst du das? Ich meine, dass sie wirklich fortlaufen wollte?«
Ich überlege. »Nein«, sage ich dann. »Eigentlich nicht. Ihr Vater mag ein Arschloch sein, und sie ist eben allmählich in dem Alter, in dem sie ihn mit etwas nüchterneren Augen betrachtet. Nicht nur als ihren Vater, sondern auch als Mensch. Mit all seinen Fehlern, und von denen hat er ja offenbar ein paar. Eine übertriebene Auffassung von schulischem Eifer, zum Beispiel.«
»Viktor Neumann«, sagt Sophie nachdenklich. »Ja, der ist in der Tat ein recht ehrgeiziger Mann.«
»Ehrgeizig?« Ich stoße ein humorloses Lachen aus. »Der Kerl ist doch ein kompletter Egomane. Weißt du noch, als er vor ein paar Monaten einfach so auf unser Grundstück spazierte und durchblicken ließ, dass der Schatten unserer Pappeln auf den Garten der Harfelds fällt? Wohlgemerkt, nicht auf sein Grundstück, und soweit ich weiß, stört das bisschen Schatten die Harfelds kein bisschen, oder zumindest haben die sich nie bei uns darüber beschwert. Er spielt sich auf, als wäre er hier der verdammte Bürgermeister. Das stinkt mir, echt. Wenn ich sowas hätte haben wollen, hätten wir auch in eine Plattenbauwohnung in Pankow ziehen können.«
Sophie schaut mich für einen Moment aus zusammengekniffenen Augen an, offenbar habe ich einen wunden Punkt erwischt, Mist.
»Tut mir leid«, sage ich. »Aber diese ganze Sache mit dem Video macht mich echt wütend.«
»Schon klar, Liebes.« Sophie blickt nachdenklich auf den flachen Cafétisch vor der Couch. »Ich denke«, sagt sie dann, »ich denke, am schnellsten können wir das alles lösen, wenn wir das Problem direkt bei der Wurzel anpacken.«
»Du willst mit Neumann reden?«
»Ja. Und zwar mit einer guten Flasche Rotwein unterm Arm. Nur ein höflicher Freundschaftsbesuch unter Nachbarn. Und mit Mia sollten wir bei dieser Gelegenheit auch gleich mal sprechen. Sagen wir, so gegen acht? Da sollten die beiden doch zu Hause sein. Und wir müssen auch nicht ewig bleiben. Ich rufe ihn gleich mal an.«
»Aber Mia ist krank.«
»Ausgerechnet an dem Tag, an dem das Video von euch beiden in der Schule die Runde macht? Glaubst du das wirklich?«
»Nein«, sage ich niedergeschlagen. Der Aussicht, Viktor Neumann heute noch gegenüberzutreten und ihn zu beschuldigen, seine Tochter psychisch zu terrorisieren, blicke ich aber nun wirklich nicht mit großer Vorfreude entgegen. Aber Sophie hat Recht, wir dürfen das nicht einfach auf uns sitzenlassen.
»Und jetzt?«
»Jetzt hast du erstmal für den Rest des Tages schulfrei, Liebes«, sagt sie. »Und ich habe das Bedürfnis, dich zu verwöhnen und nur für dich da zu sein. Was wollen wir machen? Schwimmen gehen im Pool? Uns eine Serie auf Netflix anschauen? Eiscreme aus dem Deli bestellen?«
Ich lächle sie an, sie ist so gut zu mir. Dann kuschele ich mich wortlos an sie. Später beginnen wir dann tatsächlich, irgendeine Netflix-Serie zu schauen, aber meine Gedanken schweifen immer wieder ab. Sicher, Sophies Idee, sich mit Viktor Neumann und seiner Tochter auszusprechen, ist gut. Es ist das Vernünftige. Das, was man eben tut, wenn es mal Unstimmigkeiten gibt unter Nachbarn. Die Dinge klären, bevor sie unabsichtlich zum Problem hochkochen. Lächeln, sich die Hände schütteln und wieder vertragen. Es ist das, was ich meinen Schülern ständig predige, damit sie mal vernünftige Erwachsene abgeben.
Ich bin mir nur nicht sicher, dass Viktor Neumann das genauso sieht.
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