Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens
Kapitel 535
„Musik“ – und der große Stil. – Die Größe eines Künstlers bemißt sich
nicht nach den „schönen Gefühlen“, die er erregt: das mögen die Weiblein glauben. Sondern nach dem Grade, in dem er sich dem großen Stile nähert, in dem er fähig ist des großen Stils. Dieser Stil hat das mit der großen Leidenschaft gemein, daß er es verschmäht, zu gefallen; daß er es vergißt, zu überreden; daß er befiehlt; daß er will.... Über das Chaos Herr werden, das man ist; sein Chaos zwingen, Form zu werden: logisch, einfach, unzweideutig, Mathematik, Gesetz werden – das ist hier die große Ambition. – Mit ihr stößt man zurück; nichts reizt mehr die Liebe zu solchen Gewaltmenschen, – eine Einöde legt sich um sie, ein Schweigen, eine Furcht wie vor einem großen Frevel.... Alle Künste kennen solche Ambitiöse des großen Stils: warum fehlen sie in der Musik? Noch niemals hat ein Musiker gebaut wie jener Baumeister, der den Palazzo Pitti schuf.... Hier liegt ein Problem. Gehört die Musik vielleicht in jene Kultur, wo das Reich aller Art Gewaltmenschen schon zu Ende ging? Widerspräche zuletzt der Begriff großer Stil schon der Seele der Musik, – dem „Weibe“ in unsrer Musik?....
Ich berühre hier eine Kardinalfrage: wohin gehört unsre ganze Musik? Die
Zeitalter des klassischen Geschmacks kennen nichts ihr Vergleichbares: sie ist aufgeblüht, als die Renaissancewelt ihren Abend erreichte, als die „Freiheit“ aus den Sitten und selbst aus den Menschen davon war: – gehört es zu ihrem Charakter, Gegenrenaissance zu sein? Ist sie die Schwester des Barockstils, da sie jedenfalls seine Zeitgenossin ist? Ist Musik, moderne Musik nicht schon décadence?....
Ich habe schon früher einmal den Finger auf diese Frage gelegt: ob unsre Musik
nicht ein Stück Gegenrenaissance in der Kunst ist? ob sie nicht die Nächstverwandte des Barockstils ist? ob sie nicht im Widerspruch zu allem klassischen Geschmack gewachsen ist, so daß sich in ihr jede Ambition der Klassizität von selbst verböte?
Auf diese Wertfrage ersten Ranges würde die Antwort nicht zweifelhaft sein
dürfen, wenn die Tatsache richtig abgeschätzt worden wäre, daß die Musik ihre höchste Reife und Fülle als Romantik erlangt –, noch einmal als Reaktionsbewegung gegen die Klassizität.
Mozart – eine zärtliche und verliebte Seele, aber ganz achtzehntes Jahrhundert,
auch noch in seinem Ernste.... Beethoven der erste große Romantiker im Sinne des französischen Begriffs Romantik, wie Wagner der letzte große Romantiker ist.... beides instinktive Widersacher des klassischen Geschmacks, des strengen Stils, – um vom „großen“ hier nicht zu reden.