Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens
Kapitel 7
Rousseau: die Regel gründend auf das Gefühl; die Natur als Quelle der
Gerechtigkeit; der Mensch vervollkommnet sich in dem Maße, in dem er sich der Natur nähert (– nach Voltaire in dem Maße, in dem er sich von der Natur entfernt). Dieselben Epochen für den einen die des Fortschritts der Humanität, für den andern Zeiten der Verschlimmerung von Ungerechtigkeit und Ungleichheit.
Voltaire noch die umanità im Sinne der Renaissance begreifend, insgleichen die
virtù (als „hohe Kultur“), er kämpft für die Sache der „honnêtes gens“ und „de la bonne compagnie“, die Sache des Geschmacks, der Wissenschaft, der Künste, die Sache des Fortschritts selbst und der Zivilisation.
Der Kampf gegen 1760 entbrannt: der Genfer Bürger und le seigneur de
Ferney. Erst von da an wird Voltaire der Mann seines Jahrhunderts, der Philosoph, der Vertreter der Toleranz und des Unglaubens (bis dahin nur un bel esprit). Der Neid und der Haß auf Rousseaus Erfolg trieb ihn vorwärts, „in die Höhe“.
Pour „la canaille“ un dieu rémunérateur et vengeur – Voltaire. Kritik beider Standpunkte in Hinsicht auf den Wert der Zivilisation. Die
soziale Erfindung, die schönste, die es für Voltaire gibt: es gibt kein höheres Ziel, als sie zu unterhalten und zu vervollkommnen; eben das ist die honnêteté, die sozialen Gebräuche zu achten; Tugend ein Gehorsam gegen gewisse notwendige „Vorurteile“ zugunsten der Erhaltung der „Gesellschaft“. Kultur-Missionär, Aristokrat, Vertreter der siegreichen, herrschenden Stände und ihrer Wertungen. Aber Rousseau blieb Plebejer, auch als homme de lettres, das war unerhört; seine unverschämte Verachtung alles dessen, was nicht er selbst war.
Das Krankhafte an Rousseau am meisten bewundert und nachgeahmt.
(Lord Byron ihm verwandt; auch sich zu erhabenen Attitüden aufschraubend, zum rankünösen Groll; Zeichen der „Gemeinheit“; später, durch Venedig ins Gleichgewicht gebracht, begriff er, was mehr erleichtert und wohltut, .... l'insouciance.)
Rousseau ist stolz in Hinsicht auf das, was er ist, trotz seiner Herkunft; aber er
gerät außer sich, wenn man ihn daran erinnert ....
Bei Rousseau unzweifelhaft die Geistesstörung, bei Voltaire eine
ungewöhnliche Gesundheit und Leichtigkeit. Die Ranküne des Kranken; die Zeiten seines Irrsinns auch die seiner Menschenverachtung und seines Mißtrauens.
Die Verteidigung der Providenz durch Rousseau (gegen den Pessimismus
Voltaires): er brauchte Gott, um den Fluch auf die Gesellschaft und die Zivilisation werfen zu können; alles mußte an sich gut sein, da Gott es geschaffen; nur der Mensch hat den Menschen verdorben. Der „gute Mensch“ als Naturmensch war eine reine Phantasie; aber mit dem Dogma von der Autorschaft Gottes etwas Wahrscheinliches und Begründetes.
Romantik à la Rousseau: die Leidenschaft („das souveräne Recht der
Passion“); die „Natürlichkeit“; die Faszination der Verrücktheit (die Narrheit zur Größe gerechnet); die unsinnige Eitelkeit des Schwachen; die Pöbel-Ranküne als Richterin („in der Politik hat man seit hundert Jahren einen Kranken als Führer genommen“).